Pieter Bruegel d. Ä.: Die Jäger im Schnee
KHM-Museumsverband
Von Bruegel bis Doig

Die weiße Pracht als Künstlermuse

Vom Altmeister Pieter Bruegel über Claude Monet bis zum heutigen Künstler Peter Doig: Maler lieben Schnee, liefert er ihren Bildern doch viel Atmosphäre. Dass man die weiße Pracht so schön findet, ist nicht zuletzt ein Verdienst der Kunst. Auch die Bildhauer warten mit Gefrorenem auf. Aktionskünstler nehmen heute das romantische Bild des Winters allerdings auf den Arm.

Vom Himmel fallen dicke Flocken. Die Dächer und Straßen, sogar die Köpfe der Leute sind weiß bedeckt: Pieter Bruegels Gemälde „Die Anbetung der Könige im Schnee“ beruft sich zwar auf eine biblische Erzählung, aber der Schnee spielt eindeutig die Hauptrolle. Für sein Tafelbild tauchte Bruegel 1563 den Feinpinsel in weiße Farbe und bedeckte die in Brauntönen gehaltene Dorfszene samt Weisen aus dem Morgenland über und über mit Tupfen.

Das aus einem Schweizer Museum stammende Bild ist derzeit als rare Leihgabe in der Bruegel-Schau des Kunsthistorischen Museums (KHM) zu sehen. Die Kuratorin Sabine Penot hält es für die allererste Darstellung von fallendem Schnee in der Tafelmalerei. „Die Komposition ist sehr dünn gemalt, während die Schneeflocken im Kontrast dazu besonders pastos ausgeführt sind“, so die Bruegel-Spezialistin. Dadurch ergäbe sich ein unnachahmlicher Eindruck von Schneegestöber.

Pieter Bruegel d. Ä. „Die Anbetung der Könige im Schnee“
Sammlung Oskar Reinhart „Am Römerholz“, Winterthur
Pieter Bruegel d. Ä.: „Die Anbetung der Könige im Schnee“

Von wegen „weißer“ Winter

An Realismus orientierte Künstler wie Bruegel nutzten schon früh die Tatsache, dass die weiße Pracht alle Spektralfarben in sich vereint. In den letzten 450 Jahren Kunstgeschichte schimmerte Schnee in eiskaltem Blau, im Violett der Waldschatten und im Goldgelb der auf- und untergehenden Sonne von den Leinwänden. Aber auch die braunen und grauen Spuren, die sich wie Erinnerungen in der alles begrabenden Schneedecke zeigen, reizten die Maler.

Pieter Bruegel d. Ä.: Die Jäger im Schnee
KHM-Museumsverband
Pieter Bruegel d. Ä.: „Die Jäger im Schnee“

Nicht umsonst zählt Bruegels Meisterwerk „Die Jäger im Schnee“ zu den Ikonen der Kunstgeschichte: Der Flame, der in der „kleinen Eiszeit“ im Jahr 1564/65 einen der kältesten Winter seit Menschengedenken erlebte, macht seine Betrachter frösteln und bietet ihnen gleichzeitig durch den Fernblick ein erhabenes Gefühl. Am häufigsten kopiert wurde jedoch das Kleinformat „Die Vogelfalle“. Was als harmlose Eislaufszene daherkommt, erhält durch ein aufgestelltes Brett samt Seil Brisanz: So wie die pickenden Vögel jederzeit davon erschlagen werden könnten, wäre auch ein Einbrechen im Eis möglich.

Schnee als Todessymbol

In der Kunst der Romantik tritt im 18. Jahrhundert die unheilvolle Dimension der Kälte in den Vordergrund. Die Winteransicht gerät zur trostlosen Seelenlandschaft. So wurde etwa Caspar David Friedrichs Werk „Die Eischollen“ als Symbol für Scheitern gedeutet. Aus der Hinwendung zu einsamen Gefilden wie dem Polarmeer und Gebirgen spricht der romantische Wunsch nach Weltflucht. Parallel zum aufkommenden Alpinismus entstand eine Fülle an Bergbildern; Gipfelmaler wie etwa Edward Theodore Compton rühmten sich selbst zahlreicher Erstbesteigungen.

Giovanni Segantini: „Die bösen Mütter“
Belvedere
Giovanni Segantini: „Die bösen Mütter“

Eine eigene Technik im Malen von Schnee entwickelte Giovanni Segantini. Der Schweizer Freilichtmaler setzt dünne Pinselstriche ungemischter Farben dicht nebeneinander und lässt sie aus der Distanz ihre Wirkung entfalten. Im Wiener Belvedere hängt Segantinis symbolistisches Meisterwerk „Die bösen Mütter“ von 1894, eine Art Antiabtreibungsbild. In einer verschneiten Gegend sind darin nackte Frauen von Ästen an Bäumen gefesselt; an ihren Brüsten trinken jene Säuglinge, die die wollüstigen Rothaarigen dem Titel nach loswerden wollten – die kaltherzige Ablehnung von Mutterschaft als weibliche Ursünde.

Verschneite Impressionen

Auch Claude Monet konnten kalte Füße nicht davon abhalten, seine Staffelei im Freien aufzustellen. Wie jüngst eine Schau in der Albertina zeigte, hatte Monet Spaziergänger im Schnee verewigt, Eisschollen auf Flüssen und verschneite Lokomotiven. Virtuos hielt er auch die frisch angezuckerte Natur fest, wo das Grün der Pflanzen durch den Neuschnee schimmert. „Von den Impressionisten war Monet der eifrigste Winterbildmaler“, sagte Albertina-Kurator Heinz Widauer. Der Künstler hinterließ rund 150 solcher stimmungsvoller Landschaften.

Claude Monet, Die Kirche von Vétheuil im Schnee, 1878/1879 Musée d’Orsay, Paris
RMN-Grand Palais/Musée d’Orsay/Stéphane Maréchalle
Claude Monet: „Die Kirche von Vetheuil im Schnee“, 1878/1879

Auch auf Monets Farbpalette war noch das hochgiftige Bleiweiß ein fixer Bestandteil. Über Jahrhunderte war die gesundheitsschädliche Farbe in der Malerei unersetzlich. Kein Weiß in den Pupillen der Porträtierten, keine Lichteffekte und keine Schneeflocke ohne das Pigment, für dessen Herstellung Blei in Essigsäure gelegt wurde. Für die typischen Bauchkrämpfe der Bleivergiftung wurde sogar die Bezeichnung „Malerkolik“ geprägt. Erst ab Mitte des 19. Jahrhunderts kam ungiftiges Zinkweiß in den Handel.

„Ski Heil!“ auf der Leinwand

Ein blitzblauer Himmel trifft auf gleißend hellen Firn: Starke Kontraste kennzeichnen die Bergbilder des Tiroler Malers Alfons Walde, der seiner Heimatregion künstlerisch ein Denkmal setzte. Der geschäftstüchtige Kitzbühler wiederholte seine gefragtesten Motive wie „Auracher Kirchl“ und „Bauernsonntag“ unzählige Male und druckte auch eigene Postkarten. Jungfräuliche Tiefschneehänge strahlen auf den Plakaten, die Walde für die lokale Tourismuswerbung entwarf.

Claude Monet, „Eisenbahn im Schnee, Lokomotive“, 1875, Musée Marmottan Monet, Paris
Musée Marmottan Monet, Paris / Bridgeman Images
Claude Monet: „Eisenbahn im Schnee, Lokomotive“, 1875

Die Spur des Wintersports in der Kunst führt bis in die Gegenwart, liebt doch der britische Maler Peter Doig das Snowboarden. Seine Urlaube auf Skipisten inspirierten den bekennenden Bruegel-Fan in den 1990er Jahren zu ersten Winterbildern, die heute in den wichtigsten Museen weltweit hängen. Für die figurativen Bilder des 1959 geborenen Schotten werden Höchstpreise gezahlt; so etwa 28 Millionen Dollar für „Rosedale“, die Ansicht eines Hauses bei Schneefall.

Gefrorene Skulpturen

Jenseits der Malerei entdeckten die Bildhauer der Arte Povera in den späten 1960er Jahren die Verwendung von Eis. So setzte etwa Piero Calzolari für seine poetischen Werke Kühlaggregate ein, um seinen Metallskulpturen eine Schicht Reif zu verleihen. Ein Zeichen gegen den Klimawandel setzt hingegen der Künstler Olafur Eliasson, der schon mehrmals für Ausstellungen Millionen Jahre alte Eisblöcke von Grönland-Gletschern herbeischaffen und dann schmelzen ließ. Derzeit liegt solch vermeintlich „ewiges“ Eis vor der Tate Modern in London.

Einen hintersinnigen Humor zeichnet die Schneearbeiten des Schweizer Aktionskünstlers Roman Signer aus, der etwa eine im Freien aufgestellte Tiefkühltruhe vollschneien ließ und eine Skihütte auf Snowboards eine Piste hinunterfahren. Den ersten Platz unter den witzigsten Eisplastiken nimmt jedoch eindeutig der in einem Kühlkasten gebaute „Schneemann“ des Künstlerduos Fischli & Weiss ein. Das New Yorker Museum of Modern Art stellte die lächelnde Figur letzten Sommer in seinem Skulpturengarten aus und erntete bei einer Hitze von 30 Grad plus begeisterte Publikumsreaktionen.

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