Ein Fischerboot an der Küste von Honningsvag in Nord-Norwegen
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Kupferabbau in Arktis

Norwegen begibt sich auf heikles Terrain

Jahrelange Proteste sind ungehört geblieben: Die norwegische Regierung hat diese Woche dem Unternehmen Nussir ASA eine Betriebsgenehmigung für die Gewinnung von Kupfer im äußersten Norden von Norwegen erteilt. Einheimische Rentierhalter und Fischer fürchten um ihre Weideflächen und Fanggründe.

„Das Bergbauprojekt wird den Industriestandort stärken“, sagte Wirtschaftsminister Torbjoern Roe Isaksen von der Mitte-rechts-Regierung nach der Entscheidung am Donnerstag. „Es wird sich positiv auf die Gemeinde auswirken, neue Arbeitsplätze und Möglichkeiten schaffen.“ Das könnte die betroffene Kommune Kvalsund in der Provinz Finnmark gut gebrauchen: Wirtschaftlich ist sie abgehängt, 40 Prozent des Budgets werden für die Versorgung älterer Menschen aufgebracht, die Jungen ziehen weg.

Während das nahe gelegene Hammerfest seit Jahren vom Offshore- und Gasgeschäft profitiert, ist in Kvalsund am Repparfjord die Einwohnerzahl auf unter 1.000 gesunken, Perspektiven fehlen. „Das muss gefeiert werden“, kommentierte folglich Bürgermeister Terje Wikstrom die Genehmigung zum Kupferabbau. Doch nicht nur Kupfer hat die Fördergesellschaft Nussir ASA im Sinn, auch andere Metalle, möglicherweise auch Gold und Silber, könnten hier gewonnen werden.

Kleines Fischerhäuschen in Norwegen
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Fischer fürchten, dass der Fjord letzlich zur Mülldeponie wird

Sorge um Fische und Rentiere

Der Freude auf der einen Seite stehen existenzielle Sorgen auf der anderen gegenüber. Schließlich sehen die Pläne auch die Ablagerung von Schmutz, Gestein und anderen Rückständen des Abbaus in den nahe gelegenen Repparfjord vor, der für seinen Wildlachs und Kabeljau bekannt ist. Zudem befindet sich hier ein wichtiges Weidegebiet für Rentiere, deren Halter meist dem indigenen Volk der Samen angehören.

Zwar hat Nussir ASA zugesagt, die Abbauaktivitäten während der Kalbungszeit der Rentiere im Frühjahr einzustellen. Der Chef der Internationalen Vereinigung der Rentierhirten, Anders Oskal, gab allerdings zu bedenken, dass dies keinen großen Unterschied mache. „Die Infrastruktur selbst stellt eine Bedrohung für Rentiere und ihre Durchzugsgebiete dar“, sagte Oskal. Die Einschränkung der zur Verfügung stehenden Weideflächen könnte tragische Folgen haben: „Da weniger Land zur Verfügung steht, fressen Rentiere im Sommer nicht genug, um den Winter zu überstehen.“

Rentiere mit einem Sami-Hirten auf einem Motorscooter
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Dramatische Folgen könnte das Bergbauprojekt auch für die Rentiere haben

Zweifel an Umweltversprechen

„Es ist einfach unglaublich, dass sich eine Regierung im Jahr 2019 für die Nutzung des Repparfjords als Mülldeponie für die Bergbauindustrie ausspricht“, warnte Lars Haltbrekken, früher oberster Vertreter Norwegens bei Friends of the Earth, einem internationalen Zusammenschluss von Umweltschutzorganisationen. Seine Nachfolgerin Silje Ask Lundberg nannte die Abbaupläne „eines der umweltschädlichsten Industrieprojekte in der norwegischen Geschichte“.

Norwegens Regierung zufolge soll der Kupferabbau auf nachhaltige Weise erfolgen, die Auswirkungen seien sorgfältig geprüft worden. „Wir sind zuversichtlich, dass die Ablagerung nicht mit unannehmbaren Auswirkungen auf die Umwelt einhergeht“, sagte Wirtschaftsminister Isaksen. Zweifel bleiben: Frühere Abbauabfälle, die ebenfalls in das Repparfjords gekippt wurden, machten sich in einem starken Rückgang der Lachspopulation bemerkbar. Erst nach 13 Jahren trat eine Erholung ein.

Arktis im Griff des Klimawandels

Norwegen ist das einzige Land in Europa – und eines von nur fünf weltweit -, das Förderunternehmen das direkte Ablagern von Abfällen in das Meer ermöglicht. Bei der Öffnung der Arktis für die Schwerindustrie ist Norwegen dagegen nicht allein, wie The National unlängst berichtete: Yamal LNG etwa ist eine 27 Milliarden Dollar teure Erdgasförderanlage, die 450 Kilometer nördlich des Polarkreises in Russland liegt.

Die einst unberührte Arktis ist zu einem Gebiet geworden, wo die Gewinnung von Mineralien und Energie, Schifffahrt und Tourismus möglich ist. Der Preis dafür aber ist hoch: Die dortigen Durchschnittstemperaturen sind seit der vorindustriellen Zeit um mehr als zwei Grad Celsius gestiegen, doppelt so schnell wie im weltweiten Schnitt. Das gefährdet die Lebensgrundlage vieler Menschen: „Indigene Völker und Ökosysteme in der Arktis“ führen einem Studienentwurf der UNO zufolge die Liste jener Bevölkerungsgruppen an, die besonders anfällig für die Klimaerwärmung sind.