Brennender Davidstern
Reuters/Umit Bektas
Europaweite Studie

„Normalisierung des Antisemitismus“

Auch wenn vor allem auf symbolischer Ebene Zeichen gegen Judenfeindlichkeit gesetzt werden: Antisemitismus ist aus Sicht der jüdischen Bevölkerung auf dem Vormarsch. Zu diesem Befund kommt eine EU-Umfrage unter mehr als 16.000 europäischen Jüdinnen und Juden. Ein sorgenfreies jüdisches Leben in der EU sei nicht möglich, einige Vorfälle würden gar nicht mehr als antisemitisch wahrgenommen.

Die Ergebnisse, zu der die EU-Agentur für Grundrechte (FRA) kommt, sind alarmierend: Juden in Europa sind laut dem Bericht, der am Montag in Brüssel vorgestellt wurde, mit Vandalismus, Beleidigungen, Drohungen und sogar Gewaltverbrechen konfrontiert. Der größte Schauplatz für Antisemitismus seien Internet und Soziale Netzwerke, so die Studie.

Ein Großteil der jüdischen Bevölkerung habe das Gefühl eines deutlichen Anstiegs der Judenfeindlichkeit in Europa in den vergangenen fünf Jahren. 63 Prozent der Befragten aus zwölf Ländern gaben an, dass sich der Antisemitismus zuletzt deutlich verstärkt habe, 23 Prozent sprachen von einer leichten Verstärkung. 45 Prozent bezeichneten Antisemitismus als ein „sehr großes Problem“.

„Durchdringt öffentliche Sphäre“

40 Prozent der Befragten machen sich laut Studie Sorgen, dass sie in den nächsten Monaten Opfer eines gewalttätigen Angriffs aufgrund ihrer Religion werden könnten. Tatsächlich passiert ist das in den vergangenen zwölf Monaten dem Bericht zufolge zwei Prozent der Befragten. 28 Prozent der Befragten seien im vergangenen Jahr aber selbst Antisemitismus ausgesetzt gewesen. 38 Prozent überlegten, ob sie wegen zunehmender Repressionen auswandern sollten.

Es gebe insgesamt, formulieren die Studienautoren, starke Anzeichen für eine „Normalisierung des Antisemitismus“. Das bedeute, dass manche Vorfälle gar nicht mehr als judenfeindlich wahrgenommen würden, weil sie so oft zu beobachten seien. „Die Studienergebnisse legen nahe, dass Antisemitismus die öffentliche Sphäre durchdringt, wodurch negative Stereotype gegenüber Juden reproduziert und verfestigt werden. Jüdisch zu sein allein erhöht die statistische Wahrscheinlichkeit, mit einer Reihe von negativen Erlebnissen konfrontiert zu sein“, heißt es in dem Bericht.

Die drei am häufigsten erlebten Hetzparolen: „Israel agiert gegen Palästina wie die Nazis gegen Juden“ (51 Prozent), „Juden haben zu viel Macht“ (43 Prozent) und „Juden nutzen den Holocaust zum eigenen Vorteil aus“ (35 Prozent).

Ähnliches Niveau in ganz Europa

Die Daten wurden von Mai bis Juni 2018 mittels Onlinebefragung von 16.395 Personen, die sich selbst als jüdisch identifizieren, aus zwölf EU-Staaten gewonnen. In diesen Ländern – Österreich, Belgien, Dänemark, Frankreich, Deutschland, Ungarn, Italien, Niederlande, Polen, Spanien, Schweden und Großbritannien – sind laut aktuellen Daten 96 Prozent der jüdischen Bevölkerung innerhalb der EU zu Hause. Aus Österreich beteiligten sich 525 Personen mit Selbstidentifikation als jüdisch.

Grafik zeigt Umfrageergebnisse zum Antisemitismus in der EU
Grafik: APA/ORF.at; Quelle: APA/FRA

Im Ländervergleich zeigt die Studie im Wesentlichen ein ähnliches Niveau von Antisemitismus in Europa. Österreich liegt beim Antwortverhalten nahe am Durchschnitt, tendenziell leicht darunter. Das heißt, dass die Befragten aus Österreich die Situation im Großen und Ganzen etwas positiver bewerteten. So war für 73 Prozent Antisemitismus das größte Problem in Österreich (gegenüber 85 Prozent gesamt). 75 Prozent meinten, der Antisemitismus in Österreich habe in den vergangenen fünf Jahren zugenommen (89 Prozent gesamt). Am meisten negative Einschätzungen gab es bei diesen beiden Aussagen von Betroffenen aus Frankreich.

IKG: „Lassen uns nicht zu Opfern machen“

Die Israelitische Kulturgemeinde (IKG) reagierte betroffen auf den Bericht. Judenfeindlichkeit sei ein Problem der gesamten Gesellschaft. „Juden und Jüdinnen sind zwar unmittelbar von Antisemitismus betroffen, aber wir lassen uns nicht so einfach zu Opfern machen“, so IKG-Präsident Oskar Deutsch in einer Stellungnahme. Zu lange seien die Warnungen jüdischer Repräsentanten ignoriert worden. Deutsch: „Und zu oft wird Antisemitismus und der Kampf dagegen politisch vereinnahmt. Weder taugen Rechtsextremisten als Verbündete im Kampf gegen Islamisten noch sind linksextreme Israel-Hasser Freunde jüdischer Gemeinden in Europa“, hieß es.

Erklärung der EU verabschiedet

In der EU werden verstärkt Initiativen gegen Judenfeindlichkeit ergriffen. So haben die EU-Staaten erst vergangene Woche eine gemeinsame Erklärung zum Kampf gegen Antisemitismus verabschiedet. Die EU-Innenministerinnen und -minister forderten darin auch eine besseren Schutz jüdischer Gemeinden und Einrichtungen in Europa. Das Gremium erkenne an, „dass sich jüdische Gemeinden in manchen EU-Ländern besonders gefährdet fühlen durch Terrorattacken nach einem Anstieg gewalttätiger Vorfälle in den letzten Jahren“. Mitgliedsstaaten seien eingeladen, eine umfassende Strategie zu verabschieden und umzusetzen. Es gehe darum, jede Form von Antisemitismus zu bekämpfen.

Das Simon-Wiesenthal-Zentrum in Jerusalem hatte sich dazu verhalten optimistisch gezeigt. „Als Erklärung ist das ein historisches Dokument, die Frage ist die Umsetzung“, sagte Leiter Efraim Zuroff. Das israelische Außenministerium begrüßte die Erklärung. Das sei eine „bahnbrechende Entscheidung“, die Sicherheit von jüdischen Gemeinden in Europa voranzubringen und den Kampf gegen Antisemitismus zu stärken. Auch der Jüdische Weltkongress (World Jewish Congress, WJC) freute sich über die EU-Erklärung.

Kommission drückt Sorge aus

Angesichts der nun veröffentlichten FRA-Studie zeigte sich der Vizepräsident der EU-Kommission, Frans Timmermans, tief besorgt. Timmermans betonte am Montag in Brüssel, „es gibt kein Europa, wenn Juden sich nicht in Europa sicher fühlen“. Es sei von größter Bedeutung, dass die „Geißel“ des Antisemitismus stark und gemeinsam bekämpft werde. Es seien in den letzten Jahren zwar viele Schritte gemacht worden, aber diese würden nicht genügen, sagte Timmermans. Nächstes Jahr werde Bilanz über den Kampf gegen Antisemitismus gezogen.

Auch EU-Justizkommissarin Vera Jourova sagte, sie sei zutiefst betrübt über die Ergebnisse des Berichts der Grundrechteagentur. Es gelte, gegen die Leugnung des Holocaust vorzugehen und zu garantieren, dass Juden die volle Unterstützung der Behörden haben.

Karoline Edtstadler (ÖVP), Staatssekretärin im Innenministerium, hob die Anstrengungen des österreichischen EU-Ratsvorsitzes in Hinblick auf den Schutz jüdischen Lebens in Europa hervor. „Wir können nicht tolerieren, dass sich Jüdinnen und Juden in Europa nicht mehr sicher fühlen. Antisemitismus entsteht nicht von heute auf morgen. Wir müssen wachsam sein, vor allem auch in der digitalen Welt, denn aus Worten können Taten werden.“

Vorurteile und Unwissen überdauern

Dass sich in Europa antisemitische Vorurteile weiterhin halten, zu diesem Schluss kam Ende November eine Umfrage des US-Nachrichtensenders CNN in sieben EU-Staaten, darunter Österreich. Damals gab ein Fünftel der Befragten an, dass Juden zu viel Einfluss in Medien und Politik hätten. Nur 54 Prozent unterstützen Israels Existenzrecht als jüdischer Staat.

In Österreich war ein Drittel der Befragten der Meinung, dass Juden zu viel Einfluss im Finanzbereich hätten. In Polen und Ungarn hatten sogar 40 Prozent diese Ansicht. 31 Prozent der insgesamt 7.000 Befragten in Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Schweden, Polen, Ungarn und Österreich meinten, dass das Gedenken an den Holocaust von anderen Gräueltaten ablenke.

Auch das Wissen über den Holocaust zeigt alarmierende Defizite, wie die Umfrage zeigte. So wussten rund 40 Prozent der jungen Deutschen zwischen 18 und 34 Jahren „wenig“ oder „gar nichts“ darüber. Etwa jeder 20. Europäer gab an, noch nie etwas über die systematische Vernichtung der Juden durch die Nationalsozialisten gehört zu haben.

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