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Verschiedene Kontexte, ähnliche Probleme

Sie sind eine Folge fast jeder kriegerischen Auseinandersetzung: Kinder, die infolge sexueller Kontakte zwischen einheimischen Frauen und „fremden“ Soldaten zur Welt kommen. Forschungen zeigen, dass diese „Kinder des Krieges“ überall auf der Welt sich mit den Fragen nach der eigenen Identität, der ethnischen Zugehörigkeit und Fragen nach Staatsbürgerschaften beschäftigen.

Zu ihnen zählen Kinder feindlicher Soldaten, Kinder von Besatzungssoldaten und Kinder von Kindersoldatinnen. Auch Kinder, deren Väter Mitglieder von Friedenstruppen sind, werden als „Kinder des Krieges“ bezeichnet. Der Zeugungshintergrund dieser Kinder umfasst einvernehmliche sexuelle Kontakte wie Liebesbeziehungen, die manchmal in einer Heirat münden, und Affären bis hin zu Versorgungspartnerschaften und „Überlebensprostitution“, aber auch sexuelle Ausbeutung und Sklaverei sowie Vergewaltigungen.

Das von der Europäischen Union geförderte Forschungsnetzwerk Children Born of War (CHIBOW) erforscht die Lebens- und Sozialisationsbedingungen dieser Betroffenen in unterschiedlichen Konflikt- und Postkonfliktsituationen. Eine internationale Konferenz in Leipzig widmete sich Ende Juni den von sozialer und wirtschaftlicher Ausgrenzung geprägten Kindheitserfahrungen der Betroffenen verschiedener kriegerischer Konflikte.

Späte Rückkehr ins „Vaterland“ Japan

Während des Zweiten Japanisch-Chinesischen Krieges von 1937 bis 1945 kamen mindestens 2.000 Kinder in Beziehungen und Ehen zwischen chinesischen Frauen und japanischen Männern zur Welt. Die Väter wurden als Angehörige des Besatzungsapparats interniert und später von China ausgewiesen. Die Kinder waren in der Zeit der Kulturrevolution einer Art Staatsterror in Form der „Massenkampagnen“ besonderen Schikanen und der Gefahr der Verfolgung ausgesetzt.

Als China und Japan in den 1970er Jahren diplomatische Beziehungen aufnahmen, bemühten sich manche der „Kinder des Krieges“ um die Ausreise nach Japan. Als „Rückkehr in das Vaterland“ bezeichneten das die Betroffenen, so Kanako Kuramitsu von der Universität Birmingham. Der Zeitpunkt der Migration war für eine Wiedervereinigung der Familien oft zu spät. Viele Väter waren zu diesem Zeitpunkt bereits verstorben.

„Little Konys“ in Uganda

Einer der brutalsten Konflikte für Kinder tobte jahrzehntelang in Uganda: Der Krieg zwischen der Lord’s Resistance Army und der Regierung seit den 1980er Jahren zählt zu den längsten Auseinandersetzungen Afrikas. Zehntausende Kinder und Jugendliche wurden entführt und als Soldaten zwangsrekrutiert, so Schätzungen von NGOs. Der Missbrauch von Kindersoldatinnen in Zwangsehen hatte nicht selten Schwangerschaften zur Folge. Die Frauen und Mädchen, die Kinder von Rebellenführern zur Welt brachten, erfuhren nach ihrer Rückkehr in die Dorfgemeinschaften häufig Ausgrenzung und Diskriminierung.

In der patrilinearen Gesellschaft der Acholi in Norduganda werden Kinder dem Clan des Vaters zugerechnet. Die Nachkommen von Rebellenführern und Kindersoldatinnen waren in ihren Gemeinschaften deshalb ebenfalls Diskriminierung und Stigmatisierung ausgesetzt. Sie werden als „Little Konys“ bezeichnet, eine Referenz auf den Rebellenführer Joseph Kony.

Integration und alternative Lebensmodelle

Forscher und Forscherinnen der Universität Birmingham untersuchen staatliche und zivilgesellschaftliche Maßnahmen zur Integration und Ausbildung von Kindern, die in Folge von Vergewaltigungen und Zwangsehen während des Konflikts in Uganda zur Welt kamen. Die Rückkehr in die dörflichen Gemeinschaften stellt die Betroffenen und das soziale Umfeld vor Herausforderungen, so der Forscher Boniface Ojok.

Viele Frauen und ihre Kinder mussten ihre Familien verlassen. Dennoch entwickelten einige Frauen auch resiliente Persönlichkeiten, verfolgten alternative Lebensmodelle jenseits traditioneller Strukturen und solidarisierten sich mit anderen Müttern, um etwa den Schulbesuch ihrer Kinder zu ermöglichen.

Fragen der eigenen Identität

Neben dem Zweiten Japanisch-Chinesischen Krieg, dem LRA-Konflikt in Uganda und dem Bosnien-Krieg untersucht CHIBOW den Zweiten Weltkrieg in Mittel- und Osteuropa sowie die österreichische und deutsche Nachkriegszeit.

Trotz der zeitlichen und geografischen Bandbreite sind die existenziellen Fragen der eigenen Identität für alle betroffenen Personengruppen von Relevanz, so Sabine Lee, Leiterin des Forschungsnetzwerks. Auch deuten die vorhandenen Daten darauf hin, dass „Kinder des Krieges“ unabhängig von Zeit und Ort ihrer Geburt ähnlichen Problemen ausgesetzt sind. Je nach kulturellem, geografischem, militärischem und historischem Kontext beeinflussen sie in unterschiedlicher Weise die Lebensverläufe der Betroffenen.

In vielen Kontexten, in denen die Arbeit zu „Kindern des Krieges“ vorangetrieben wird, zeigt sich, dass die Anerkennung der Schicksale durch Staaten ein wichtiger erster Schritt ist. Hierdurch wird der Weg zu Unterstützung vonseiten der Öffentlichkeit oder durch NGOs und Vereine möglich. Auch kann so eine Atmosphäre erzeugt werden, in der Staaten den Zugang zu Archiven erleichtern, was vielen Kriegskindern auf der ganzen Welt die Suche nach ihren Vätern erleichtern würde.

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