UNO-Generalsekretär Antonio Guterres
APA/AFP/Janek Skarzynski
„Frage von Leben und Tod“

Guterres warnt vor „globalem Klimachaos“

UNO-Generalsekretär Antonio Guterres hat sich am Montag zum offiziellen Auftakt der 24. Weltklimakonferenz (COP24) im polnischen Katowice mit einem dramatischen Appell an die fast 200 Teilnehmerstaaten gewandt. Weltweit sei die Klimakrise schon jetzt eine „Frage von Leben und Tod“ – nun gelte es ein „globales Klimachaos“ abzuwenden.

„Wenn wir versagen, werden die Arktis und Antarktis weiter schmelzen, die Korallen sterben, die Meeresspiegel steigen, mehr Menschen werden an Luftverschmutzung sterben und an Wasserknappheit, und die Kosten dieses Desasters werden durch die Decke schießen“, warnte Guterres. Außer Frage stellte der UNO-Chef, dass die Welt wegen der Klimakrise in großen Schwierigkeiten steckt: Die Dringlichkeit der Situation könne Guterres zufolge kaum überschätzt werden.

„Der Klimawandel schreitet schneller voran als wir, und wir müssen unseren Rückstand so schnell wie möglich aufholen, bevor es zu spät ist“, sagte Guterres, dem zufolge die Welt bei ihren Bemühungen zum Stopp der Erderwärmung „vom Kurs abgekommen“ sei.

UNO-Generalsekretär Antonio Guterres am Klimagipfel
AP/Czarek Sokolowski
Guterres will keine endlosen Verhandlungen, sondern Lösungen

Guterres erinnerte daran, dass die Zeit für endlose Verhandlungen fehle. Die Konzentration von Kohlendioxid (CO2) in der Atmosphäre sei so hoch wie seit drei Millionen Jahren nicht. „Trotzdem steigen die Emissionen weiter.“ Nach neuesten Berechnungen müsse der Ausstoß von Kohlendioxid aber bis 2030 um 45 Prozent sinken im Vergleich zu 2010 und schon 2050 netto null erreichen. Warnend verwies Guterres darauf, dass der Treibhauseffekt längst im Gang ist. Nach Berechnungen der Weltwetterorganisation (WMO) seien die 20 wärmsten je gemessenen Jahre in den vergangenen 22 Jahren gewesen.

Bisher zugesagte Maßnahmen zu wenig

Auf dem UNO-Klimagipfel verhandeln Vertreter aus knapp 200 Staaten zwei Wochen lang darüber, wie die als historisch eingestuften Beschlüsse der Pariser Klimakonferenz von 2015 durch klare Regeln zur Umsetzung und Überprüfung ergänzt werden können.

In Paris war beschlossen worden, die Erderwärmung auf durchschnittlich unter zwei Grad Celsius, möglichst sogar auf 1,5 Grad zu begrenzen. Die bisher weltweit zugesagten Maßnahmen zur Reduzierung klimaschädlicher Treibhausgase reichen dazu aber bei Weitem nicht aus.

Bei den Bemühungen zur Verhinderung einer Überhitzung der Welt geht es im Kern darum, möglichst bald und vollständig die Freisetzung von Treibhausgasen zu stoppen. Die Verbrennung von Kohle, Öl und Gas, bei der Kohlendioxid frei wird, steht dabei im Mittelpunkt. Darüber hinaus müssen andere Quellen für klimarelevante Gase – etwa bei der Viehzucht und der Industrieproduktion – gestopft und letztlich auch Kohlendioxid aus der Luft abgeschöpft werden, etwa durch Aufforstung von Wäldern und CO2-Einlagerung unter der Erde.

Klimagipfel als „historischer Test“

Die Welt stehe vor einem „historischen Test“, sagte Polens Staatspräsident Andrzej Duda bei der offiziellen Eröffnung des Weltklimagipfels. „Wir müssen beweisen, dass wir bereit sind, den Plan endgültig umsetzen, den wir 2015 entworfen haben“, sagte Duda mit Blick auf das Abkommen von Paris. Duda zufolge müsse bei der Weltklimakonferenz ein Regelwerk, ein „Katowice-Rulebook“, entstehen, in dem genau festlegt wird, wie das Paris-Abkommen praktisch umgesetzt werde.

Duda betonte, das Gastgeberland Polen sei bereit, seinen Teil zum Klimaschutz beizutragen. Allerdings gilt Polen, das knapp 80 Prozent seines Stroms aus Kohle bezieht, bei Umweltschützern bisher als Klimasünder. Die Modernisierung veralteter Kraftwerke geht nur langsam voran. Nach Plänen von Polens nationalkonservativer Regierung wird Kohle auch in Zukunft eine wichtige Rolle spielen. „Die eigenen natürlichen Ressourcen zu nutzen, im Fall Polens Kohle, und darauf die Energiesicherheit zu stützen, steht nicht im Widerspruch zu Klimaschutz und Fortschritt beim Klimaschutz“, sagte Duda am ersten Gipfeltag dazu.

Suche nach „Kreativität und Flexibilität“

Bereits am Sonntag hatte der Präsident des vorigen Klimagipfels, Fidschis Premierminister Frank Bainimarama, auf ein rasches Umsteuern gedrängt. „Gott möge uns vergeben, wenn wir die unwiderlegbaren Beweise ignorieren und die Generation sein werden, die die Menschheit verraten hat.“ Der pazifische Inselstaat Fidschi ist durch steigende Meerespegel infolge des Klimawandels akut bedroht.

„Wir müssen in den nächsten zwei Wochen Kreativität und Flexibilität an den Tag legen, um die Zeit klug zu nutzen und die Vereinbarungen zu liefern, nach denen wir alle streben“, sagte Polens Vizeumweltminister Michal Kurtyka, der im Namen Polens die Präsidentschaft der zweiwöchigen Konferenz übernahm. In Berlin, Köln und Brüssel hatten am Wochenende Zehntausende Menschen für eine Energiewende demonstriert.

Warnung vor Millionen Klimaflüchtlingen

„Wenn wir nicht jetzt die Emissionen reduzieren und eine Anpassung (an die Folgen des Klimawandels, Anm.) vornehmen, werden bis 2030 hundert Millionen mehr Menschen in Armut leben“, zudem werde es in Afrika, Südasien und Lateinamerika dann außerdem 133 Millionen Klimaflüchtlinge geben, warnte zum Auftakt des UNO-Klimagipfels der bei der Weltbank für Klimafragen zuständige John Roome.

Laut Weltbank-Geschäftsführerin Kristalina Georgiewa gilt es nicht nur die „Ursachen“ des Klimawandels zu bekämpfen: „Wir müssen uns auch an die Folgen anpassen.“ Die Weltbank will nun ihre Finanzhilfen für Entwicklungsländer im Kampf gegen den Klimawandel verdoppeln.

„Wichtiges Signal“

Von 2021 bis 2025 sollen insgesamt 200 Milliarden Dollar (177 Mrd. Euro) zur Verfügung gestellt werden: doppelt so viel Geld wie im derzeitigen Fünfjahreszeitraum, wie die Weltbank am Montag in Katowice ankündigte. Es handle sich um ein „wichtiges Signal“ an die internationale Gemeinschaft, dasselbe zu tun.

Klimagipfel: „Alle betonen Notwendigkeit zum Handeln“

Zum Auftakt des UNO-Klimagipfels in Katowice haben laut ORF-Korrespondent Ernst Gelegs in allen Eröffnungsreden auf die Notwendigkeit zum Handeln verwiesen.

Die 200 Mrd. Dollar entsprechen 40 Mrd. Dollar jährlich ab 2021. Den Angaben zufolge wird die Hälfte direkt von der Weltbank finanziert. Von den verbleibenden 100 Mrd. Dollar soll rund ein Drittel von zwei Organisationen der Weltbankgruppe kommen, bei den übrigen Geldern handle es sich um „von der Weltbankgruppe mobilisiertes“ Privatkapital.

Die Industriestaaten haben zusagt, ihre Hilfen für Entwicklungsländer für den Umgang mit Klimafolgen bis 2020 jährlich auf 100 Milliarden Dollar zu steigern. Nach Angaben der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) lag der Betrag 2016 bei 48,5 Milliarden Dollar und im vergangenen Jahr bei 56,7 Milliarden Dollar. Die Entwicklungsländer pochen allerdings auf verbindlichere Zusagen der Industriestaaten.

Van der Bellen „vorsichtig optimistisch“

Der am Weltklimagipfel teilnehmende Bundespräsident Alexander Van der Bellen zeigte sich im Vorfeld zwar „vorsichtig optimistisch“, dass eine Einigung zustande kommt. „Aber ich bin kein bodenloser Optimist. Es werden schwierige Verhandlungen“, sagte Van der Bellen im Vorfeld. Dennoch sei er „zuversichtlicher als noch vor ein bis zwei Jahren“. Grund dafür ist, dass die Bürger angesichts der extremen Wetterphänomene zunehmend besorgt sind. Außerdem gebe es Van der Bellen zufolge „heute keinen ernstzunehmenden Politiker mehr, der den Klimawandel leugnet“.

Bundespräsident Van der Bellen während des Klimagipfels in Polen
Reuters/Kacper Pempel
Van der Bellen: Sind wahrscheinlich letzte Generation, die etwas gegen Klimakrise tun kann.

Bei seiner Rede bei der offiziellen Gipfeleröffnung appellierte Van der Bellen für mehr Maßnahmen zum Klimaschutz. „Wir sind die erste Generation, die mit schnell ansteigenden Temperaturen konfrontiert ist – und wir sind wahrscheinlich die letzte, die etwas dagegen tun kann“, sagte Van der Bellen.

Schließlich übergab Van der Bellen – außer Protokoll – das Wort „seinem Freund“ Arnold Schwarzenegger für einen „Pep-Talk“, der wiederum das Plenum beschwor, künftig mehr lokale Akteure beim Klimaschutz mit an Bord zu holen. Schwarzenegger betonte in seiner Rede, dass nicht die ganzen USA aus dem Klimavertrag ausgestiegen seien. Washington sei mit einem „meschuggenen Anführer“ zwar „ein wenig hintennach“, doch die Wissenschafter sowie viele Gouverneure und Bürgermeister hätten den Klimavertrag nicht gekündigt.

Links: