Rotterdam

An der vordersten Front des „Brexits“

Lange Wartezeiten, überbordende Bürokratie, Stau an Land und zu Wasser: In Europas größtem Seehafen in Rotterdam könnten sich die wirtschaftlichen Auswirkungen des britischen EU-Austritts ganz konkret zeigen. Die Behörden versuchen, sich zu wappnen – und warnen davor, dass Unternehmen nicht gut genug auf den „Brexit“ vorbereitet sind.

Rotterdams Hafengelände hat eine Fläche von rund 125 Quadratkilometern. Es beginnt im Herzen der Stadt und zieht sich über 40 Kilometer bis auf die in den 1960ern angelegte künstliche Insel Maasvlakte in der Nordsee, auf deren Terminals selbst die derzeit größten Containerschiffe der Welt be- und entladen werden können.

Wirtschaftlich reicht die Bedeutung des Hafens – er ist der größte Europas und der zehntgrößte der Welt – noch viel weiter: 468 Millionen Tonnen Waren und Güter werden jährlich in Rotterdam umgeschlagen. 180.000 Menschen haben danke des Hafens Arbeit. Mit einem Umsatz von etwa 21 Milliarden Euro im Jahr trägt er 3,5 Prozent zum gesamten Bruttoinlandsprodukt (BIP) der Niederlande bei.

Schiffe und Kräne im Hafen von Rotterdam
ORF.at/Philip Pfleger
Auf den Terminals auf Maasvlakte können die weltgrößten Containerschiffe be- und entladen werden

Tusk warnt vor „Katastrophe“

„Diese Größe haben wir nicht wegen der Niederlande“, so Mark van Dijk, der für die auswärtigen Angelegenheiten des Hafens zuständig ist, „sondern wegen Europa.“ Nur ein Bruchteil der Waren und Güter, die in Rotterdam ankommen, bleibt in den Niederlanden. Der weitaus größere Teil wird per Lkw, Eisenbahn oder Binnenschiffen weiter in andere Länder gebracht. Möglich machen den raschen und unbürokratischen Transport über die Landesgrenzen hinweg der gemeinsame EU-Binnenmarkt und die Zollunion.

Karte zeigt Rotterdam mit der Insel Maasvlakte und dem World Port Center
Grafik: OSM/ORF.at
Zwischen dem World Port Center, dem Sitz der Hafenbehörde, und der Insel Maasvlakte erstreckt sich der Rotterdamer Hafen über eine Länge von 40 Kilometern

Die EU wird mit dem 29. März 2019 schrumpfen. An diesem Tag verlässt Großbritannien nach derzeitigem Stand die Europäische Union und nach einer Übergangsphase mit Anfang 2021 auch den gemeinsamen Markt und die Zollunion. Die Verhandlungen über den Austrittsvertrag und die zukünftige Gestaltung der Beziehungen ziehen sich hin.

Die britische Premierministerin Theresa May beharrt auf der Einrichtung einer Freihandelszone für Güter zwischen Großbritannien und der EU – Brüssel lehnt das als „Rosinenpickerei“ ab. Ob ein Kompromiss zustande kommt, ist bisher unklar. EU-Ratspräsident Donald Tusk warnte bereits vor einer „Katastrophe“, sollte Großbritannien ohne Abkommen austreten.

Aus zwei mach neun

Dass man von der britischen Entscheidung betroffen sein werde, habe man bereits ein Jahr nach der „Brexit“-Abstimmung im Juni 2016 gewusst, erklärte van Dijk bei einer Presserundfahrt durch den Rotterdamer Hafen vor internationalen Journalistinnen und Journalisten. Seit April 2017 laufen nun bereits die Vorbereitungen für den „Brexit“.

Rotterdam bereitet sich auf „Brexit“ vor

Rotterdam ist der größte Hafen Europas. Dort wird man als erstes die direkten Auswirkungen des „Brexit“ zu spüren bekommen.

„Politisch gibt es viel Unsicherheit“, sagte Roel van’t Veld, „Brexit“-Koordinator der niederländischen Zollbehörden. „Wir dagegen haben Sicherheit: Wenn Großbritannien den gemeinsamen Markt und die Zollunion verlässt, dann wird es wieder Zollregularien geben.“ Das bedeutet nicht zuletzt eines: Der bürokratische Mehraufwand steigt. Beim Export von Fleisch von den Niederlanden nach Großbritannien brauche es derzeit zwei Formulare, sagte van’t Veld. Nach dem „Brexit“ würden es bis zu neun sein.

Behörden stocken bei Personal auf

Auf den Zoll kommt eine Menge Arbeit zu. 10.000 Schiffe mehr pro Jahr werde man kontrollieren müssen, die Zahl der zu deklarierenden Güter steige um 20 bis 30 Prozent, so van’t Veld. Derzeit liefen die Rekrutierung und die Ausbildung von neuem Personal. Im günstigsten Fall – London und Brüssel schließen ein Freihandelsabkommen – brauche man 750 zusätzliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter; im „No Deal“-Szenario 928.

Schiffe und Kräne im Hafen von Rotterdam
ORF.at/Philip Pfleger
Containerschiff in Rotterdam: Auf den Zoll kommt nicht nur bei der Kontrolle an den Containerterminals einiges mehr an Arbeit zu

Die niederländische Lebensmittel- und Konsumentenschutzbehörde ist ebenfalls auf Personalsuche. „Wir rechnen mit einer 30-prozentigen Zunahme bei den Importkontrollen und einer 100-prozentigen bei den Exportkontrollen“, sagte Liesbeth Kooijman, Leiterin der Abteilung Importkontrolle. 140 zusätzliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter würden gebraucht, 100 davon aus dem Bereich Veterinärmedizin. So schnell so viele erfahrene Verterinärmedizinerinnen und -Mediziner in den Niederlanden aufzutreiben ist unmöglich. Die Behörde sucht daher auch in Süd- und Osteuropa nach geeignetem Personal.

Wie lange die Staus nach dem „Brexit“ sein werden, will Zolloffizier van’t Veld nicht abschätzen: „Unser Job ist es, Staus zu verhindern“, sagte er. Im Hafen wird dennoch bereits nach Flächen gesucht, die zu Abstellplätzen umfunktioniert werden können, sollten sich wegen der neuen Kontrollen Lkw-Kolonnen bilden.

Dichte Versorgungskette

Zwischen den Niederlanden und Großbritannien ist in den vergangenen Jahren eine dichte Versorgungskette von Frischwaren entstanden. Wie verwoben der Handel ist, verdeutlicht die „Stena Hollandica“: Um 14.15 Uhr legt die Fähre von Rotterdam ab und nimmt Kurs auf den britischen Hafen Harwich. 35 Prozent der 300 Lastwagen auf dem Schiff haben Obst und Gemüse, Fleisch oder Blumen geladen. Die Waren werden nach der knapp siebenstündigen Überfahrt noch am selben Abend in den Regalen britischer Supermärkte liegen.

Auf dem Weg nach Großbritannien

Lkws rollen auf die „Stena Hollandica“: Der letzte Lastwagen erreicht den Hafen knapp eine Stunde vor Abfahrt des Schiffes

„Die gesamte Versorgungskette wurde dahingehend optimiert und stark ausgebaut (…). Auch die höchstmögliche Verweildauer in den Regalen wird so ermöglicht“, sagte Annika Hult, Direktorin des Bereichs Nordsee-Transport bei Stena Lines. Der letzte Lkw rollt knapp eine Stunde vor Abfahrt der Fähre an Bord. Mit den Kontrollen der Lebensmittelaufsicht droht die Kette unterbrochen zu werden. Kooijman rechnet mit Verzögerungen von „bis zu einem Tag“.

„Bereitet sie auf das Schlimmste vor!“

Kopfzerbrechen bereitet den Behörden auch ein anderer Umstand: Einer aktuellen Umfrage zufolge hat noch nicht einmal jede fünfte der 35.000 niederländischen Firmen, die mit Großbritannien Handel treiben, Vorkehrungen für die Zeit nach dem „Brexit“ getroffen.

Schiffe und Kräne im Hafen von Rotterdam
ORF.at/Philip Pfleger
Die „Stena Hollandica“ legt ab: In wenigen Stunden vom Hafen Rotterdam in den britischen Supermarkt – das wird es künftig nicht mehr spielen

„Die Zollbehörden werden am 30. März 2019 bereit sein. Aber sie können nichts tun, wenn es die Firmen nicht sind“, sagt van’t Veld. Bei Stena Lines sind die Vorbereitungen für den „Brexit“ laut Hult bereits angelaufen. Ob andere Unternehmen aus ihrer Sicht gut vorbereitet sind, will sie auf ORF-Nachfrage nicht beantworten: „Das wäre Spekulation. Ich kann nur für uns sprechen (…) es ist schwierig, sich auf etwas vorzubereiten, bei dem es noch keine Klarheit gibt. Man kann nur sagen: Bereitet sie auf das Schlimmste vor!“ Angesichts der Unsicherheit falle die Entscheidung schwer, große Investitionen zu tätigen.

Links