Kunstwerk Anschluss 90 von Enrike Naumann
ORF.at/Simon Hadler
Steirischer herbst

Die Freiheit, die sie meinen

Die Kunst der Stunde ist Widerstand – beim steirischen herbst ohnehin jedes Jahr, heuer aber ganz besonders. Zahlreiche Ausstellungen, Diskussionen, Theater- und Musikveranstaltungen dienen der Selbstvergewisserung von Kritikern und Kritikerinnen der Verhältnisse. ORF.at hat mit der Autorin Olga Flor gesprochen, die sich kein Blatt vor den Mund nimmt.

Der steirische herbst ist wie eh und je voll von kleinen Überraschungen und unerwarteten Gesprächen, es plätschert dahin, anregend, und ist eine Art ideologische Rückenstärkung und Frischzellenkur für kritische Geister. Und dann, zwischendurch, einzelne Paukenschläge – wie am Freitag das Konzert von Laibach und am Samstag die Rede von Flor.

Flor ist Romanautorin und eine streitbare Intellektuelle, die komplexe Zusammenhänge auf den Punkt bringt. Für den steirischen herbst wurde sie gleich zweifach engagiert. Einmal zu einer Podiumsdiskussion zum Thema „Conchita vs. Gabalier“, einmal als Eröffnungsrednerin der Ausstellung „Guerilla der Aufklärung“ im rotor. Dort wusste man selbstredend, dass sie nicht lange um den heißen Brei herumreden würde. Und so war es dann auch: Flor zog über die Neue Rechte vom Leder, von Russland über Ungarn bis Österreich.

Kunstwerk Dämonische Leinwände
Kozek Hoerlonski und Alexander Martinz, Repro: ORF.at/Simon Hadler
„Dämonische Leinwände“ von Kozek Hörlonski und Alexander Martinz: Holzvertäfelung und Bier, eine „Austrian Horror Story“
Kunstwerk Anschluss 90 von Enrike Naumann
ORF.at/Simon Hadler
In „Anschluss ’90“ entwirft Enrike Naumann eine doppeldeutsch-österreichische Identität. Ekelmöbel treffen auf Literatur
Kunstwerk Schnee von gestern
Irina Korina, Foto: ORF.at/Simon Hadler
Irina Korinas „Schnee von gestern“: Dreckiger Schnee, wankende Birken, rankende Pflanzen, eine wabernde Heimatwelt
Kunstwerk Schnee von gestern
Irina Korina, Foto: ORF.at/Simon Hadler
Korinas „heiße Luft“ zu Heimatbegriff wird in der List-Halle von den Schildern „gestern“ und „vorgestern“ flankiert
Kunstwerk Heimat
Christoph Szalay, Repro: ORF.at/Simon Hadler
Christoph Szalays Stoffbahnen im Minoritenkloster: „Heimat“ – ein Fetzen Stoff, ein Zaun, mehr ist da nicht mehr
Kunstwerk Ökonomien der Verzweiflung
Ines Doujak, Foto: ORF.at/Simon Hadler
Ines Doujaks „Ökonomien der Verzweiflung“: Ikonografische Körperwelten und Statistiken des Grauens als Horroramalgam
Kunstwerk Stimmen des unsterblichen Absichtsfeldes
Igor und Ivan Buharov, Foto: ORF.at/Simon Hadler
Igor und Ivan Buharov: „Stimmen des unsterblichen Absichtsfeldes“, wo die Natur nicht rangeht, dafür aber der Diktator
Kunstwerk Stimmen des unsterblichen Absichtsfeldes
Igor und Ivan Buharov, Foto: ORF.at/Simon Hadler
Sterischer-herbst-Chefin Ekatarina Degot sieht im Werk von Igor und Ivan Buharov „Anarchie und Buddhismus“
Laibach The sound of Music
Schlossberg
Laibach, die slowenische Urgewalt, inszeniert „The Sound of Music“ als Musicalcollage zwischen Nordkorea und Österreich
Plakat des Steirischen Herbst
ORF.at/Simon Hadler
So viel Volk: Das „Volksfronten“-Motto des steirischen herbstes, hier vor Margarete Schütte-Lihotzkys Volkshaus
Recherchefoto für Exhibiting at the Trowel’s Edge
Milica Tomić
Milica Tomic zeigt die verdrängte Geschichte von Aflenz, wo KZ-Häftlinge und Kriegsgefangene schuften mussten
Anzeige für Withdrawing Adolf Hitler from a Private Space
Yoshinori Niwa
Annonce von Yoshinori Niwa; dazu passend wurde ein Container aufgestellt, in den man Nazi-Devotionalien werfen kann
Kunstwerk Intercession on Karl-Marx-Street
Victoria Lomasko, Repro: ORF.at/Simon Hadler
Victoria Iomasko: „Intercession on Karl Marx Street“; das völkisch-religiöse Russland von Präsident Wladimir Putin

„Ein höchst kindischer Freiheitsbegriff“

ORF.at hat bei ihr nachgefragt: Ist es nicht so, dass die Rechten zwar restriktive Gesetze erlassen, auf der anderen Seite aber durch Tabubrüche den politischen Diskurs befreit haben? Tabubrüche quasi als Fundament eines neuen Freiheitsbegriffs? „Ein höchst kindischer Freiheitsbegriff – die politische Unkorrektheit ist längst der Mainstream, eine wohlfeile unkorrekte Selbstgerechtigkeit macht es sich augenzwinkernd in ihrem Krähwinkel gemütlich.“ Dagegen müsse man ankämpfen – aber unaufgeregt.

Romanautorin Olga Flor
Lisa Rastl
Olga Flor

Zu verteidigen gelte es, so Flor sinngemäß, eine empathische Grundhaltung und, ganz konkret, die Meinungs- und Pressefreiheit. Doch strategische, systematische Verstöße gegen die politische Korrektheit aus politischem Kalkül gibt es in Österreich nicht erst seit gestern. Und zum Provozieren gehört immer auch jemand, der sich provozieren lässt. Jahr für Jahr prangern Künstlerinnen und Künstler in ihren Reden bei der Diagonale und Viennale, beim steirischen herbst und überall sonst, wo man ihnen ein Mikro hinhält, Sozialabbau und rassistische Politik an.

Die unheilige Allianz

Man könnte argumentieren, dass es diese Daueraufgeregtheit all jenen leichter macht, die unter dem Deckmantel pseudoprotektionistischer, nationalistischer Politik eine beinharte neoliberale Gesetzgebung durchdrücken, weil der Schaukampf zwischen links und rechts, willfährig vom Boulevard als Mutter aller Schlachten inszeniert, ihre Wählerschaft mobilisiert. Flor widerspricht vehement: „In Zeiten der Verrohung muss man auf zivilisatorische Mindeststandards wie die der Einhaltung der Menschenrechte pochen. Und der Diskurs in Österreich ist eben auch in den letzten Jahrzehnten deutlich unkritischer verlaufen als etwa in Deutschland, wo bestimmte Positionen immer noch nicht als regierungsfähig gelten.“

Der steirische herbst wandert durch Graz

Die 51. Ausgabe des Kunstfestivals steirischer herbst trägt den Titel „Volksfronten“ und ist in ganz Graz präsent. Intendantin Ekatarina Degot im Kurzinterview.

Den unheiligen Kreislauf, die Allianz von Kapital und Ressentiment, den großen Zusammenhang, erklärt Flor, hier verkürzt wiedergegeben, so: Wir konsumieren immer mehr und billiger auf Kosten der Menschen in Schwellen- und Entwicklungsländern, weshalb diese nach Europa kommen, was wiederum die Angstpropaganda der Rechten befeuert.

So konnte dank des Sozialabbaus dort auch der Sozialabbau hier vorangetrieben werden: „Ich denke, dass die bewusste Ausdünnung und Zerstörung der Errungenschaften des Sozialstaates zugunsten eines Deregulierungs- und Privatisierungsnarrativs das Gefühl für die Wertigkeit einer gesellschaftlichen Infrastruktur und einer sozial- und umweltbewussten Politik verloren gehen ließ.“

„Uns selbst zwingen, hinzusehen“

Die Verrohung könne man nur ganz grundlegend bekämpfen: „Indem wir uns selbst zwingen, hinzusehen, nach humanitär vertretbaren Lösungen suchen und immer wieder eine menschlichere Politik einfordern.“ Hier kommen die Künstlerinnen und Künstler, die Kuratorinnen und Kuratoren ins Spiel: „Festivals wie der steirische herbst geben dafür äußerst wichtige Impulse.“ So jemand, der zwingt, hinzusehen, ist die Klagenfurter Künstlerin Ines Doujak.

Buchhinweise

  • Olga Flor: Klartraum. Jung und Jung, 288 Seiten, 23 Euro.
  • Olga Flor: Politik der Emotion. Residenz, 96 Seiten, 18 Euro.

Sie hat neben jedem ihrer Bilder im Grazer Minoritenkloster Zettelchen mit statistischen Zahlen aufgehängt. Zum Beispiel: „Mindestens 27.000 Migrant*innen sind seit 1993 auf ihrem Weg nach Europa ertrunken.“ An anderer Stelle listet sie die Milliarden Euro auf, die momentan weltweit für Grenzzäune ausgegeben werden. Ihre surrealistischen Gemälde zeigen Kinder mit Hautkrankheiten aus medizinischen Büchern des 19. Jahrhunderts, wie Ikonen drapiert. Das ist bedrückend und effektvoll und durchaus subtil.

Laibach The sound of Music
Schlossberg
Laibach, die slowenische Urgewalt, inszeniert „The Sound of Music“ als Musicalcollage zwischen Nordkorea und Österreich

Laibach mit dem Holzhammer

Gar nicht subtil, aber mit Pauken und Granaten ging die slowenische Band Laibach vor. Ihre Inszenierung des Musicals „The Sound of Music“, vorgetragen mit donnerndem Bass, untermalt von Visuals, die urösterreichische und nordkoreanische Heimatikonografie in knallbunten Farben aufeinanderprallen lassen, lässt keine Fragen offen, aber die Band beantwortet sie trotzdem, in Form eines gelesenen Textes, der die österreichische Regierung unverhohlen des Neonazismus bezichtigt. Ein farbenfroher Polittrip: Holzhammer statt LSD.

Ekatarina Degot, Intendantin Steirischer Herbst
ORF.at/Simon Hadler
„Herbst“-Chefin Ekatarina Degot

Vom Felsen am Schlossberg hängen auf roten Flaggen jene Buchstaben, die das Wort „Revolution“ bilden (Performance „Putsch“ von Roman Osminkin). Und Kuratorin Ekatarina Degot spricht vom „Vorherbst“, in Erinnerung an den revolutionären Vormärz. Eine kleine Revolution brachte auch das erste Jahr ihrer Intendanz. Statt der früher überbordenden Hauptausstellung werden heuer auf ganz Graz verteilt gigantische, komplexe Installationen gezeigt, die vom steirischen herbst eigens in Auftrag gegeben wurden. Konzentration statt Masse. Das Konzept geht auf.

Passenderweise im Kommunistenfestsaal des von der legendären „Arbeiterarchitektin“ Margarete Schütte-Lihotzky erbauten Volkshauses haben Igor und Ivan Buharov ihren Mediendschungel „Stimmen des unsterblichen Absichtsfeldes“ aufgebaut. Bunte Pflanzenpracht, dunkles Schwarz rundherum, wabernde Sounds, Screens, Bilder, alte Telefone, aus einem Radio ertönt Applaus für die Rede von Diktatoren. Man will die Natur anrufen, doch stattdessen melden sich Faschisten am Telefon: Die assoziationsreiche Installation ist gleichzeitig ästhetisch wunderschön und inhaltlich zutiefst beunruhigend.

Der Schnee von gestern und vorgestern

Gleich die ganze Helmut-List-Halle füllt Irina Korinas „Schnee von gestern“. Heiße Luft füllt ihre Installation, und zwar im Wortsinn: aufgeblasener Schnee, aber nicht der feine Alpinschnee, auf den die Skination so stolz ist, sondern dreckiger Straßenschnee. Sich aufplusternde Birken, die in der Hymne besungenen Flüsse, so blau. Und Flankiert wird das ganze von den Worten „gestern“ (gestern war alles so schön) und „vorgestern“ (vor der allzu weiten Vergangenheit fürchten wir uns).

TV-Hinweis

„KulturMontag“ berichtet um 22.30 Uhr in ORF2 ebenfalls über den steirischen herbst.

Und schließlich Enrike Naumanns „Anschluss ’90“ im Haus der Architektur. Sie zeigt hässliche 80er- und 90er-Jahre-Möbeln vom Billigdiskonter, gekauft auf einer Secondhandplattform in Graz. In der postideologischen Zeit haben sich die DDR, die BRD und Österreich zu einem Großreich des schlechten Geschmacks zusammengeschlossen. Auf den sagenhaft schrecklichen Regalen sind Bücher drapiert, und einen Ehrenplatz hat Jörg Haider mit seinem Entwurf einer „österreichischen Philosophie“ – siehe das Bild ganz oben. Dem verstorbenen Kärntner Landeshauptmann und FPÖ-Chef ging es auch um Freiheit, wie Olga Flor. Aber um eine andere.

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