Eine große Strohziege in der Stadt Gävle
APA/AFP/TT News Agency/Mats Astrand
Abgefackelt und entführt

Das Drama um Gävles Weihnachtsbock

Die schwedische Stadt Gävle hegt und pflegt eine besondere Weihnachtstradition. Seit 1966 wird dort stets am ersten Adventwochenende der Gävlebock, eine riesige Ziege aus Stroh, aufgestellt. Diese ist berühmt, weil sie fast alle Jahre wieder auf kreativste Art und Weise abgefackelt, niedergemäht und ertränkt wird.

Insgesamt 38-mal wurde der meterhohe und tonnenschwere Gävlebock in den vergangenen 51 Jahren zerstört – zum ersten Mal schon bei seiner Premiere. Seitdem wurde er in Einzelteile geschlagen, mit einem Viehwagen gerammt, entführt und in den nahen Fluss geworfen und viele Male angezündet. Jährlich bangen Bürgerinnen und Bürger um ihr geliebtes Weihnachtssymbol – denn auch wenn es so erscheint, ist die Zerstörung des Gävlebocks eigentlich gar nicht Teil der Tradition.

Ursprünglich sollte das Strohtier Weihnachtseinkäufer in die Innenstadt locken. Doch die Anschläge wurden im Laufe der Jahre regelrecht zum Volkssport. Der Modus Operandi reicht dabei von betrunkenem Vandalismus bis hin zu ausgefeilten Coups. Ein Best-of: 2005 setzten zwei als Weihnachts- und Lebkuchenmann verkleidete Personen den Bock mit einem brennenden Pfeil in Brand. Nach ihnen wurde anschließend in einer schwedischen „Most Wanted“-Serie gefahndet.

Bildmontage zeigt Strohziege in Gävle und das Gerüst nach dem Brand
AP/Per-Erik Jaderberg
Dieses Bild – hier der Gävlebock-Brand von 2004 – zeigt sich in der schwedischen Stadt fast jedes Jahr

Wie die meisten anderen Brandstifter wurden sie nie gefasst. Dümmer lief es für einen Touristen aus den USA: Er wurde 2001 zu 18 Tagen Gefängnis und einer Geldstrafe verurteilt, nachdem er den Bock in Flammen gesetzt hatte. Der 51-Jährige gab an, er habe gedacht, er nehme an einer lokalen Tradition teil. 2010 überlebte die Ziege zwar – später stellte sich aber heraus, dass zwei Männer geplant hatten, sie mit einem Helikopter nach Stockholm zu „entführen“. Dafür sollen sie der Wache 50.000 Dollar Bestechungsgeld geboten haben.

Kameras gehackt, Schutz geschmolzen

Die Gävebock-Freunde und die Vandalen liefern sich jährlich ein Katz-und-Maus-Spiel – zum Ärger Ersterer. Denn jedes Mal, wenn der Gävlebock zerstört wird, gehen über 1.000 Stunden Handarbeit in Flammen auf. Dabei hilft auch nichts, dass die Stadt mittlerweile zwei Gävleböcke statt einen produziert und auch Jahr für Jahr an neuen Sicherheitsvorkehrungen feilt. Seit einigen Jahren befindet sich das Tier hinter einer Umzäunung und wird 24/7 von einem professionellen Wachdienst und Kameras überwacht.

Strohziege in Gävle
APA/AFP/TT News Agency/Mats Astrand
Feststimmung nach dem Aufstellen des Gävlebocks im Jahr 2015 – einen Monat später fiel er den Flammen zum Opfer

Doch auch hier zeigten sich Tücken: 2009 wurden die Überwachungskameras von Hackern lahmgelegt – die Ziege fiel währenddessen den Flammen zum Opfer. Auch Experimente mit einer feuerfesten Imprägnierung gingen schief. Das Mittel erwies sich zwar als wirkungsvoll, weil das Strohtier laut der Gävlebock-Kommission dadurch aber „wie ein Terrier“ aussehe, wurde davon wieder abgelassen. Und manchmal haben die Gävebock-Freunde auch einfach ausgemachtes Pech. 2011 wurde die Ziege zum Schutz mit Eis umhüllt. Doch dann kam mildes Wetter. Das Eis schmolz, und der Bock brannte.

Zuversicht nach tragischem Jubiläum

Ein besonders tragisches Schicksal ereilte den Gävlebock 2016. Nur wenige Stunden nach der Feier zu seinem 50. Jubiläum wurde das Tier erneut abgefackelt. Als Ersatz wurde ein kleinerer, von Schülerinnen und Schülern gebauter Gävlebock aufgestellt – der nur wenige Stunden später von einem Auto niedergemäht wurde.

2017 überlebte der Bock wieder. Und die Stadt ist wild entschlossen, ihn auch heuer durchzubringen. Dafür wurde laut schwedischen Medien ein eigener „Geheimplan“ ausgearbeitet. Das Tier, das am Sonntag feierlich enthüllt wurde, befindet sich hinter einem hohen Zaun und ist mit Überwachungskameras gespickt. Für zusätzliche Abschreckung sollen zudem Wächter und ein Taxiplatz direkt neben dem Bock dienen. Zudem – Zeichen der Zeit – hat der Gävlebock mittlerweile einen eigenen Twitter-Account – quasi für die soziale Kontrolle. Ob ihn das retten kann, wird sich erst weisen.

Links: