Abrissarbeiten in Genua
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Genua

Unglücksbrücke wird abgerissen

Knapp ein halbes Jahr nach ihrem Einsturz sind am Freitag an der Morandi-Brücke im italienischen Genua die Abrissarbeiten voll angelaufen. Ein Teilstück der Brücke war letzten August plötzlich in sich zusammengestürzt, 43 Menschen starben. Bis 2020 soll eine neue Brücke stehen. Zum Unglück selbst sind aber immer noch nicht alle Fragen beantwortet.

Die Abrissarbeiten werden laut offiziellen Angaben etwa 20 Mio. Euro kosten, die Aufträge dafür wurden an fünf italienische Unternehmen vergeben. Die neue Brücke soll danach nach Plänen des Stararchitekten Renzo Piano entstehen. Begonnen hatten die Arbeiten zum Abriss bereits am Donnerstag. In einer ersten Phase wurden laut italienischen Medienberichten etwa 3.000 Tonnen Material abtransportiert.

Abrissarbeiten in Genua
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Der Beginn der Abbrucharbeiten an der Brücke

Die etwa 40 Meter hohe Brücke – auch als Polcevera-Viadukt bezeichnet – war am 14. August 2018 auf einer Länge von etwa 100 Metern eingebrochen. Zum Unglückszeitpunkt war ein schweres Unwetter über die Region gezogen. Als Ursache gelten allerdings Abnützungserscheinungen an dem Bau aus den Jahren 1963 bis 1967. Grünes Licht für den Abriss der Brücke hatte erst am Montag die Staatsanwaltschaft Genua gegeben. Geplant ist laut Medienberichten auch der Abbruch von 50 bis 120 Gebäuden unterhalb der Brücke.

Ruine als „offene Wunde“

Verkehrsminister Danilo Toninelli von der Fünf-Sterne-Bewegung nannte die Brückenruine eine „offene Wunde“ für das ganze Land. „Wir versuchen, diese Wunde zu schließen.“ Zum eigentlichen Beginn der Abbrucharbeiten am Freitag war auch Premierminister Giuseppe Conte anwesend. „Heute beginnt der Neustart für Genua, die Region Ligurien und ganz Italien“, sagte er. Die Morandi-Brücke ist Teil der italienischen Autobahn 10 (A10).

Giuseppe Conte und Marco Bucci
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Besuch vom Ministerpräsidenten mit rotem Feuerwehrhelm, links Genuas Bürgermeister Bucci beim Start der Abrissarbeiten

Die „Autostrada die Fiori“ („Autobahn der Blumen“) führt von Genua die Küste entlang an die französische Grenze. Sie stellt eine wichtige Verbindung von Ligurien in den Piemont und die Lombardei bzw. nach Südfrankreich dar.

Neubau von Stararchitekt Piano

Den Neubau der Brücke wird Stararchitekt Piano, der selbst aus Genua stammt, als Konsulent leiten, wie der Bürgermeister der Stadt, Marco Bucci, kürzlich bei einer Pressekonferenz bekanntgab. „Renzo Piano stellt seine Erfahrung in den Dienst der Stadt“, sagte Bucci. Geplant sei ein schlichter Bau „im Einklang mit dem Charakter der Stadtbewohner“.

Eingestürzte Brücke in Genua
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Die Brücke unmittelbar nach dem Einsturz des mittleren Teilstücks am 14. August 2018
Eingestürzte Brücke in Genua
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Die Brücke verläuft über bewohntes Gebiet – nun sollen auch zahlreiche Gebäude darunter abgerissen werden
Eingestürzte Brücke in Genua
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Rettungseinsatz unmittelbar nach dem Unglück. 43 Menschen starben.
Hubschrauber über eingestürzter Brücke in Genua
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Suche nach Überlebenden in den Trümmern
Eingestürzte Brücke in Genua
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Der Einsturz eines Pylons – eines Stehers, der die Seilkonstruktion hält – ließ die Brücke abbrechen
Eingestürzte Brücke in Genua
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Blick von unten – aus dem nach dem Unglück zur verboteten „roten Zone“ erklärten Wohngebiet, über das die Brücke verläuft
Eingestürzte Brücke in Genua
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Die gesamte Brücke wenige Tage vor Beginn der Abrissarbeiten

Der 81-jährige Piano hat weltweit Brücken entworfen, unter anderem die 900 Meter lange Ushibuka-Brücke, die drei Inseln in Süden Japans verbindet. Der Architekt hatte schon den Hafen von Genua anlässlich der Expo 1992 neu gestaltet. Die eingestürzte vierspurige Brücke wurde vom italienischen Bauingenieur Ricardo Morandi erreichtet, er gilt als ein Pionier der Schrägseilkonstruktionen.

Bieterrennen ist entschieden

Den Auftrag für die Wiedererrichtung der eingestürzten Brücke erhielt ein Konsortium rund um Italiens größten Baukonzern Salini Impregilo erhalten. An dem Konsortium beteiligen sich die in Triest beheimatete Schiffswerft Fincantieri und der Gleisbauer Italferr, eine Tochter der Italienischen Staatsbahnen (FS). Der Baukonzern Cimolai mit einem Konzept des spanischen Stararchitekten Santiago Calatrava schied im Bieterrennen aus. Auch der chinesische Konzern China Communications Construction Company Ltd. (CCCC) hatte sich um den Neubau beworben.

Abriss der Unglücksbrücke von Genua

Ein halbes Jahr nach dem Brückeneinsturz sollen in Genua die Reste der Katastrophe verschwinden. Seit Freitag werden die noch stehenden Teile der Brücke abgetragen.

Die Betreibergesellschaft der Morandi-Brücke, die Autostrade per l’Italia (ASPI), die von den italienischen Regierungsparteien von Anfang an wegen angeblich mangelnder Instandhaltung für die Katastrophe verantwortlich gemacht wurde, war vom Rennen um den Wiederaufbau des Viadukts ausgeschlossen worden. Diesen Beschluss will die Autobahngesellschaft aber noch vor Gericht anfechten.

Immer noch viele Spekulationen

Die tatsächliche Ursache für den Einsturz der Brücke ist nach wie vor Gegenstand von Spekulationen bzw. Debatten. Zuletzt war in internationalen Medienberichten die Rede von einem möglicherweise gefälschten Sanierungsgutachten und somit bewusster Täuschung – nicht Fahrlässigkeit – als Unglücksursache. Die Justiz ermittle auch gegen Mitglieder einer Expertenkommission, die sich 2017 mit Sanierungsmaßnahmen an der Brücke befasst hatte, hieß es.