Volksschulkind rechnet an der Tafel
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Ziffern oder Worte

Die Tücken der Notengebung

Ziffernnoten, wie sie aktuell von der Regierung für alle Schüler und Schülerinnen ab Ende der zweiten Volksschulklasse geplant sind, sagen laut Experten wenig über das tatsächliche Leistungsniveau aus. Doch auch alternative Beurteilungen haben ihre Tücken – sie müssen vor allem für alle Beteiligten, also auch die Eltern, verständlich sein.

Ziffernnoten würden vor allem zeigen, wie gut die Schüler mit den geltenden Spielregeln und Verhaltensnormen in der Schule zurechtkommen, so Bildungsforscher Bernhard Hemetsberger von der Uni Wien gegenüber der APA. Alternative Beurteilungen seien als Rückmeldung für Schüler grundsätzlich aussagekräftiger.

Vor allem Kinder mit anderen kulturellen Hintergründen und Erstsprachen haben laut Hemetsberger oft mehr Schwierigkeiten, sich an das soziale Setting Schule anzupassen, als Kinder aus bildungsnahen Familien. „Das macht es politisch scheinbar relativ einfach, mittels Schulnoten diese Differenz zu markieren. Wenn man noch eines draufsetzt, indem man sitzen bleiben kann oder Schüler ausschließen kann, kann man damit Sozialpolitik betreiben“, so der Wissenschaftler mit dem Forschungsschwerpunkt Notengebung.

Ziffernoten helfen auch Eltern nicht

Die Ziffernnoten würden auch nicht dazu führen, dass Eltern einen besseren Eindruck bekommen, wo ihr Kind steht. „Isolierte Bezeichnungen helfen niemandem wirklich weiter, außer dass vielleicht einmal das Geldtascherl der Oma aufgeht, wenn man einen Einser bekommt.“ Soll eine Leistungsbeurteilung sinnvoll sein, müssten Kinder und Eltern mit der Rückmeldung gemeinsam mit der Schule produktiv weiterarbeiten können.

Als Beispiel nennt der Forscher die an Neuen Mittelschulen (NMS) üblichen und künftig auch an anderen Pflichtschultypen vorgesehenen Kind-Eltern-Lehrer-Gespräche (KEL-Gespräche). Ausgangspunkt dabei ist eine Präsentation des Kindes (z. B. Lernportfolios und -tagebücher), als Abschluss wird von allen eine schriftliche Zielvereinbarung unterschrieben. Das Ziel: mehr Zuversicht und Verantwortung der Schüler für ihr Lernen und bessere Kommunikation zwischen Schule und Elternhaus.

Auf Augenhöhe kommunizieren

Alternative Methoden der Leistungsbeurteilung sind jedoch nicht uneingeschränkt die bessere Methode – sie sollten so verfasst sein, dass alle Beteiligten sie auch entsprechend verstehen, so Hemetsberger. „Wenn Rückmeldungen in einer Art und Weise an Eltern herangetragen werden, die ihren Lebenszusammenhängen eher ferner stehen oder vielleicht auch schwierig zu verstehen sind, könnte ein gewisses Missverständnis oder sogar Unverständnis bedient werden.“

Diese Erfahrung hat man auch bei Romano Centro gemacht, einem Verein, der jedes Jahr über 100 Roma-Kinder aus Familien mit niedrigem Bildungsniveau betreut. Problematisch ist aus Sicht des pädagogischen Leiters des Zentrums, Ferdinand Koller, vor allem die „Leistungsbeurteilung im Gespräch“ ohne jegliche Niederschrift. Vielfach werden diese Gespräche ohne Dolmetscher geführt, und die Eltern bekämen deshalb wenig mit.

Zusätzlich würden sie oft nur das hören, was sie auch hören wollen – „nämlich dass die Kinder eh brav sind“ – und den Ernst der Lage nicht erkennen. Hier wäre aus Kollers Sicht der Einsatz von Dolmetschern oder interkulturellen Mediatoren, wie Romano Centro sie stellt, sinnvoll. Allerdings gebe es zu wenige, um den tatsächlichen Bedarf zu decken.

Feedback muss verständlich sein

Auch eine verbale Benotung auf dem Zeugnis in wertschätzender Sprache, die an den Schüler adressiert ist, eigne sich nur bedingt, um Eltern mit wenig Bildungserfahrung über die Leistungen der Kinder zu informieren. „Wenn bei einem Kind in der zweiten Klasse steht: ‚Übe im Sommer noch die Buchstaben‘, ist jedem, der den Volksschullehrplan kennt, klar, dass das eine absolute Katastrophe ist.“ Wenn das allerdings den Eltern nicht zusätzlich eindeutig kommuniziert werde, seien Ziffernnoten „fast besser. Denn wenn ein Fünfer drinnen steht, sehen sie, was Sache ist.“

Ein grundsätzliches Plädoyer für Ziffernnoten sei das allerdings nicht, so Koller weiter. Wesentlich hilfreicher und verständlicher seien zum Beispiel Arbeitsmappen, in denen etwa mit Smileys das Niveau des Kindes in den diversen Teilgebieten ausgewiesen wird. So könnten die Eltern selbst verstehen, ob es Förderbedarf gibt.

Pädagogen gefordert

Bei der Diakonie habe man mit Leistungsrückmeldung in Form von Leistungs- und Lernzielmappen ebenfalls gute Erfahrungen gemacht, hieß es gegenüber der APA. „Das verstehen alle Eltern“, so Sozialexperte Martin Schenk. Wenn Eltern aber Noten gewohnt sind, müssten Pädagogen erstens in die Kommunikation mit den Eltern investieren und zweitens Formen des Feedbacks entwickeln, die verständlich sind.

Sinnvolle Begleitmaßnahmen bei der alternativen Leistungsrückmeldung wären aus Schenks Sicht neben Dolmetschern etwa eine schriftliche Zusammenfassung auf einer A4-Seite. Die Ausweitung der Kind-Eltern-Lehrer-Gespräche sieht er ebenfalls als Chance – vorausgesetzt, die Lehrer seien dafür entsprechend ausgebildet. Schenk warnt außerdem grundsätzlich davor, die Entscheidung, ob das Kind Nachhilfe braucht, der Familie zu übertragen. Pädagogische Förderarbeit sei Aufgabe der Pädagogen, das helfe gerade den Kindern aus einkommensschwächeren Haushalten.

Noten bei jungen Kindern oft demotivierend

Ziffernnoten stehen für Schenk in den ersten Volksschuljahren im Widerspruch zu entwicklungspsychologischen Erkenntnissen. Kinder könnten zu dem Zeitpunkt noch schwer zwischen sich selbst als Person und der Note unterscheiden, was dazu führe, dass eine Sechsjährige sich selbst als „nicht genügend“ sieht, nicht ihre Rechenleistung.

Die Schüler würden dadurch auch sofort auf das Ziel konditioniert, einzig für die Note zu arbeiten. „Was Kinder dann als Erstes verlieren, ist die Freude und noch problematischer fürs Lernen: die Neugier.“ Studien würden außerdem belegen, dass Ziffernnoten stark vom jeweiligen sozialen Status von Lehrer und Schüler abhängig sind.

Kritik an fehlender Evidenz

Kritik am Gesetzesvorhaben der Regierung gab es am Dienstag auch von der Österreichischen Gesellschaft für Forschung und Entwicklung im Bildungswesen (ÖFEB). Insgesamt fehle die „wissenschaftliche Evidenz“, bemängelten die Bildungsforscher in einer Aussendung. Unter anderem sei „Notenwahrheit eine Illusion“. Alternative Leistungsbeurteilungen hätten sich in der Forschung und Praxis als „deutlich förderlicher“ für Lern- und Entwicklungsfortschritte erwiesen.

Auch die Möglichkeit zur Einführung dauerhafter Leistungsgruppen in den NMS bzw. künftig Mittelschulen sehen die Forscher skeptisch: Diese seien „dysfunktional“. Länder mit sehr leistungsstarken Schulsystemen würden „aus gutem Grund“ verstärkt auf innere Differenzierung anstatt auf die Einrichtung dauerhaft getrennter Leistungsgruppen setzen. Schon das frühere Leistungsgruppenprinzip in den Hauptschulen habe nicht den gewünschten Erfolg gehabt, hätten wissenschaftliche Untersuchungen gezeigt.

Viele Stellungnahmen zu Notenplan

In den bisherigen Stellungnahmen zum „Pädagogikpaket“ wurde die Einführung der Schulnoten am häufigsten erwähnt. Die Stadt Wien sieht etwa „schulautonome Freiräume in der Notengebung zurückgedrängt“. Wien zeigte sich von den Leistungsgruppen an NMS zudem wenig begeistert und warnte wie Kärnten vor mangelnder Durchlässigkeit.

Die Industriellenvereinigung besteht auf der Möglichkeit, flexibel zwischen den beiden Leistungsniveaus zu wechseln, und warnt, dass diese „keinesfalls an den früheren A- und B-Zug anknüpfen“ dürften. Der ÖVP-nahe Familienbund Österreich zeigte sich hingegen insgesamt zufrieden mit den geplanten Änderungen: Noten ab der ersten Klasse zusammen mit schriftlichen Erläuterungen seien „durchaus positiv“.

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