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„Können oft nicht von Pension leben“

200.000 Österreicherinnen und Österreicher sind von Altersarmut betroffen – Frauen jedoch um einiges stärker als Männer. Denn heuer werden Männer am 28. Juli im Durchschnitt bereits so viel Pension erhalten haben wie Frauen erst bis Jahresende.

Frauen erhalten um 43 Prozent weniger Pension als Männer. Frauen müssen mit demselben Betrag folglich 156 Tage länger auskommen. Auf diese Ungleichheit will der „Equal Pension Day“ hinweisen - der heuer eben auf den 28. Juli fällt. Seit 2015 wird dieser von der Stadt Wien berechnet. Trotz der strukturellen Diskriminierung von Frauen, die der Pensionsschere zugrunde liegt, kam es in den letzten vier Jahren österreichweit zumindest zu einer leichten Verbesserung.

Frauen mit Kinderwägen

ORF.at/Christian Öser

Unterbrochene Erwerbsbiografien, etwa durch Kinderbetreuung, führen oft zu einer niedrigen Pension

Große Unterschiede bei den Bundesländern

Seit 2015 hat sich der „Equal Pension Day“ um zwei Tage verlängert - 2017 war er bereits am 27. Juli. Zwischen den einzelnen Bundesländern gibt es dabei deutliche Unterschiede. So liegt der „Equal Pension Day“ in Vorarlberg (5. Juli) mehr als eineinhalb Monate vor jenem in Wien (27. August).

Vielfältige Gründe für Unterschiede

Die Gründe für die Diskrepanz sind vielfältig. Ausschlaggebend für die Höhe der Alterspension sind Faktoren wie durchgehende Erwerbsarbeit und die Höhe des erzielten Einkommens. Im Umkehrschluss bedeutet das: unterbrochene Erwerbsbiografien, ob durch Kinder oder Pflege, sowie ein niedriges Einkommen führen zu einer niedrigen Pension. Mit der Ausgleichszulage reicht es für viele Frauen oft gerade einmal für die Mindestpension.

Frauen haben im Schnitt zehn Beitragsjahre weniger als Männer. Großteils sind diese auf betreuungsbedingte Erwerbsunterbrechungen zurückzuführen, denn das durchschnittliche Antrittsalter zur Alterspension unterscheidet sich nur um rund drei Jahre.

Eine Frau steht an ihrem Schreibtisch und telefoniert

Getty Images/Portra

Frauen verdienen in Österreich für die gleiche Tätigkeit 22,2 Prozent weniger - auch das wirkt sich auf die Pension aus

Dazu kommt die Lohnschere: Frauen verdienen in Österreich in Vollzeit für die gleiche Tätigkeit 22,2 Prozent weniger als Männer in derselben Position. Zudem arbeiten Frauen oft in „Frauenbranchen“, die wesentlich schlechter bezahlt sind als Branchen, in denen vorwiegend Männer arbeiten.

„30-Stunden-Woche für alle“

Einen wesentlichen Grund für die schlechten Frauenpensionen sieht der Österreichische Städtebund auch in den hohen Teilzeitraten bei Frauen. Je länger Erwerbsunterbrechungen und Teilzeitphasen ausfallen, desto niedriger wird die Pension und damit das Lebenseinkommen. „Frauen verrichten den Großteil unbezahlter Haus- und Betreuungsarbeit und können dann trotz jahrelanger Berufstätigkeit nicht von ihrer Pension leben“, erklärt Städtebund-Generalsekretär Thomas Weninger.

Um die im europäischen Vergleich überdurchschnittlich hohen Einkommens- und Pensionsdifferenzen zu reduzieren, brauche es in vielen Bereichen neue Rahmenbedingungen - von der langfristigen Grundfinanzierung von Kinderbetreuungseinrichtungen bis zur Umstrukturierung am Arbeitsmarkt. Er verweist auf die Forderung des Frauenvolksbegehrens nach einer 30-Stunden-Woche für alle. Diese würde zu einer besseren Umverteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit führen.

Verbesserungen der Arbeitsbedingungen gefordert

Die ÖGB-Frauen sehen konkrete Verbesserungsmaßnahmen in einem Lohntransparenzgesetz, der vollen Anrechnung der Elternkarenzen sowie im Ausbau der flächendeckenden Kinderbildungseinrichtungen. Diese würden es mehr Frauen ermöglichen, ihre Arbeitsstunden aufzustocken oder in Vollzeit zu arbeiten.

Das wiederum führe zu besseren Einkommen und wirke sich positiv auf die Pensionshöhe aus. Ebenso bedürfe es eines Ausbaus des Pflege- und Betreuungsangebots. „Frauenpensionen steigen erst dann, wenn Arbeitsbedingungen verbessert werden und Frauen gleiche Chancen am Arbeitsmarkt vorfinden“, betont die ÖGB-Vizepräsidentin Korinna Schumann in einer Aussendung.

Auswirkungen der ÖVP-FPÖ-Pensionsreform

Der Präsident des SPÖ-Pensionistenverbands, Peter Kostelka, macht neben der ungleichen Entlohnung und der Teilzeitarbeit vor allem die Auswirkungen der ÖVP-FPÖ-Pensionsreform von 2003 für die Unterschiede verantwortlich. „Der damals beschlossene längere Durchrechnungszeitraum zur Bestimmung der Pensionshöhe hat besiegelt, dass immer mehr Frauen heute immer weniger Pension bekommen.“ Er schlägt vor, die zehn schlechtesten Beitragsjahre bei der Pensionsberechnung nicht zu berücksichtigen. Für die kommende Pensionserhöhung bekräftigte Kostelka die Forderung nach Berücksichtigung der tatsächlichen Teuerung der für die Senioren maßgeblichen Produkte.

Kritik an Regierung

Klaudia Frieben, Vorsitzende der Pro-Ge Frauen, übt indes scharfe Kritik an der jetzigen Regierung. Die aktuelle Politik der Regierung trage nichts dazu bei, die Situation der Frauen zu verbessern. „Verschärfungen bei der Arbeitszeit und fehlende Investitionen in den Ausbau der Kinderbetreuung werden dazu beitragen, dass Frauen mit Kindern kaum mehr Chancen haben, einer Vollzeitbeschäftigung nachzugehen. Anstatt die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu erleichtern, geht man zwei Schritte zurück“, sagt Frieben.

Eine junge Frau steht neben einem älteren Mann im Rollstuhl

Getty Images/FredFröse

Auch durch Pflege der Angehörigen können sich Brüche und Lücken im Erwerbsleben ergeben

Da viele Frauen im Niedriglohnsektor beschäftigt sind, sei das Ziel aber ein kollektivvertraglicher Mindestlohn von 1.700 Euro. „Altersarmut ist nach wie vor weiblich. Es ist also ein Auftrag an die Regierung, Frauen so zu unterstützen, dass sie auch im Alter ausreichend abgesichert sind“, so Frieben abschließend. Auch SPÖ-Frauenvorsitzende Gabriele Heinisch-Hosek forderte die ÖVP-FPÖ-Koalition auf, den SPÖ-Antrag für eine Mindestpension von 1.200 Euro mit 40 Versicherungsjahren ab 1. Jänner 2019 umzusetzen. Der Vorschlag sieht auch die Berücksichtigung von Zeiten der Kindererziehung, der Krankheit und Arbeitslosigkeit vor. „Davon würden Frauen zu zwei Dritteln profitieren.“

Gleichteilige Karenz von Müttern und Vätern

Arbeiterkammer-Präsidentin Renate Anderl plädierte für mehr und bessere Kindergärten und Pflege, Anreize für partnerschaftliche Teilung bei der Familienarbeit, mehr Transparenz bei den Löhnen und Unterstützung für Frauen, die keine oder eine falsche Qualifikation haben. Die aktuellen Maßnahmen der Bundesregierung gingen aber in die genau gegenteilige Richtung, kritisierte auch Anderl.

Liste-Pilz-Frauensprecherin Maria Stern hielt Frauenministerin Juliane Bogner-Strauß (ÖVP) vor, den Kopf in den Sand zu stecken. Sie schlug eine gleichteilige Karenz von Müttern und Vätern und anschließende Elternteilzeit nach skandinavischem Vorbild bei gleichzeitiger Arbeitszeitverkürzung vor. NEOS-Frauensprecherin Claudia Gamon warf der Regierung vor, tatenlos zuzusehen, wie Frauen im Alter in Abhängigkeit von Staat und Partner rutschen. Sie forderte eine rasche Angleichung des Frauenpensionsalters, ein automatisches Pensionssplitting und einen massiven Ausbau der Kinderbetreuungsplätze.

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