Judith Schalansky
Jürgen Bauer
Judith Schalansky

Jägerin der verlorenen Schätze

Versunkene Inseln, ausgestorbene Tierarten und verschollene Zeugnisse – Judith Schalansky hat sie in einem „Verzeichnis einiger Verluste“ archiviert. Die Erzählsammlung, die schon vor Erscheinen mit dem renommierten Wilhelm-Raabe-Preis ausgezeichnet wurde, ist eine vielstimmige, akribisch recherchierte und grandios fantasievolle Annäherung an Phänomene der Zerstörung und Zersetzung.

Tod und Verlust sind unweigerlich Teil unseres Lebens und damit auch die Frage, wie wir mit den schmerzlichen Leerstellen umgehen. Geschichten, Gesänge und andere Rituale sind Versuche der Rückholung und im Grunde genommen auch Voraussetzung dafür, dass etwas bewahrt wird: Wo keine Spur, da auch kein Erinnern. „Letztlich ist alles das, was noch da ist, schlichtweg das, was übrig geblieben ist“, hält Judith Schalansky im Vorwort nüchtern fest.

Mit dem Erzählband „Verzeichnis einiger Verluste“ versucht die Autorin aber erst gar nicht, umfassende Trauerarbeit zu leisten. Aus dem unüberschaubaren Archiv namens Welt hat Schalansky, 1980 geboren, zwölf Artefakte, Orte und Lebewesen herausgefasst, denen hier jeweils ein Kapitel gewidmet ist: Ein versunkenes Südseeatoll, der ausgestorbene Kaspische Tiger, der abgerissene Ostberliner Palast der Republik, das Einhorn und die untergegangene Weltreligion des Manichäismus.

Faszination für Randständiges

Die Auswahl ist naturgemäß subjektiv und trägt Spuren dessen, was die Autorin schon immer umgetrieben hat: Ihre Faszination für Randständiges war bereits im gefeierten „Atlas der abgelegenen Inseln“ (2009) erkennbar, ihre DDR-Herkunft arbeitete sie in den Bestsellerroman „Hals der Giraffe“ (2012) ein, und ihre Zugewandtheit zur Landschafts- und Naturraumbeschreibung beschäftigte sie auch als Herausgeberin der vielgerühmten „Naturkunden“-Reihe im Matthes & Seitz Verlag: „Beinahe im Alleingang“, schrieb die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, habe Schalansky mit der mittlerweile 49 Bücher fassenden Serie das Genre des „nature writings“ im deutschen Sprachraum wiederbelebt.

Judith Schalansky
Jürgen Bauer
Autorin Julia Schalansky

Strenges Ordnungssystem, fantastischer Inhalt

Wenn hier einmal festhalten wird, „dass die Evolution unvergleichlich einfallsreicher war als die menschliche Phantasie“, kommt das also nicht von ungefähr – die Unterscheidung zwischen Fakten und Fiktion, zwischen Wissenschaft und Kunst ergibt auch bei diesem Buch nur begrenzt Sinn. Akribisch Recherchiertes und naturalistisch Angehauchtes stehen hier dicht an dicht neben ebenso ausgeklügelt Erfundenem – auf jeweils exakt 18 Seiten pro Kapitel. Der Band wirkt mit dieser gestalterischen Strenge wie ein – im Übrigen wunderschön gearbeitetes – Ordnungssystem mit gleich großen Schubladen. Als Unterteilungen fungieren schwarz auf schwarz gedruckte Illustrationen des jeweilig Verlorenen, die geheimnisvoll funkeln, wenn man sie unters Licht hält.

Das wirklich Aufsehenerregende dieses bibliophilen Bandes aber ist das, was Schalansky in den Texten selbst tut. Die Enge der Form lässt ihr nämlich den Freiraum, sich Getier, Insel oder Objekt höchst unterschiedlich und grandios verschlungen anzunähern, ohne dass die Erzählsammlung dadurch allzu disparat wirkt. Manche Geschichten bleiben näher am Gegenstand, andere nehmen ihn nur als Ausgangspunkt, wie zum Beispiel das Kapitel zum Palast der Republik: Hier geht es um einen Liebesbetrug, in der die Machtzentrale der DDR nur ganz am Rande eine Rolle spielt, wohl aber mitgemeint ist im Beziehungsende, das sich hier ankündigt.

Cover des Buchs „Verzeichnis einiger Verluste“
Suhrkamp

Judith Schalansky: Verzeichnis einiger Verluste. Suhrkamp Verlag, 252 Seiten, 24,70 Euro.

Auf der Hut vor dem kolonialen Gestus

Die mythenumrankte Südseeinsel Tuanaki, die im 19. Jahrhundert durch ein Seebeben versunkenen ist, erschließt Schalansky uns wiederum über die Nachbarinsel Maiana. In der Kartenabteilung der Deutschen Staatsbibliothek sitzend imaginiert sie höchst konzentriert und, so scheint es, fast augenzwinkernd antiquiert, wie James Cooks Expedition 1777 auf der Insel landete – und gerät doch nie in Gefahr, dem westlichen Entdeckergestus auf den Leim zu gehen.

„Bis zum Untergang der Sonne steuerten die Schiffe auf den unbekannten, in der Ferne pulsierenden Streifen Land zu und lavierten die ganze Nacht bis zum Morgengrauen, in dem sie sich der Insel auf etwa vier Meilen genähert hatten, deren Südseite im Licht der aus den Fluten steigenden Sonne ein erschütternd liebreizendes Bild geboten haben muss.“

Spaziergang mit „Pferdekopfpumpen“

Schon in dieser Erzählung deuten sich die höchst präzisen Zustands- und Naturbeschreibungen an, die Schalansky schließlich in der Geschichte zum 1931 verbrannten Gemälde von Caspar David Friedrich auf die Spitze treibt. Auch hier ist das Bild namens „Hafen von Greifswald“ nur der Auslöser, in diesem Fall für einen Erkundungsgang entlang des Flüsschens Rycks, auf dem „Pferdekopfpumpen“, binsengleiches, „falbes Gras“ oder eine „längst gerodete Hutung“ den Weg säumen.

Wer sich an solchen Vokabeln stößt, ist bei Schalansky wohl falsch aufgehoben – wobei die Autorin auch stilistisch eine ungeheure Breite auffährt: Diese reicht von einem inneren Monolog, den sie der alternden, von Selbstzweifel geplagten Greta Garbo in den Mund legt, bis hin zur rhythmischen Annäherung an die verlorenen Gedichte Sapphos. „Der Mythos ist die höchste aller Wirklichkeiten“, schreibt sie einmal, und wenn man dieses Buch hier liest, möchte man ihr zustimmen: Denn die Magie ist nicht nur in ihrem Einhorn-Kapitel präsent, in der Schalansky von einer gescheiterten Recherche zu einem „Naturführer der Monster“ berichtet.

Ihre sehr präzisen, oft schon malerischen Beschreibungen lassen Surreales wie Reales auf zauberhafte Weise vor uns auferstehen und das Verlorengegangene so gar nicht verstaubt, sondern höchst lebendig wirken. „Verzeichnis einiger Verluste“ ist ein im besten Sinn des Wortes eigenartiges Buch – ein wahres Kleinod, eine Einladung zum Staunen.

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