Alte Ansichtskarten
Magdalena Miedl
Ansichtskarten

Die schönen Vorläufer von WhatsApp

Schöne Urlaubsgrüße per Postkarte: Was früher alltäglich war, ist heute zur nostalgischen Praxis geworden. Als die Post noch mehrmals täglich lieferte, hatten Ansichtskarten jedoch WhatsApp-Funktion: Am Vormittag arrangierte man per Karte ein Treffen für den Nachmittag. Ein Streifzug durch die Geschichte eines alten Mediums.

Privatsammler und -sammlerinnen sowie Institutionen wie das Wien Museum haben 150 Jahre der Korrespondenz via Ansichtskarten bewahrt. Damals gab es von jedem Wiener Gässchen eine eigene Karte – sie gehörten zum Alltag wie heute Soziale Netzwerke. „Liebe Meni! Ich sitze gerade im Türkenschanzpark auf einer Bank und schreibe euch. Gestern abend war ich in einem sehr interessanten und schönen Kino. Viele Grüße Grete.“ Diese Nachricht von geradezu humoristischer Inhaltsleere wurde im Mai 1931 verfasst. Zu sehen ist auf der Postkarte eine Ansicht des Wiener Türkenschanzparks, wie sie heute wohl nicht mehr zum Kauf angeboten würde.

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Magdalena Miedl
Ein flüchtiger Gruß aus dem Wiener Türkenschanzpark
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Wien Museum
1890 wurde noch ungeniert auf die Bildseite geschrieben: „Correspondenz-Karten“ erlaubten auf der Adressseite keinen Text, alle Botschaften mussten auf der Rückseite Platz finden
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Wien Museum
In den Straßen von Ottakring: Sogar die stille Odoakergasse bekam während des Postkartenbooms ihre rund 1,5 Quadratdezimeter Ruhm
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Wien Museum
Auch Ereignispostkarten geben Auskunft über die Topografie einer Stadt. Die Ansicht zeigt ein brennendes Arbeiterheim in Floridsdorf während der Februarkämpfe 1934.
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Wien Museum
Bei Sammlern begehrt sind die Ansichtskarten der Wiener Werkstätte, etwa diese Ansicht des Nordwestbahnhof von Josef Diveky aus dem Jahr 1911
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Wien Museum
Zur Blütezeit der Ansichtskarte boten Verlage auch Spezialformate an wie diese Panoramapostkarte etwa um 1900. Zum Versenden konnte der Fotostreifen zusammengeklappt werden, vor allem waren solche Karten aber Sammlerobjekte.
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Wien Museum
Ansichtskartenmotive hatten oft weniger den Anspruch einer naturgetreuen Abbildung als einer Verdeutlichung der Situation, oft mittels Fotomontage. In diese Ansicht des Wienkanals am Schottenring von 1915 wurde ein Schiff hineinretuschiert.
Ansichtskarte
Wien Museum
Auch Juxpostkarten erzählen davon, wie eine Stadt sich selbst betrachtet. Auch wenn der Scherz hier danebenging: Im Jahr 1910 ahnte niemand, dass statt der Luftfahrt die berittene Polizei nach Wien zurückkehren würde.
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Wien Museum
Die echte Luftfahrt ist im Jahr 1963 Anlass für ein spektakuläres Motiv
Ansichtskarte
Wien Museum
Alles bunt und wunderbar: Früher als billig verpönt, sammelt das Wien Museum inzwischen auch Offset-Druck-Ansichtskarten mit ungewöhnlichen Stadtmotiven, wie etwa von der Wiener Internationalen Gartenschau 1964.

Erfunden wurde die „Correspondenz-Karte“ in den 1860er Jahren in Deutschland, anfangs noch als reines Textmedium oder mit kleinen Bildern, bei denen auf der Rückseite nur die Adresse stehen durfte. Später wurden die Bilder immer dominanter, das Textfeld wechselte auf dieselbe Seite wie die Adresse. Um die Jahrhundertwende gab es einen wahren Boom: Ansichtskarten waren bald auch beliebtes und preiswertes Sammelobjekt, sagt der Historiker Sandor Bekesi vom Wien Museum gegenüber ORF.at.

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Sogar kleine Wiener Gässchen hatten eigene Ansichtskarten

Jeder Gasse ihren Auftritt

Zwischen 1895 und 1918 habe es, so Bekesi, in europäischen Großstädten „praktisch von jeder größeren Straße und jedem Platz eigene Ansichten auf Postkarten“ gegeben. Das trifft auch auf Wien zu: Im Ansichtskartenarchiv des Wien Museums existieren von fast der gesamten Innenstadt und bis weit in die Außenbezirke hinaus Abbildungen selbst von kleinen Gassen. Wie sich eine Stadt für sich selbst und nach außen zeigt, wurde von diesen Bildern mitbestimmt, auch wenn die meisten der Verlage keine offiziellen Ansichten abdruckten.

Alte Ansichtskarten
Magdalena Miedl
Eine Karte für die „eifrige Sammlerin“ im 19. Jahrhundert

Der kleine Luxus

Lange waren Postkarten die preiswerte Alternative zum Brief: Botschaften bis zu fünf Grußworten gab es gar zum besonders niedrigen Tarif, ein telegrammartiger Stil wurde vom deutschen „Erfinder“ der Postkarte 1865 ausdrücklich empfohlen. Seit 1. Juli 2018 ist das Versenden von Ansichtskarten ein kleiner Luxus: 0,80 Euro kostet das Versenden im Inland, 0,90 in Europa und 1,80 Euro weltweit.

Die Fülle an Motiven und die schiere Menge an versendeten Karten – 276,7 Millionen Stück waren es auf dem Höhepunkt der Begeisterung im Jahr 1912 – sind auch auf die Funktion zurückzuführen: „Damals war es möglich, mittels Postkarte am Vormittag eine Verabredung am Nachmittag im Kaffeehaus zu vereinbaren, weil die Postzustellungen viel häufiger waren“, so Bekesi. „Wer kein Telefon hatte, verwendete für diese Kommunikation eben die Postkarte.“ Die mehrfach tägliche Zustellung gab es in Wien bis zum Ersten Weltkrieg, durch die Konkurrenz des Telefons nahm die Frequenz kontinuierlich ab.

Viele Ansichtskarten wurden allerdings nicht versandt, sondern gleich Teil einer Sammlung. Ein Beispiel dafür ist die Sammlung der Wienerin Else Erxleben, die um die Jahrhundertwende sammelte. Erxleben war mit einem Angestellten der Reichsbahn verheiratet und begleitete ihren Mann mehrmals im Jahr zu Fernreisen. Über 3.500 Ansichtskarten aus ganz Europa liegen dem Wien Museum von ihren Reisen vor, in zehn sorgfältig zusammengestellten Alben.

Ansichtskarten-Sammlung
Wien Museum
Sammelalben (ca. 1897–1915) der Familie Dr. Wilhelm Ritter von Reuss (Kurarzt) in Böhmen

Holzfurnier, Flitter und Panorama

Das Archiv des Wien Museums, das etwa 15.000 Ansichtskarten vor allem aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg umfasst, ist eine Fundgrube von besonderem Reiz: Da gibt es querformatige Panoramaansichten, es gibt Riesenpostkarten und Karten aus speziellen Materialien, etwa Holzfurnier. Manche Postkarten sind in Prägedruck, andere mit Flitter beklebt. Lithografien und echte Fotografien, Stahlstiche und vielerlei andere Drucktechniken kamen zum Einsatz.

„Für das Jahr 2021 planen wir eine Ausstellung, wo wir die Geschichte der topografischen Ansichtskarte an Wiener Beispielen behandeln werden“, sagt Bekesi. Dabei wird es aber nicht nur wertvolle Ansichtskarten zu sehen geben, wie etwa die bei Sammlern und Sammlerinnen hoch gehandelten Karten der Wiener Werkstätte, sondern auch neuere Ansichtskarten in billigem Offset-Druck, die aufschlussreiche Stadtmotive zeigen, bis herauf in die Gegenwart.

Der altmodische Charme der Ansichtskarte ist nicht vergangen, im Gegenteil: Auf dem Twitter-Account „Postcards from the Past“ sind Fragmente biederer Postkartennachrichten nachzulesen, ein subversives Vergnügen, das sich aus dem fehlenden Kontext ergibt. Die Ansichtskarte mag wie ein Relikt wirken, ähnlich wie – je nach Grad des Kulturpessimismus – Bücher, Papierzeitungen, Tonbänder und Schallplatten.

Kein Instagram auf dem Dachboden

Doch wie haptische Formen von Popkultur erleben auch Postkarten immer wieder eine Renaissance. Modernere Medien lösen sie nicht ab, sondern beide Formen existieren nebeneinander. Begonnen hat das in den 90er Jahren mit der Erfindung der „E-Card“, dem Versenden formal an Postkarten angelehnter Bildbotschaften per E-Mail. Elektronische Postkarten werden als Kuriosum bis heute von der Post angeboten, dabei handelt es sich um Ansichtskarten, die mit einem eigenen Foto bedruckt und tatsächlich per Post versandt werden.

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Heute bieten längst Soziale Netzwerke genau jene kombinierten Funktionen, die einst die Postkarte vereinte, von WhatsApp über Twitter und Facebook bis – vor allem – Instagram. Für Historikerinnen und Historiker, denen die Ansichtskarte als populäres Alltagsmedium zur wichtigen Quelle geworden ist, hat diese Verlagerung ins Digitale aber einen entscheidenden Nachteil: In hundert Jahren wird niemand eine Sammlung mit ausgedruckten Instagram-Postings auf einem Dachboden finden und daraus ableiten, wie Menschen 2018 die Welt sahen. Und ob das digitale Erbe erhalten bleibt, sei dahingestellt.

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