Kristine Langenbucher (OECD) und AMS-Vorstand Johannes Kopf
APA/Hans Klaus Techt
System mit Hürden

Die Grenzen des AMS-Algorithmus

Das AMS testet momentan einen Algorithmus, um Arbeitsmarktchancen von Arbeitslosen zu ermitteln. Laut AMS-Vorstand Johannes Kopf führt dieser zu keiner Diskriminierung, wie er in einem Pressegespräch am Freitag sagte. OECD-Expertin Kristine Langenbucher warnt jedoch davor, das Thema zu unterschätzen.

Im Jahr 2019 läuft die geplante Einteilung von arbeitslosen Menschen in drei Kategorien mit hohen, mittleren und niedrigen Arbeitsmarktchancen via Algorithmus im Testbetrieb. Ab 2020 sollen die Ergebnisse als Grundlage für die Zuweisung in AMS-Fördermaßnahmen verwendet werden. Die Letztentscheidung habe der AMS-Berater, betonte Kopf. Es seien auch Auf- und Abstufungen durch den Berater oder die Beraterin möglich.

Frauen seien in der mittleren Gruppe, die am meisten Förderungen erhalten soll, überrepräsentiert, sagte Kopf zu Befürchtungen, der Algorithmus könnte zu Diskriminierung führen. Laut aktuellen Zahlen sind neun Prozent der arbeitslosen Frauen in der Gruppe eins (hohe Arbeitsmarktchancen), 62 Prozent in der Gruppe zwei und 29 Prozent in der Gruppe drei, so der AMS-Vorstand.

Kristine Langenbucher (OECD) und AMS-Vorstand Johannes Kopf
APA/Hans Klaus Techt
Kopf: Letztentscheidung hat AMS-Berater

Bei Männern seien es 16 Prozent in der oberen Kategorie, 51 Prozent in der mittleren, und 33 Prozent hätten niedrige Arbeitsmarktchancen. Es gehe darum, dass „die richtigen Maßnahmen die richtigen Personen“ erreichen, so Kopf.

Deutschland setzt ausschließlich auf Beratung

Auf Einladung des AMS stellte am Freitag die OECD-Arbeitsmarktexpertin Langenbucher die unterschiedlichen Modelle zur Ermittlung von Chancen auf dem Arbeitsmarkt von Arbeitsämtern in Industriestaaten vor. Während Deutschland, die Schweiz und Slowenien nur auf Einschätzung der Beraterinnen und Berater vertrauen, gibt es statistisches Profiling unter anderem in Australien, Belgien, Dänemark, den Niederlanden, Schweden und den USA. In Dänemark, den Niederlanden und Schweden ist die Teilnahme durch die Arbeitslosen aber freiwillig.

Statistische Diskriminierung als Problem

Die OECD empfiehlt Staaten, statistisches Profiling bei der Arbeitslosenförderung einzusetzen, um keine großen Ressourcen für Arbeitssuchende zu verschwenden, die schnell einen Job finden. Auf Basis der erhobenen Daten sollte die Beratung möglichst früh ansetzen, und auch die Budgetplanung und Vergabe könnte genauer gesteuert werden.

Die OECD-Expertin warnte aber davor, das Thema statistische Diskriminierung zu unterschätzen. Auch könne das AMS-Modell keine Diagnosen der Barrieren auf dem Arbeitsmarkt feststellen. Es gebe auch Grenzen des statistischen Profilings, so die Arbeitsmarktexpertin. Als Problembereiche ortet Langenbucher verzerrte Daten, fehlende Genauigkeit und Mangel an Transparenz.

Verwaltungsdaten als Basis für AMS-System

In Österreich hat das Wiener Sozialforschungsinstitut Synthesis ein Arbeitsmarktchancenmodell für das AMS basierend auf Verwaltungsdaten entwickelt. Als Personenmerkmale werden unter anderem Geschlecht, Alter, Staatsbürgerschaft, Ausbildung, Betreuungspflichten und gesundheitliche Einschränkungen herangezogen. Auch der bisherige Erwerbsverlauf wird berücksichtigt, unter anderem der bisherige Beruf, das Ausmaß der Beschäftigung, die Häufigkeit und die Dauer von Arbeitslosigkeit und etwaige AMS-Kursmaßnahmen.

Weil beim AMS-Modell nur Verwaltungsdaten verwendet würden, sei auch keine freiwillige Teilnahme durch Arbeitslose vorgesehen, sagte Kopf. In Dänemark, den Niederlanden und Schweden sei das Profiling vor allem deswegen freiwillig, weil zusätzliche Fragebögen verwendet würden.

AMS-IT wandert ins Bundesrechenzentrum

Kopf kündigte am Freitag auch eine Änderung bei der Computerinfrastruktur des AMS an. Man habe einen Schlussstrich unter die Zusammenarbeit mit dem US-Konzern IBM gesetzt und überlässt die IT künftig dem staatlichen Bundesrechenzentrum. Das AMS hatte in der Vergangenheit mehrfach mit IT-Problemen zu kämpfen. Der AMS-Verwaltungsrat habe im Dezember den Anbieterwechsel beschlossen, so Kopf.

Der IT-Transitionsprozess werde rund 2,5 Jahre dauern und im Frühjahr beginnen, sagte Kopf. IBM erhielt im Jahr 2011 den Zuschlag für die Betreuung und Weiterentwicklung der AMS-IT in Höhe von 173 Mio. Euro. Die Mindestbindefrist des Arbeitsmarktservice an den IT-Partner IBM endete bereits im September 2017.