Eisbär
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Sibirien

Geräusche sollen Eisbärplage beenden

Nachdem Dutzende Eisbären in eine russische Siedlung nördlich des Polarkreises eingedrungen sind, haben die Behörden nun mit der Vertreibung begonnen. Es werde Technik eingesetzt, die Geräusche mache, um die Tiere von der sibirischen Arktisinsel Nowaja Semlja im Nordpolarmeer zu verscheuchen, hieß es.

Die Behörden hatten die Warnung am Samstag im Gebiet Archangelsk veröffentlicht. „Es gibt jetzt weniger Bären. Wir können sie aber wegen eines Schneesturms nicht zählen“, sagte ein Vertreter der Ortsbehörde der russischen Nachrichtenagentur Ria Nowosti zufolge am Montag. Der Notstand bleibe bestehen.

Mindestens 52 Tiere wurden zuletzt in der Nähe der Siedlung Beluschja Guba gesichtet. Einige dieser Bären seien Menschen bereits nahegekommen und hätten Häuser und Büros besucht, hieß es zur Begründung. Im Internet wurden Videos dazu veröffentlicht: Eisbären in einem Hausgang neben Kinderwagen oder Bären, die durch ein Fenster schauen.

Mülldeponien mit großer Anziehungskraft

Ein Behördenvertreter führte die hohe Zahl der Eisbären in den Siedlungen der Insel auf den Klimawandel zurück: „In den 80er Jahren ist das Eis um Nowaja Semlja herum auch im Sommer nicht vollständig geschmolzen. Aber jetzt, wenn man Satellitenbilder betrachtet, gibt es kein Eis mehr. Im Winter bildet es sich vor der Küste erst spät“, so der Chef der örtlichen Behörde, Schiganscha Musin.

Die beschleunigte Eisschmelze in der Arktis als Folge des Klimawandels führe dazu, dass Eisbären sich länger an Land aufhalten. Dort lieferten sie sich einen Wettstreit um Nahrung. Auf eben jener Suche nach Futter kämen die Bären zu den Mülldeponien, sagte Musin der Agentur Interfax zufolge. „Bis 2020 planen wir, alle Mülldeponien vollständig zu beseitigen und eine Verbrennungsanlage zu bauen.“ Seit fast 40 Jahren wohne er auf der Insel, erklärte er und ergänzte: „So viele Bären gab es noch nie.“ Auf der Doppelinsel, auf der auch russisches Militär stationiert ist, leben rund 3.000 Menschen.

„Regelrechte Jagd“ auf Menschen

Eisbären gehören zu den gefährdeten Tierarten und dürfen in Russland nicht erlegt werden. Eine Genehmigung zur Erschießung der Bären wurde zunächst nicht erteilt, hieß es auch von den Behörden. Die Regionalbehörden in Archangelsk hatten hingegen am Wochenende erklärt, sollten alle anderen Mittel fehlschlagen, könne das Erschießen der Tiere nicht mehr ausgeschlossen werden.

In einem Bericht an die für Nowaja Semlja zuständigen Behörden in Archangelsk hatte es geheißen, dass seit dem vergangenen Dezember bereits 52 Polarbären regelmäßig in Beluschja Guba, der Hauptsiedlung der Insel, aufgetaucht seien. Einige von ihnen hätten Menschen angegriffen. Eltern würden Angst haben, ihre Kinder in den Kindergarten und in die Schule gehen zu lassen. Einige Bären würden Menschen „regelrecht jagen“, so Musin.

Lebensraum schwindet zusehends

Laut WWF ist der Lebensraum der Eisbären im vergangenen Jahr wieder geschrumpft. Im vergangenen Oktober erreichte das Packeis des zugefrorenen Polarmeeres seine drittgeringste Ausdehnung seit 1979. Somit verblieb den Eisbären auch heuer wenig Zeit, um auf dem Eis zu jagen und sich Fettreserven für den Sommer anzufressen. Abhilfe könnten laut WWF nur eine starke Reduktion der CO2-Emissionen und ein strenger Schutz der Arktis schaffen.

Auf der Suche nach Fressbarem kamen Eisbären im vergangenen Jahr auch auf Grönland den Menschen immer häufiger nahe. Binnen weniger Monate habe es allein im ostgrönländischen Ort Ittoqqortoormiit mindestens 21 Zwischenfälle gegeben, berichtete die dänische Nachrichtenagentur Ritzau unter Berufung auf die Eisbärpatrouille von WWF. Verletzt sei niemand worden. Vor zehn Jahren waren in einem ganzen Jahr nur neunmal Eisbären im Ort gemeldet worden. Die WWF-Patrouille wird gerufen, wenn ein Eisbär Häusern zu nahe kommt. Sie soll die gefährlichen Tiere abschrecken.

Vorfall auf Spitzbergen: Kritik an Reise

Zuletzt sorgte ein Vorfall auf der norwegischen Inselgruppe Spitzbergen im Nordatlantik für Aufregung. Ein Eisbär griff im Juli vergangenen Jahres ein deutsches Crewmitglied des Kreuzfahrtschiffes „Bremen“ an und verletzte den Mann, der als „Eisbärenwächter“ für Touristen und Touristinnen tätig ist, am Kopf. Der Eisbär wurde von anderen Wächtern „aus Gründen der Notwehr“ erschossen. Kritik wurde am Reiseveranstalter Hapag-Lloyd Cruises geübt, der mit Eisbärensichtungen wirbt.

Unter dem Hashtag „#BoycottHapagLloydCruises“ riefen etliche Nutzer und Nutzerinnen in Sozialen Netzwerken zum Boykott des Unternehmens auf. „Nur wegen dem Geschäft mit den Touristen wurde ein Eisbär abgeschossen …“, hieß es zum Beispiel im Kurznachrichtendienst Twitter. Die Behörden in Spitzbergen warnen regelmäßig vor der Gefahr, die von Eisbären ausgeht. Die letzte tödliche Attacke eines Eisbären geschah 2011, als ein britischer Student ums Leben kam.

Hungernder Eisbär als mahnendes Beispiel

Ein vom Fotografen Paul Nicklen aufgenommenes Video eines hungernden Eisbären wurde Ende 2017 als mahnendes Beispiel für die Folgen des Klimawandels gedeutet. Seit dem Jahr 2008 befindet sich der Eisbär auf der Liste der vom Aussterben bedrohten Tierarten. Neben dem Klimawandel stellen Jagd und Handel große Gefahren für die Population der Tierart dar. In der Wildnis leben nach Angaben der Umweltorganisation WWF nur noch 22.000 Eisbären. Geht die Eisschmelze weiter wie bisher, rechnen Fachleute mit einem schnellen und starken Rückgang der Population.