Bösendorfer-Flügel
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150-jährige Beziehung

Österreich, Japan und ein Bösendorfer

Japan und Österreich begehen im Jahr 2019 das 150. Jubiläum der Aufnahme diplomatischer Beziehungen. Entstanden ist der Freundschafts- und Handelsvertrag im Rahmen der damaligen kaiserlichen Ostasienexpedition. Mit dem Warenaustausch kam aber auch ein kultureller Transfer ins Rollen, der die gegenseitige Wahrnehmung beider Länder bis heute prägt. Als Türöffner gilt ein Bösendorfer-Flügel.

Die österreichische Ostasienexpedition war im Oktober 1868 mit den beiden Kriegsschiffen „Donau“ und „Erzherzog Friedrich“ von Triest aus aufgebrochen. Gewählt wurde die Route über Kapstadt, Singapur, Hongkong und Schanghai. Es war eine Premiere: Noch nie zuvor hatte sich ein Verband österreichischer Schiffe in Richtung Japan aufgemacht. Möglich wurde die Expedition aufgrund der Öffnung des Inselstaates nach über 200-jähriger Isolation – Japan war anno 1854 von den USA mit Unterstützung etlicher Westmächte gewaltsam dazu gezwungen worden.

Primärer Zweck der Reise war der Abschluss von Schifffahrts- und Handelsverträgen mit China, Siam und Japan. Der Zeitpunkt der kaiserlichen Expedition war kein Zufall. Sie stand in unmittelbarem Zusammenhang mit der bevorstehenden Eröffnung des Sueskanals, im November 1869. Der Rückweg der Expedition war so geplant, dass eines der beiden Schiffe die neue Kanalverbindung nutzt, um die ungeheure Zeitersparnis zu demonstrieren.

Rüstungen aus Japan
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Rüstungen, aufgenommen im Rahmen der kaiserlichen Ostasienexpedition

Kunst und Kultur als Türöffner

Doch zunächst galt es, neue Handelsbeziehungen im ostasiatischen Raum zu knüpfen. An strategisch wichtigen Orten wie in Schanghai wurden k. u. k. Handelsdelegierte zurückgelassen, um ein entsprechendes Handelsnetzwerk aufzubauen. Im September 1869 erreichten die beiden Schiffe Nagasaki und im Oktober 1869 Yokohama. Der erste Aufenthalt einer offiziellen österreichischen Gesandtschaft in Japan prägt das Bild, das beide Länder voneinander haben, bis heute maßgeblich. Denn um der diplomatisch-wirtschaftlichen Annäherung auf die Sprünge zu helfen, wurde auf Kunst und Kultur gesetzt. Und damit ein Gründungsmythos erzeugt, der insbesondere Touristiker heute noch frohlocken lässt.

Kurz trifft Abe

Auch beim Japan-Besuch und dem Treffen mit Premier Shinzo Abe von Kanzler Sebastian Kurz (ÖVP) steht – neben Wirtschaftsfragen – die Feier der bilateralen Beziehungen im Zentrum. Dazu gibt es ein Konzert der Wiener Philharmoniker.

Von Marmor bis Musik

Neben einer lebensgroßen Statue von Kaiser Franz Joseph aus Carrara-Marmor, viel Porzellangeschirr und üppig verzierten Gewehren und Pistolen hatten die Schiffe als Gastgeschenk an den japanischen Kaiser Meiji auch einen Konzertflügel von Bösendorfer an Bord. Der Legende nach war es ein musikalischer österreichischer Offizier, der an den Flügel gesetzt wurde, um dem japanischen Kaiser westliche Musik vorzuspielen, was für den Monarchen eine akustische Ersterfahrung bedeutet hat.

Dementsprechend haben Mozart, Strauss und Co. ihre Wirkung als diplomatisches Schmiermittel nicht verfehlt. Nach zehn Tagen war ein Freundschafts-, Handels- und Schifffahrtsvertrag zwischen Japan und Österreich fertig ausgehandelt. Insbesondere wurden niedrigere Handelszölle vereinbart. Die Ratifikation und das Inkrafttreten des Vertrags erfolgte im Jahr 1871. Mit dem forcierten Warenaustausch kamen die Länder einander sehr bald auf vielen Ebenen näher.

Militärischer Bildungsaustausch

Bereits im Jahr 1873 war eine japanische Abordnung bei der Wiener Weltausstellung zu Gast. Bald darauf kamen erste japanische Studierende nach Österreich und besuchten Einrichtungen wie das Wiener Theresianum und die Marineakademie in Pula. Und immer wieder war es die Musik, die für entsprechende Verbindungen gesorgt hatte. Der Anton-Bruckner-Schüler, Musikprofessor und Komponist Rudolf Dittrich wurde im Jahr 1888 nach Japan an die Musikhochschule von Tokio berufen und wirkte dort sechs Jahre lang als künstlerischer Leiter. Eine geplante Japan-Tour von Johann Strauss (Sohn) war aber gescheitert.

Der Beginn eines Hypes

Doch bereits in den Jahrzehnten vor den diplomatischen Beziehungen war das Interesse an japanischer Ästhetik in Österreich groß. Sie war außerordentlich modisch – das Fremde faszinierte. So lockte ein großes Wiener Vergnügungsetablissement bereits in den 1830er Jahren mit einem entsprechend gestalteten Japan-Saal. All das bildete die Grundlage für einen großen Japan-Hype, der mit dem Japan-Besuch des österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand im Jahr 1893 endgültig ins Rollen kam. Und der sich in den Jahren darauf insbesondere in der Kunst zu äußern begann.

Für die Wiener Jahrhundertwende zentrale Künstler wie Gustav Klimt, Koloman Moser und Dagobert Peche ließen sich von Japan sehr offensichtlich inspirieren – ebenso wie Oskar Kokoschka. Die Wiener Secession stand im Rahmen der sechsten Ausstellung, anno 1900, ganz im Zeichen des japanischen Holzschnitts. Im Jahr darauf wurden, ebenfalls in der Secession, Holzschnitte des bekannten japanischen Künstlers Katsushika Hokusai ausgestellt. Die minimalistische Facette japanischer Kunst und Lebensart hatte aber auch Einfluss auf das Werk von Architekten wie Adolf Loos und Richard Neutra.

Elektrische Apparate aus Japan
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Schon damals faszinierte die Elektronik aus Japan (Foto von der kaiserlichen Ostasienexpedition)

In Japan gefeierter Skipionier

Nicht nur in der österreichischen Monarchie wurde dem Japonismus gefrönt. In der gesamten westlichen Welt war ein riesiges Interesse an Japan entbrannt. Alle Großmächte hatten entsprechende Kontakte geknüpft. Und gerade zu Beginn der Moderne befriedigte das Japanische die Bedürfnisse nach neuen Formen und Ideen perfekt. Insbesondere die Plakatmalerei des Jugendstils hatte deutliche Anleihen am Japanischen genommen. Europäisches Zentrum des Japonismus war Frankreich. In den Niederlanden verarbeitete etwa Vincent van Gogh die neuen Strömungen in seinem Werk.

Die Fülle an Klischees, die in den japanisch-österreichischen Beziehungen und deren Geschichte steckt, ist bemerkenswert. Denn starke Verbindungen haben sich auch hinsichtlich des Sports sehr früh entwickelt. So war es der k. u. k. Offizier Theodor von Lerch, der den alpinen Skilauf ab dem Jahr 1911 in Japan zu großer Popularität verhalf. Lerch brachte die Stemmbogentechnik nach Japan, um zunächst Militärangehörige später aber auch Zivilpersonen in alpinem Skilauf zu unterrichten. Er war der erste, der den Fuji mit Ski bestieg. In der japanischen Stadt Joetsu sind Lerch heute noch ein Denkmal und ein Skimuseum gewidmet.

Neuer Freihandelsvertrag

Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs war allerdings Schluss mit den guten Beziehungen und dem regen Austausch. Japan und Österreich waren zu Kriegsgegnern geworden. Während der Zwischenkriegszeit waren die diplomatischen Beziehungen überschaubar geblieben. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden sie im Jahr 1953 offiziell wieder aufgenommen.

Seitdem herrscht ein unaufgeregtes, freundschaftliches Verhältnis mit einem starken wirtschaftlichen Austausch, der in den kommenden Jahren mit großer Sicherheit weiter zunehmen wird. Das Mitte Dezember vom EU-Parlament ratifizierte Freihandelsabkommen zwischen der EU und Japan (JEFTA) ist Anfang Februar pünktlich zum 150. Jubiläumsjahr der japanisch-österreichischen Handelsbeziehungen in Kraft getreten.