Klassische Ansicht von Hallstatt
Getty Images/iStockphoto/bluejayphoto
Zu wichtig – zu viel

Europa sucht Weg aus Tourismusdilemma

Der Tourismus stellt viele Städte und Regionen Europas vor ein Dilemma: Einerseits lässt er die Wirtschaft florieren, anderseits stößt der Gästeansturm in der Bevölkerung zunehmend auf Widerstand. Die EU versucht, die Mitgliedsstaaten bei der Suche nach nachhaltigen Modellen zu unterstützen. Dabei dürfe auch die soziale Dimension nicht zu kurz kommen, sagt eine Expertin gegenüber ORF.at.

Man muss nicht bis nach Venedig oder Barcelona schauen – ein Blick ins Salzkammergut reicht, um die negativen Auswirkungen des Massentourismus vor Augen geführt zu bekommen. Hallstatt in Oberösterreich ist in den vergangenen Jahren zum Tourismushotspot geworden. Das pittoreske Ambiente und das malerische Bergpanorama haben den Ort am Ufer des Hallstätter Sees vor allem bei Tagesausflüglerinnen und Tagesausflüglern beliebt gemacht.

Hinzu kommt, dass das Stadtzentrum Hallstatts in der chinesischen Provinz Guangdong detailgetreu nachgebaut wurde. Das hat viele Touristinnen und Touristen aus China angelockt. Im Vorjahr wurden fast 16.500 Reisebusse in der kleinen Gemeinde gezählt – fünfmal mehr als noch 2010. Sie brachten Menschenmassen, Stau und Lärm. Der Unmut in der lokalen Bevölkerung nimmt zu, obwohl der Tourismus als Einnahmequelle unverzichtbar ist.

Topdestination Spanien

Aus ökonomischer Sicht ist die Bedeutung des Tourismus für Europa unbestritten: Er ist der drittgrößte Wirtschaftsbereich in der EU, zehn Prozent der gesamten europäischen Wirtschaftsleistung werden in diesem Sektor erwirtschaftet, 25 Millionen Menschen in der gesamten EU arbeiten in diesem Gewerbe. In einzelnen Regionen liegt der Wert noch höher: In Venedig etwa bringt der Tourismus zwischen 80 und 90 Prozent der Wirtschaftsleistung ein – Proteste gegen den „Übertourismus“ gibt es trotzdem.

Ortsansicht von Hallstatt
ORF.at/Roland Winkler
Hallstatt in Oberösterreich wurde in China nachgebaut – asiatische Gäste ließen nicht lange auf sich warten

Die gefragteste Destination unter Europas Ländern ist Zahlen der europäischen Statistikbehörde Eurostat zufolge Spanien, wo 2016 fast 300 Mio. Nächtigungen von ausländischen Gästen verzeichnet wurden. In Österreich waren es im selben Jahr über 83 Mio. In Sachen „Tourismusintensität“ – das Verhältnis zwischen der Zahl der Gäste und jener der lokalen Bevölkerung – liegen die Ski- und Wandergebiete Westösterreichs bereits im europäischen Spitzenfeld.

Ein Ende des Tourismusbooms ist nicht in Sicht. Das Geschäft mit Kreuzfahrten floriert, dank Billigairlines sind Städtereisen für viele zum neuen Statussysmbol geworden. Auch die wachsende Mittelschicht in China hat Europa für sich entdeckt. Einer der Profiteure dieser Entwicklung ist Österreich, das im Vorjahr von fast 550.000 chinesischen Reisenden besucht wurde.

Nachhaltigkeit als Wettbewerbsvorteil

Wie die wirtschaftliche Bedeutung mit Nachhaltigkeit in Einklang gebracht werden kann, damit beschäftigt sich auch das 17. Europäische Tourismusforum, das am Montag von Tourismusministerin Elisabeth Köstinger (ÖVP) und EU-Binnenmarktkommissarin Elzbieta Bienkowska in Wien eröffnet wurde. „Wenn der Sektor wettbewerbsfähig bleiben will, muss er Herausforderungen angehen und Schritt halten mit Megatrends“, so Bienkowska gegenüber ORF.at. Dazu gehören laut der Kommissarin die sich verändernden Erwartungen der Gäste, neue digitale Technologien, die zunehmende Konkurrenz aus Drittstaaten und die Notwendigkeit nachhaltiger Modelle für den Tourismus.

Protest gegen Massentourismus
Reuters/Manuel Silvestri
Protest in Venedig: „Ich will nicht wegziehen, ich bleibe“, steht auf dem Schild, das der Bewohner in die Höhe hält

Gemäß den EU-Verträgen kann die Union die Mitgliedsstaaten nicht zwingen, ihre Rechtsvorschriften im Bereich Tourismus zu harmonisieren. Im Wesentlichen kann sie der Tourismusindustrie ein gutes wirtschaftliches Umfeld schaffen und den Mitgliedsstaaten unterstützend zur Seite stehen. Mit Mitteln aus dem Europäischen Fonds für strategische Investitionen (EFSI) – dem „Juncker-Fonds“ – wurden in den vergangenen Jahren etwa zahlreiche kleinere europäische Flughäfen saniert.

Tourismusregionen können sich ebenfalls Förderungen und Fachwissen aus Brüssel holen: für den Ausbau der Infrastruktur, für Umweltschutzmaßnahmen und für Projekte, die helfen, die Gästeströme saisonal und regional besser zu verteilen. Das kann etwa mit Angeboten in der Nebensaison und mit gezielter Werbung für weniger bekannte Regionen erreicht werden.

Airbnb lenkt ein

In anderen Bereichen dagegen – etwa Wettbewerb und Verbraucherschutz – hat die EU auch rechtlich wirksame Mittel in der Hand. Vor Kurzem gab die US-Zimmervermittlungsplattform Airbnb dem Druck der EU-Kommission nach und kündigte an, die Allgemeinen Geschäftsbedingungen bis Jahresende zu überarbeiten. Brüssel hatte fehlende Transparenz bei den Preisen bemängelt. Zudem muss die US-Plattform künftig erkennbar machen, ob es sich um private oder professionelle Angebote handelt.

Sollten die Vorgaben der EU-Kommission nicht umgesetzt werden, drohen Airbnb Strafen. Der Regulierung und Kontrolle der Plattform soll laut Ministerin Köstinger auch ein Kapitel in der österreichischen Gesamtstrategie für den Tourismus gewidmet sein. Ausgearbeitet werden solle der „Plan T“ bis März 2019, gab Köstinger unlängst bekannt.

Soziale Dimension

Bei der Diskussion über Nachhaltigkeit im Tourismus dürfe man auch die soziale Dimension nicht vergessen, sagt Kerstin Howald, Verantwortliche für den Tourismusbereich beim Europäischen Verband der Landwirtschafts-, Nahrungsmittel- und Tourismusgewerkschaften (EFFAT) in Brüssel.

Touristen in Venedig
Reuters/Stefano Rellandini
Menschenmassen in Venedig: In der Lagunenstadt hat der Tourismus mittlerweile bedenkliche Ausmaße angenommen

Zwar sei es positiv, dass durch das Wachsen des Tourismussektors Jobs entstanden sind, so Howald im Gespräch mit ORF.at. Quantität und Qualität lägen aber weit auseinander: „Oft hören wir von unseren Mitgliedsorganisationen in den Ländern, dass es zwar ein großes Tourismuswachstum gibt, die Beschäftigten davon aber keinen Anteil bekommen. Die Löhne stagnieren, die Arbeitsbelastung wächst, die Beschäftigungsbedingungen verschlechtern sich.“

Attraktiv durch bessere Arbeitsbedingungen

Nicht nur in Österreich – Stichwort Lehrlingsmangel – wird derzeit darüber nachgedacht, wie der schlechte Ruf der Tourismusbranche verbessert werden kann. Aus Sicht Howalds braucht es eine „kohärente und allgemein verbindliche Sozial- und Arbeitsgesetzgebung auf europäischer Ebene“, Hoffnungen setzt die Gewerkschafterin in eine Richtlinie, die derzeit im Rahmen der europäischen „Säule für soziale Rechte“ auf EU-Ebene diskutiert wird.

Beschäftigte sollten laut Richtlinie das Recht auf einen schriftlichen Arbeitsvertrag erhalten. Zudem sollen alle, die einer bezahlten Tätigkeit nachgehen, vom ersten Tag der Beschäftigung an das Recht auf soziale Absicherung erhalten. Howald hofft, dass die beiden Initiativen noch vor der Europawahl im Mai 2019 umgesetzt werden. „Wir müssen auch dafür sorgen, dass die Beschäftigungsbedingungen für Menschen, die diese Dienstleistungen erbringen, so gut sind, dass sie im Sektor bleiben möchten und motiviert sind, gute Leistung zu bringen“, sagt Howald. Passiere das nicht, verliere Europas Tourismus auch seine internationale Wettbewerbsfähigkeit.

Links: