Szene des Films „Ben Is Back“ mit Julia Roberts
Tobis Film Gmbh
„Ben is back“

Harte Bandagen von Julia Roberts

„Ben is back“ ist ein packendes Drama rund um einen Teenager, der einen Drogenentzug unterbricht, um seine Familie zu Weihnachten zu besuchen. Aber nicht nur Ben ist zurück, sondern auch Julia Roberts als seine Mutter. Sie ist auf einem neuen Höhepunkt ihrer wechselvollen Karriere angelangt und mit einem hochgelobten Film und einer Amazon-Serie am Start.

Was kaum jemand weiß: Eine ihrer ersten Rollen hatte Roberts 1988 in „Miami Vice“, der Espadrillo-Serie rund um Don Johnson – wenn auch nur in einer einzigen Folge. Der Durchbruch und damit auch gleich Weltruhm folgte mit „Pretty Woman“ (1990) an der Seite von Richard Gere – die Rolle des gefallenen Engels bzw. der dauergewellten „My Fair Lady“ schien ihr auf den Leib geschneidert.

In den Jahren darauf bekam Roberts vor allem leichte, aber „geschmackvolle“ Komödien angeboten, bis hin zur „Braut, die sich nicht traut“ (1999); dazwischen immer wieder handfeste Flops, wie etwa eine Abwandlung des „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“-Stoffes gemeinsam mit John Malkovich („Mary Reilly“, 1996). Der Film spielte nur sechs Millionen Dollar ein. Schon kurz darauf bescherte ihr die Rolle der kämpferischen „Erin Brockovich“ ein Karrierehighlight im Jahr 2000. Sie erhielt dafür den Oscar für die beste Hauptrolle und die höchste Summe, die zu diesem Zeitpunkt jemals eine Schauspielerin für einen einzigen Film verdient hatte: 20 Millionen Dollar.

Szene des Films „Pretty Woman“ mit Richard Gere und Julia Roberts
picturedesk.com/Mary Evans/TOUCHSTONE
Julia Roberts und Richard Gere in „Pretty Woman“

Roberts fette Jahre

Es folgten weitere fette Jahre (2004 etwa „Ocean’s Twelve“), in denen Roberts zu den bestverdienenden Schauspielerinnen in Hollywood gehörte – sie führte diese Liste sogar immer wieder an. In der zweiten Hälfte der Nullerjahre wurde es jedoch ruhiger um sie, ein Filmchen pro Jahr, keine großen Highlights, bis zum Comeback, das auch in den Feuilletons landauf, landab gefeiert wurde: „Wunder“ (2017), in dem sie die Mutter eines Buben mit einer massiven Gesichtsdeformation spielt.

Empfehlung für die Generation Amazon

In der Streamingwelt kam sie zuletzt mit der Amazon-Serie „Homecoming“ an, die auf Englisch auch hierzulande freigeschaltet ist, noch heuer soll eine deutsche Synchronfassung folgen. Kritikerinnen und Kritiker in den USA lobten die Serie, in der die Kriegstraumata der jüngsten Generation an US-Soldaten in Form eines Verschwörungsthrillers aufgearbeitet werden. Außerhalb der Vereinigten Staaten, ohne die Dringlichkeit der Thematik samt öffentlicher Debatte, wirkt der Plot ein wenig langweilig.

An Roberts liegt es jedoch nicht. Vortrefflich verkörpert sie die Ambivalenz der psychologischen Betreuerin, die gleichzeitig ein beinhartes Programm durchziehen muss und dennoch große emotionale Nähe vor allem zu einem ihrer Klienten empfindet. Spätestens mit „Homecoming“ hat sich Roberts auch bei einer jüngeren Generation einen Namen gemacht, was ihr wiederum hoch dotierte Rollen in näherer Zukunft bescheren dürfte.

Weihnachten auf Entzug

Bereits jetzt glänzt sie in „Ben is back“, manche Kritiker sprechen von ihrer überzeugendsten Leistung seit „Erin Brockovich“. Regie führte dabei Peter Hedges, bekannt durch „Gilbert Grape“ (1993) und „About a Boy“ (2002).

Szene des Films „Ben Is Back“ mit Julia Roberts und Lucas Hedges
Tobis Film Gmbh
Julia Roberts und Lucas Hedges in „Ben is back“

Es ist Weihnachten. Holly Burns (Roberts) und drei ihrer vier Kinder kehren von einer Chorprobe nach Hause zurück. Dort wartet ein Überraschungsgast: Der 17-jährige Sohn Ben (Lucas Hedges), der eigentlich seit zwei Monaten – wieder einmal – auf Drogenentzug ist. Die Freude bei seinem Stiefvater und seiner ältesten Schwester hält sich in Grenzen. Zu oft schon hat er mit seiner Sucht die Familie terrorisiert, gerade auch am Weihnachtstag. Doch Holly freut sich – und will der Familie beweisen, dass Ben auf dem richtigen Weg ist. Das ist er auch, aber die Geister seiner Vergangenheit lassen ihn nicht los.

Halbweltthriller umschifft Klischeefallen

Offenbar hat die halbe Halbwelt der Stadt eine Rechnung mit ihm offen, und die andere Hälfte will ihn wieder zum Drogenmissbrauch überreden. Nach der ersten Häfte des Films, die ruhiger ist, folgt ein Spießrutenlauf durch die Randgebiete der Stadt, zuerst ist die Mutter noch gemeinsam mit dem Sohn unterwegs, dann wendet sich das Blatt und „Ben is back“ steuert auf sein dramatisches Finale zu.

Der Film ist besonders, weil er sämtliche Klischeefallen umschifft, in die er tappen könnte. Die Drogensüchtigen werden nicht wie Karlsplatz-Fixer in den 70er Jahren dargestellt, was sonst oft in Filmen der Fall ist. Die Mutter will nicht moralisieren, sondern ihren Sohn retten. Verheiratet ist sie in zweiter Ehe mit einem Schwarzen – was nicht einmal thematisiert, sondern korrekterweise als normal und egal dargestellt wird.

Mit der Kraft einer Löwin

Vor allem aber lebt der Film neben einem gelungenen Spannungsbogen von der schauspielerischen Ausnahmeleistung Roberts’ und Hedges’. Einmal mehr verkörpert Roberts eine brave, fast schon liebliche Bürgerlichkeit, die aber emotional höchst aufgeladen sein kann. Sie scheint vor Liebe zu ihrem Sohn schier zu bersten, auch wenn sie ihn auf der gemeinsamen Tour de force neu kennenlernt, als Gefallenen, als Kriminellen, als jemanden, dessen Schamgrenzen längst gefallen sind.

Und Roberts entwickelt als Holly Kraft wie eine Löwin. Sie brüllt, sie legt sich mit der Polizei, Dealern und der eigenen Familie an. Vor allem aber muss sie dem eigenen Sohn die Stirn bieten, wenn sie ihn retten will. Ob ihr das gelingt, bleibt buchstäblich bis zur letzten Sekunde offen. Spannend bleibt es auch für Roberts-Fans. Vielleicht klappt es ja bei „Ben is Back“ auch wieder mit einem Oscar?

Falls nicht, der nächste Film ist bereits in Arbeit. In „Little Bee“ treffen ein britisches Paar und eine 16-jährige nigerianische Waise aufeinander – und das Schicksal nimmt seinen Lauf, anders, als alle Beteiligten sich das erwartet hätten.

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