Die ersten italienischen Truppen in Bozen
Sammlung Sixt
November 1918

Italien schafft mit Südtirol-Einmarsch Fakten

Mit der Unterzeichnung des Waffenstillstandsabkommens hat Österreich-Ungarn Anfang November 1918 den Ersten Weltkrieg für verloren erklärt. Den Alliierten wurde dabei auch das Recht zugesprochen, Gebiete der untergehenden Monarchie zu besetzen – und in Südtirol marschierten die Italiener in direkter Folge ein, um zu bleiben.

Den Anspruch auf den südlichen Teil Tirols bis zur Brenner-Grenze sicherte sich das anfangs noch neutrale Königreich Italien bereits vor Kriegseintritt im Rahmen eines 1915 mit den Alliierten in London ausgehandelten Geheimvertrags. Noch während die k. u. k. Soldaten an der Front ihre Waffen niederlegten, schufen die Italiener erste Fakten und untermauerten lange vor den entscheidenden Friedensverhandlungen von Paris ihre Vorstellungen von der künftigen Grenze Italiens.

Wegen des von Österreich-Ungarn zu früh ausgegebenen Waffenstillstandsbefehls wurde die Frontlinie von Italien zwischen 3. und 4. November 1918 noch weit nach hinten verlegt. Für mehrere hunderttausend k. u. k Soldaten endete der letzte Kriegstag noch in Kriegsgefangenschaft – für die restlichen begann unter nicht weniger chaotischen Vorzeichen der Rückzug. Gleichzeitig „rückten die Italiener nach und besetzten kampflos unser Land“, so einer von mehreren Zeitzeugen, die Marion Dotter und Stefan Wedrac in ihrem Buch „Der hohe Preis des Friedens“ zu Wort kommen ließen.

Einweihungsfeier des Grenzsteins am Brenner
Sammlung Sixt
1920 wurde von Italien der Grenzstein auf dem Brenner eingeweiht – der Einmarsch in Südtirol erfolgte bereits lange zuvor

Kampf „um jeden Meter“

Als am 4. November um 15.00 Uhr und damit rund 24 Stunden nach den Österreichern auch die Italiener ihre Kampfhandlungen einstellten, hatten diese zwischen dem Stilfser Joch und Kärnten bereits weitläufige Gebiete besetzt, darunter im Südtiroler Vinschgau die Ortschaften Schluderns, Spondinig und Prad, im Etschtal den Mendelpass sowie das an Südtirols Südspitze gelegene Salurn.

Es ist nur der Beginn von „vielschichtigen und komplexen Vorgängen“, die Dotter und Wedrac in ihrer Geschichte der Teilung Tirols detailreich nachzeichnen. Beginnend bei den Ereignissen rund um den in der Villa Giusti bei Padua unterzeichneten Waffenstillstand spannt sich der Bogen bis zu den Pariser Friedensverhandlungen von 1919, den anschließenden Kampf der Grenzkommissionen „um jeden Meter des neuen Staatsgebietes“ bis zur Machtübernahme der Faschisten im Jahr 1922.

Italiener bis Ende 1920 in Nordtirol

Im Zentrum steht dabei „die schwierige italienischen Besatzungszeit, welche im Norden vorübergehend, im Süden jedoch dauerhaft sein sollte“. In Erinnerung gerufen wird damit, dass Italien nicht auf dem Brenner und auf dem Reschenpass haltmachte, sondern auch in Nordtirol inklusive Innsbrucks einmarschierte. Hintergrund ist das im Waffenstillstand zugesprochene Recht, „strategische Punkte in Österreich-Ungarn für die den Alliierten nötig erscheinende Zeit zu besetzen zum Zwecke dort zu wohnen oder die Ordnung aufrecht zu erhalten“.

Italienische Infanterie marschiert in Innsbruck ein
Stadtarchiv Innsbruck Ph-6781
Italienische Soldaten marschieren am 23. November 1918 in Innsbruck ein

Angesichts dieser einer bedingungslosen Kapitulation gleichkommenden Waffenstillstandsbedingungen entschied sich zuvor das noch im Krieg befindliche Deutsche Reich zur Intervention und schickte zum Schutz seiner Grenzen Soldaten Richtung Tirol. Nach dem Einmarsch in Innsbruck (6. November) überschritten bayrische Truppen dabei auch den Brenner und besetzten am 7. November die Festungsanlage von Franzensfeste. Nur einen Tag später folgte der Sturz von Bayerns letztem König Ludwig III. und der Rückzug – das bayrische Intermezzo in Tirol dauerte somit nur wenige Tage.

Cover des Buchs „Der hohe Preis des Friedens“
Tyrolia Verlag

Marion Dotter, Stefan Wedrac: Der hohe Preis des Friedens. Geschichte der Teilung Tirols. 1918 bis 1922. Tyrolia Verlag, 344 Seiten, 27,95 Euro.

Die Italiener rückten am 11. November bis zur Passhöhe des Brenners vor. Am 17. November erreichten erste italienische Offiziere schließlich Innsbruck, wo am 23. November dann auch ein Infanterieregiment einmarschierte. In unmittelbare Folge wurden kleinere Ortschaften, darunter etwa Landeck und bis Ende des Monats schließlich fast ganz Tirol von den Italienern besetzt. Italiens Soldaten blieben – wenn auch in deutlich geringerer Anzahl – auch nach der Unterzeichnung des Friedensvertrags von St. Germain (10. September 1919, Anm.) weiter in Nordtirol. Die letzten rückten erst im Dezember 1920 wieder ab.

„Kein sehr italienisches Gebiet“

Anders als in Nordtirol stand für Italien dagegen von Anfang an außer Frage, dass man das Gebiet südlich des Brenners nicht mehr aufgeben werde. Nur wenige Tage nach dem Waffenstillstand waren zentrale Orte wie die Hauptstadt Bozen, Meran, Brixen, Bruneck und Sterzing besetzt. Vielen italienischen, vom kühlen Empfang offensichtlich irritierten Soldaten sei aber nicht bewusst gewesen, dass sie ganz im Gegensatz zur heutigen Provinz Trient und dem von der italienischen Propaganda verbreiteten Südtirol-Bild „kein sehr italienisches Gebiet ‚befreiten‘“, heißt es dazu in „Der hohe Preis des Friedens“.

Es war allen voran der in Rovereto (Provinz Trient) geborene Ettore Tolomei, der schon lange vor Kriegsausbruch das theoretische, auf teils skurrilen Thesen beruhende Fundament legte, mit dem Italien seinen Anspruch auf Südtirol untermauerte. Tolomei vertrat die Ansicht, wonach die Staatsgrenze Italiens gemäß der Wasserscheide am Alpenhauptkamm zu ziehen und Südtirol damit unverrückbar als italienisches Gebiet anzusehen sei. Mit der Besetzung des von Tolomei auf Alto Adige (Hochetsch) umgetauften Gebietes von Südtirol ist für diesen schließlich das „Unwahrscheinliche Wirklichkeit geworden“.

Zwar musste Tolomei mit der Umsetzung seiner Italianisierungspläne länger als erhofft abwarten – diese lagen aber schon fertig in der Schublade. So gründete Tolomei bereits 1906 sein „Archivio per l’Alto Adige“, im Rahmen dessen er auch sein berüchtigtes „Handbuch“ mit rund 10.000, vielfach willkürlich ins Italienische übersetzten Südtiroler Orts- und Flurnamen („Prontuario dei nomi locali dell’Alto Adige“) anfertigte.

Das Cover des Archivio per l’Alto Adige auf einer Karte, die Ettore Tolomei zu
Weihnachten 1909 verschickte
Sammlung Sixt
Eine Karte aus dem „Archivio per l’Alto Adige“, die Ettore Tolomei zu Weihnachten 1909 verschickte

Klockerkarkopf wird zur „Spitze Italiens“

Bei der anfangs zuständigen Militärverwaltung forderte Tolomei noch vergeblich, dem besetzten Gebiet so schnell wie möglich „den Stempel der Italianität“ aufzuprägen und in diesem Zusammenhang „allen Städten und Dörfern, Bergen und Gewässern bis hinauf zu den Gipfeln der Alpen wieder ihre alten italienischen Namen“ zu geben.

Während Militärgouverneur Pecori Giraldi noch eine gemäßigte und umsichtige Politik zugeschrieben wird, fand Tolomei bei den Faschisten eine neue politische Heimat und stieß dort mit seinen pseudowissenschaftlichen Visionen auf weit offenere Ohren. Damit wurde aus dem von Tolomei bereits 1904 zum „nördlichsten Gipfel Italiens“ erklärten Klockerkarkopf schließlich doch noch die „Vetta d’Italia“ („Spitze Italiens“), und diese Bezeichnung ist wie viele andere Hinterlassenschaften Tolomeis bis heute Zeugnis an sich längst vergangener, allerdings in Südtirol nicht vergessener Tage.

Aus „Schockstarre“ zur Vorzeigeprovinz

Auf die Unterdrückungspolitik der Faschisten und die Wirren des Zweiten Weltkrieges folgte für das Land in Folge schließlich noch ein jahrzehntelanges und teils bis heute andauerndes Ringen um mehr Autonomie. Obwohl Südtirol schon lange von der „Schockstarre“ befreit erscheint, die laut Dotter und Wedrac unmittelbar auf „das Drama des Ersten Weltkriegs mit hunderttausenden Toten vor der Haustür des Landes“ folgte, ist bei dem Thema somit weiterhin für Zündstoff gesorgt.

Das mit weitreichenden und vielbeachteten Autonomierechten ausgestattete Südtirol ist mittlerweile aber auch eine der reichsten Provinzen Italiens. In Bozen hat man mit den sich Ende 1918 abzeichnenden und im Friedensvertrag von St. Germain fixierten Fakten somit wohl auch seinen Frieden gefunden. Ein Hinweis dafür findet sich im schlechten Abschneiden der sezessionistischen Kräfte bei der am 21. Oktober dieses Jahres geschlagenen Landtagswahl – sowie bei der bereits im Wahlkampf nahezu untergangenen Debatte rund um eine italienisch-österreichische Doppelstaatsbürgerschaft.

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