Bücher für den Herbst
ORF.at/Carina Kainz
Buch Wien

Österreichs wilder Literaturherbst

Die Buch Wien lockt wieder Tausende Literaturinteressierte an – und tatsächlich lohnt sich heuer das Stöbern in heimischen Buchstapeln. Neuentdeckungen und Altbewährtes überzeugen Kritik und Leserschaft – von Lydia Haider über David Fuchs bis Verena Rossbacher. Es geht wild zu.

Das österreichischste Buch seit Thomas Bernhard

Die 33-jährige Schriftstellerin Lydia Haider muss man zuerst kontextualisieren: Sie gehört der feministisch-aktionistischen „Burschenschaft“ Hysteria an und löste einen Shitstorm von der „Kronen Zeitung“ abwärts aus, weil es in einem öffentlichen Gemeinschaftstagebuch von Haider, Stefanie Sargnagel und Maria Hofer während eines (subventionierten) Schreibaufenthaltes in Marokko sarkastisch hieß, Haider würde „Babykatzen treten“. Wie üblich bei so einem Shitstorm, ließen rechtsrechte Recken online die Sau raus.

Jetzt lässt sie selbst die Sau raus, in ihrem kleinen, aber gewaltig-gewalttätigen Büchlein „Wahrlich fuck you du Sau, bist du komplett zugeschissen in deinem Leib drin oder: Zehrung Reiser Rosi“. Ein Gedicht, ein Schwall an Beschimpfungen, Verunglimpfungen, der aggressiven Suderei, aus der Sicht von wem – ganz egal, weil „zugeschissen“ soll alles werden. Man kann sich der Sogwirkung dieser grausigen Auskotzerei nicht entziehen. Das Buch ist das vielleicht „österreichischste“ seit dem Ableben von Thomas Bernhard.

Lydia Haider: Wahrlich fuck you du Sau, bist du komplett zugeschissen in deinem Leib drin oder: Zehrung Reiser Rosi. redelsteiner dahimene edition, 58 Seiten, 15,90 Euro.

Bücher für den Herbst
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Ein kurzer Blick auf die Neuerscheinungen des Herbstes

„Wir defibrillieren Schweine in Planschbecken“

„Bevor wir verschwinden“ von David Fuchs, Jahrgang 1981 und von Beruf Onkologe, ist für den Österreichischen Buchpreis in der Kategorie Debüt nominiert. Fängt man an zu lesen, leuchtet ein, warum: Was und wie Fuchs schreibt, geht einem so schnell nicht mehr aus dem Kopf. Zwischen starken, knappen Anekdoten steht hier die Geschichte einer besonderen Liebe geschrieben – einer Liebe auf der Krebsstation.

Ben ist 24 und Praktikant auf der Onkologie, Ambros seine frühere Jugendliebe, der hier als Patient liegt, mit einem Körper voller Metastasen. Ihr Zusammentreffen führt zu einer neuerlichen Annäherung im Angesicht des bevorstehenden Abschieds, wovon Fuchs unsentimental und bemerkenswert zärtlich erzählt. Zugleich bleibt viel Platz für schrullige Geschichten aus dem Krankenhausalltag, mit resoluten Schwestern, einem Patienten, den alle den „toten Kobicek“ nennen oder einem Arzt, der im Dienst gerne grillt. Dass es mitunter schräg zugeht, verspricht schon der erste Satz des Buches: „Wir defibrillieren Schweine in Planschbecken.“

David Fuchs: Bevor wir verschwinden. Haymon Verlag, 216 Seiten, 19,90 Euro.

Ländliche Idylle, alte Nazis, böser Humor

Ganz anders Hanna Sukare, die mit „Schwedenreiter“ das vielleicht wichtigste Buch des Gedenkjahres vorgelegt hat. „Schwedenreiter“ hat gar nichts von einem Pop-Jargon, den man bei Fuchs durchaus finden kann – die Bezüge sind Ingeborg Bachmann, Peter Handke und nicht zuletzt Thomas Bernhard: „Alles, jeder Geruch, ist hier an ein Verbrechen gekettet“, lässt die Trägerin des Rauriser Literaturpreises 2016 ihren Protagonisten Paul Schwedenreiter zitieren. Schwedenreiter ist Brückenbauer in Wien und stammt aus Stumpf im Innergebirge, wo er als Enkel eines Deserteurs und Urenkel einer Frau aufwuchs, die deswegen im KZ war. In Stumpf ist die Vergangenheit nicht aufgearbeitet: In der Ortschronik von 2008 werden die Deserteure als „Landplage“ bezeichnet und ein ranghoher Nazi als Held gefeiert. Für Schwedenreiter der Anlass, selbst zu recherchieren.

Der Mann ist Fiktion, die Geschichte allerdings nicht: Angelehnt hat sie Sukare an der Salzburger Ortschaft Goldegg, wo kurz nach der Veröffentlichung des Buchs auch das Deserteursdenkmal geschändet wurde und die lokale Presse die Autorin als eine Art Nestbeschmutzerin verunglimpfte. Die Brisanz des Texts ist aber nicht der einzige Grund, ihn zu lesen. Die Protagonisten sind liebevoll versponnen gezeichnet, die Aufarbeitung, die hier geleistet wird, nie um wohltuende Klarheit verlegen, und – last, but not least – ist die Erzählung prall gefüllt mit bösem Humor. Auch von diesem Roman kann man sich – wie von Fuchs’ „Bevor wir verschwinden“ – ein Bild auf der Buch Wien machen: Sukare präsentiert ihr Buch gleich zweimal.

Hanna Sukare: Schwedenreiter. Otto Müller Verlag, 172 Seiten, 20 Euro.

Ein Autobus Richtung Rumänien

Kürzlich erschienen ist Verena Mermers „Autobus Ultima Speranza“, ihr zweiter Roman nach dem vielgelobten Debut „die stimme über den dächern“ (2015). Auch darin beweist die 1984 geborene Autorin wieder, dass die österreichische Gegenwartsliteratur einen weiteren Horizont hat, als man bisweilen vermuten würde. Diesmal nicht in Form des Fernblicks nach Aserbaidschan, sondern indem sie das ins Zentrum stellt, was in nächster Nähe ist – und was trotzdem oft verborgen bliebt.

Speranza, das ist bekanntlich die Hoffnung und außerdem ein knallpinker Autobus auf dem Weg nach Rumänien, zur Weihnachtszeit. Die Fahrt geht los und damit Mermer Panoptikum einer temporären Fahrgemeinschaft, das sich langsam entrollt: Da sind Daniana, die Akademikerin, die als Putzfrau arbeitet, Florin, der Erntehelfer, der mit seiner Arbeit seine Mutter in der Pension unterstützt, und Lisa, die in Siebenbürgen Deutsch unterrichtet – und viele andere. Von ihrem Leben auf der ständigen Durchreise, ihren Träumen und der strukturellen Gewalt, der sie begegnen, schreibt Mermer mit präzisem Blick, schnörkellos und dennoch atmosphärisch dicht. Wer zu schnell liest, dem geht hier einiges verloren: besser an das Tempo des Busses halten, der gemächlich Richtung Südosten fährt.

Verena Mermer: Autobus Ultima Speranza. Residenz Verlag, 200 Seiten, 20 Euro.

Der Zufall, dieser launische Gott

Bei Wolfgang Popp muss man zuerst sagen, was er nicht ist: ein „Abräumer“, der in seinen Romanen Modethemen herunterdekliniert und auf den kurzen Effekt abzielt. Popp schafft Klassiker, die langsam, nach und nach ins Bewusstsein des literarischen Österreich einsickern. Was nicht heißt, dass der Ö1-Kulturredakteur auf beredte Zeitgenossenschaft verzichten würde. Seine Protagonisten, von „Ich müsste lügen“ und „Die Verschwundenen“ über „Wüste Welt“ bis hin zu seinem neuen Roman „Die Ahnungslosen“, sind tief im Hier und Jetzt verankert.

Diesmal ist es gleich ein ganzes Kaleidoskop an Figuren und Geschichten, das Popp gekonnt zum Funkeln und Glitzern bringt. Im Mittelpunkt: der Zufall, dieser launische Gott, der die Liebe der Liebenden und die Gedanken der Denker durcheinanderwirbelt, bis alle miteinander verwoben sind. Ahnungslosigkeit schützt vor Konsequenzen nicht, und so müssen Lebensentwürfe angepasst werden, auch wenn das so nicht am Plan stand. Trotz der ruhigen, bedachten Sprache eine drängende Lektüre, die lange nachwirkt.

Wolfgang Popp: Die Ahnungslosen. Edition Atelier, 280 Seiten, 24 Euro.

Bücher für den Herbst
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Abenteuerliches, Kontemplatives, Provokantes

Darf man sich selbst Zungenküsse geben?

Einen völlig neuen Blick auf das Reizthema Narzissmus wirft der Wiener Schriftsteller und Kulturkritiker Richard Schuberth. In seinem Essay „Narzissmus und Konformität“ bürstet er den pathologischen Selbstbezug gegen den Strich und entwirft ein breites ideologiekritisches Panorama einer Gesellschaft, die in ihrer neoliberalen Verfasstheit nichts anderes als narzisstisch sein kann und in der das notwendig fragile Ich permanent zwischen persönlicher Entwertung und Allmachtsfantasien aufgerieben wird.

Sein Hauptaugenmerk legt Schuberth auf einen gesellschaftlichen Konformismus, der durch die eitle Sucht nach Bestätigung geregelt wird und gerade Versuche von individueller Autonomie als narzisstisch ahndet. Besonders deutlich wird das in der „Likeokratie“ der Sozialen Netzwerke. Neben der analytischen Dichte besticht das handliche Buch durch seine hohe literarische Qualität und einen Humor, der von Sarkasmus auch zu versöhnlicher Ironie findet, wenn Schuberth zum Beispiel am Ende die nie ganz geklärte Frage beantwortet, ob man sich nun selbst Zungenküsse geben darf.

Richard Schuberth: Narzissmus und Konformität. Selbstliebe als Illusion und Befreiung, Matthes & Seitz, 172 Seiten, 18,50 Euro.

Ein dunkles Geheimnis

Die 1979 in Bludenz geborene Verena Rossbacher galt mit ihrem Debüt „Verlangen nach Drachen“ (2009) als eine der Zukunftshoffnungen der heimischen Literaturszene. Nun beweist sie mit ihrem dritten Roman „Ich war Diener im Hause Hobbs“ endgültig, dass sie kein prosaisches One-Hit-Wonder ist. Der Roman gibt seine Tiefen und Untiefen nur langsam, nach und nach preis, bis sich eine düster-nachdenkliche Collage der Erinnerungen eines Mannes vor der Leserschaft ausbreitet.

In jungen Jahren hat er als Diener einer reichen Familie den Hausherrn tot aufgefunden, offenbar ermordet. Nun denkt er zurück, räsoniert darüber, wie es dazu kommen konnte. Und geht dann noch einen Schritt zurück, in die Jugend, als die Literatur zum Schutzschild gegen den Mief der Provinz wurde, ein Schutzschild, das er gemeinsam mit Freunden hochhielt. Und dann – die Verbindung der beiden Welten. Ein dunkles Geheimnis will gelüftet werden.

Verena Rossbacher: Ich war Diener im Hause Hobbs. Kiepenheuer & Witsch, 384 Seiten, 22,70 Euro.

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