12. November 1918

Österreichs „welthistorischer Tag“

Wie sieht ein „welthistorischer Tag“ aus der Nähe aus? Ein verunsicherter Arthur Schnitzler ist in seinem Tagebuch skeptisch in Anbetracht all dessen, was sich an diesem 12. November 1918 vor und im Parlament in Wien ereignet hat. Eine neue Republik wurde ausgerufen, musste unter großem Zeitdruck ihre Demokratie-, ja Lebensfähigkeit beweisen. Und nicht zuletzt rasch die Armut nach dem Krieg überwinden.

Es werden die Mittagsstunden des 12. November 1918 sein, die eine einstige Weltstadt im Zentrum einer Monarchie wieder in Bewegung sehen. „Endlos scheinende Kolonnen von Marschierenden bewegten sich dem Stadtzentrum zu“, notiert etwa Hellmut Andics in seiner berühmt gewordenen Geschichte der Ersten Republik, die den bezeichnenden Titel „Der Staat, den keiner wollte“ trägt.

Nicht nur demokratisch gesinnte Kräfte waren da auf dem Weg zum Parlament, einen Tag nach der Verzichtserklärung des Kaisers. Einheiten der Volkswehr waren darunter, die Rote Garde aus der Stiftskaserne unter der Führung des jungen Literaten Egon Erwin Kisch. Heimkehrer mischten sich ebenso in den Zug wie ein Deutschmeister-Volkswehrbataillon. Zehntausende Menschen sollten bis 15.00 Uhr den Ring säumen. Und um 15.55 Uhr war es nach der Unterbrechung der Sitzung endlich so weit: Ein neues Staatsgebilde sollte von der Säulenhalle des Parlaments ausgerufen werden.

Historiker über die Entwicklung zur Republik

Historikerin Anita Ziegerhofer von der Uni Graz und Militärhistoriker Manfred Rauchensteiner im Gespräch über die Entwicklung der Gesellschaft nach 1918.

Bevölkerung sucht nach Orientierung

In den Tagen, in denen sich diese neue Republik schon im Provisorium bildet, bestimmen Hunger und Desorientierung die Stimmung in der ehemaligen Kaiserstadt Wien. In den Bundesländern bilden sich zu selben Zeit neue, durchaus selbstbewusste Landesregierungen. Wie es realpolitisch weitergeht, kann noch niemand abschätzen.

12. November 1918

„Die Mehrzahl der Bevölkerung – ich ja auch – ist der Meinung, dass man in der Republik freier und besser leben kann.“ – Erinnerungen des Zeitzeugen Albert Lang (Chauffeur, Baden)

Wie die anderen neuen Staaten im Habsburgerreich will man sich eben als Nachfolgestaat und nicht als Rechtsnachfolger definieren. Und wird diese Hoffnung in den Verhandlungen in Saint-Germain im Jahr 1919 bald enttäuscht sehen.

Grafik zeigt Staatsgebiet Österreichs 1914 und 1919
Grafik: APA/ORF.at; Quelle: APA

Am Nachmittag des 12. November erklärte jedenfalls Karl Renner als provisorischer Regierungschef, dass Deutschösterreich ein „freier Volksstaat“ sei und alle politischen Kräfte beim Wiederaufbau des Staates zusammenarbeiten müssten.

Sobald das „wesentliche Gemeinschaftsleben“ gesichert sei, solle es Wahlen zur konstituierenden Nationalversammlung geben. Diese würde dann auch eine endgültige Verfassung Deutschösterreichs auf den Weg zu bringen haben.

Bekenntnis zur „deutschen Nation“

Eindeutig bekennt sich Renner zur „deutschen Nation“ und zur gemeinsamen „Schicksalsgemeinschaft“ mit Deutschland. Seine Rede wird er unter allgemeinem Beifall mit den Worten „Heil unser deutsches Volk und Heil Deutschösterreich!“ schließen.

Vor den Toren des Parlaments verkündet schließlich der Großdeutsche Franz Dinghofer als Präsident der vorläufigen Nationalversammlung die Gründung der deutschösterreichischen Republik. In den Jubel der Masse mischt sich von den Rändern auch Missstimmung. Kommunisten reißen von der Rampe des Parlaments die weißen Streifen aus den aufgehängten Fahnen, um mit rein roten Fahnen an die Räterepubliken der damaligen Zeit zu erinnern.

Die vom Literaten Egon Erwin Kisch angeführten Rotgardisten deuteten das ratternde Herunterlassen der Rollbalken an den Parlamentsfenstern als Maschinengewehrfeuer und gaben Schüsse ab. Eine Panik war die Folge, zwei Menschen fanden im Gedränge ihren Tod. Während man im Parlament die Sitzung wieder aufnahm, schossen Rotgardisten in die Säulenhalle des Parlaments und verletzten den Pressechef des Staatsrates, Ludwig Brügel, schwer.

Am Ende konnte die Sitzung der Nationalversammlung positiv beschlossen werden. Man habe alle Tagesordnungspunkte zu Ende beraten, so Präsident Dinghofer, der mit den Worten schloss: „Wir haben zum Ausdruck gebracht, dass wir fest entschlossen sind, die schwere Aufgabe, die auf uns lastet, zu einem guten Ende zu führen.“

Auch die Eliten suchen nach Orientierung

„Ein welthistorischer Tag ist vorbei“, notiert der Arzt und Schriftsteller Arthur Schnitzler zum 12. November: „In der Nähe sieht er nicht großartig aus.“ Schnitzler ist mit dieser Haltung nicht nur repräsentativ für die etablierten Intellektuellen, die ihren Status schon im alten Herrschaftssystem hatten und die das „Strizzi-“ und „Wirrköpfetum“ junger, revolutionär gesinnter Literaten wie Kisch oder Franz Werfel mit Skepsis betrachten – mit seiner Stimme ist er auch nicht allein in einem Bürgertum, das sehr mit den neuen Zeiten fremdelt.

Eine Zeitreise im Zeitraffer

Eine Zeitreise vom EU-Beitritt Österreichs 1995 bis zur Gründung der Ersten Republik im Jahr 1918.

Weder die progressiven Weltbürger noch das konservativ eingestellte Bürgertum können mit der neuen Republik tatsächlich viel anfangen. Eine Fahrt nach Österreich, so Schnitzlers Kollege Stefan Zweig, erfordere „Vorbereitungen wie eine Expedition in ein arktisches Land“.

Die spezielle österreichische Revolution

Historiker Oliver Rathkolb im Gespräch mit ORF.at über die Eigenheiten des Machtübergangs von der Monarchie zur Republik in Österreich.

Auf der Suche nach den Zuständigkeiten

Die „Wiener Republik“, wie Deutschösterreich auch genannt wurde, verfügte weder über eine nennenswerte Armee noch über das nötige Steuermonopol. Die vom Staat beanspruchten Gebiete, vor allem jene auf tschechischem Boden, sollten sich als politische Luftschlösser erweisen, und auch in den westlichen Bundesländern stand man dem zum „Zentralismus“ neigenden Wien komplett ablehnend gegenüber. „Der Wiener liebt Wien, der Tiroler Tirol und die Länder wollen nicht von Wien aus regiert werden“, fasste der Gesandte der Schweiz in Wien seine Eindrücke damals zusammen.

Eine Kombo mit Bildern von Jodok Fink, Karl Renner und Franz Dinghofer
picturedesk.com/ÖNB-Bildarchiv/Kobe, Albin (Montage) Wesentliche Akteure in der Stunde null nach der Monarchie: Der Christlichsoziale Jodok Fink, der Sozialdemokrat Karl Renner und der Großdeutsche Franz Dinghofer
Zentrale Politiker in den ersten Stunden des neuen Österreich: Der Christlichsoziale Jodok Fink, der Sozialdemokrat Karl Renner und der Großdeutsche Franz Dinghofer

Als die österreichische Bevölkerung am 16. Februar 1919 an die Urnen schreitet und nun auch Frauen erstmals wählen dürfen, erzielt man ein Wahlergebnis, das auch noch später ein beinahe typisch österreichisches Ergebnis sein wird. Zwei große Parteien vereinen die Hauptlager hinter sich, keiner, weder Sozialdemokraten noch Christsoziale, holt aber die absolute Mehrheit.

Im Jahr 1919 sollte sich das als Glücksfall erweisen: Der Zwang zu einer Großen Koalition ermöglicht für beide großen Blöcke den Zug zur Mitte – und zur zeitweiligen Isolierung der Ränder – bzw. verhindert, dass eine der beiden großen Parteien, wie Walter Rauscher schreibt, „unrealistische Versprechen einlösen zu müssen“.

Vor dem Land werden große Aufgaben liegen. Eine Verfassung muss geschrieben, die soziale Notlage behoben werden – und auch zwischen Bund und Ländern gilt es, klare Aufgaben zu verteilen. Bis 1921 sollte es ohnedies dauern, bis dieser neue kleine Staat, der auch erst lernen musste, mit seiner Kleinheit umzugehen, klare Grenzen und Konturen hatte.

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