Louise Fleck
Filmarchiv Austria
Louise Fleck

Österreichs vergessene Filmpionierin

Die ersten österreichischen Spielfilme stammen von einer Frau. Ab 1910 wirkte Louise Fleck als Drehbuchautorin, Produzentin und Regisseurin an über 150 Produktionen mit. Auch wenn sie damals hinter den offiziellen Credits ihrer männlichen Kollegen zurückstand: Sie war die erste Spielfilmregisseurin Österreichs und die zweite weltweit. Eine Biografie begibt sich jetzt auf ihre Spuren.

Bei einem Faschingsfest trat Fleck als Automat auf. Wer eine Münze einwarf, bekam eine Mehlspeise serviert. Die damals bereits erfolgreiche Firmengründerin, Produzentin, Drehbuchautorin und Regisseurin, verkleidet als perfekt funktionierende Hausfrau? Ein guter Scherz. Dass Fleck diesen wirklich gesellschaftskritisch meinte, kann man heute nur vermuten – auf jeden Fall zeigt diese von ihrem Enkel überlieferte Anekdote, dass sie Humor besaß und die Fähigkeit, über sich selbst zu lachen.

Die Wiener Regisseurin und Autorin Uli Jürgens hat jetzt die Lebensgeschichte der zwischendurch in Vergessenheit geratenen Louise (auch Luise) Fleck alias Louise Kolm (während ihrer ersten Ehe) alias Aloisia Veltee (ihr Geburtsname) recherchiert und dabei auch mit noch lebenden Verwandten gesprochen. Das Ergebnis ist eine 244 Seiten starke, reich bebilderte Biografie, die den Werdegang der Kinopionierin nachzeichnet.

Die junge österreichische Filmindustrie

Um die Jahrhundertwende war Fleck die erste Regisseurin Österreichs und die zweite Frau in dieser Funktion weltweit (nur die Französin Alice Guy-Blanchee stand schon etwas früher hinter der Kamera). Aber wie kam sie dazu, einen Beruf zu ergreifen, den es eigentlich noch nicht gab? Geboren wurde Louise am 1. August 1873 als Tochter des Wiener Stadt-Panoptikum-Gründers, Louis Veltee, und seiner adeligen Frau Nina.

Schon als Mädchen half sie an der Kassa des elterlichen Etablissements auf dem Wiener Kohlmarkt aus, in dem es neben Wachsfiguren berühmter Persönlichkeiten bald auch Stereoskopien und frühe Filme zu bestaunen gab. Im Jänner 1910 gründete sie mit ihrem ersten Ehemann, dem Fotografen Anton Kolm, sowie ihrem Bruder Claudius Veltee und Jakob Fleck die „Erste österreichische Kinofilms-Industrie“.

Das Team der Wiener Kunstfilm
Georg Kolm
Das Team der Wiener Kunstfilm in seinem Dachgeschossatelier. Anton Kolm mit Zylinder, Louise Kolm am Tisch in der Mitte, Jakob Fleck zu einer ihn fütternden Frau gebückt.
Doppelseitige Anzeige der Wiener Kunstfilm GmbH 1915
Filmarchiv Austria
Als Frau allein unter Männern. Doppelseitige Anzeige der Wiener Kunstfilm GmbH im Branchenblatt „Kinematographische Rundschau“, 17. Oktober 1915.
Louise Fleck
Filmarchiv Austria
Ein Foto von Louise Fleck aus dem Fundus des Filmarchiv Austria
Familienausflug um 1919
Georg Kolm
Familienausflug um 1919 – Louise, dritte von links mit Sohn Walter. Anton Kolm hinter ihr im Wagen. Sohn Ludwig mit Hut und Stock – und wahrscheinlich Jakob Fleck mit keckem Schnurrbart.
Am Set von „Ein Mädel aus dem Volke“
Georg Kolm
Am Set von „Ein Mädel aus dem Volke“ (1927). Stehend Harry Liedtke und Jakob Fleck. Sitzend Margarete Lanner, Louise Fleck, Xenia Desni.
Die junge Louise Kolm
Georg Kolm
Für frühe Testaufnahmen spielte die junge Louise Kolm (rechts) das Film- und Fotomodell ihres Gatten Anton Kolm.

„Bis zum Jahr 1910 stellten die Kolms praktisch allein den österreichischen Film dar. Es gab ja noch keine anderen Spielfilme", beschreibt Buchautorin Uli Jürgens gegenüber ORF.at die damalige Situation. Die anderen Filme, die in den brandneuen Lichtspielhäusern gezeigt wurden, waren großteils Importe aus Frankreich „oder Filmchen für Herrenabende der Firma Saturn. Erst später betrat der große Konkurrent der Kolms, Baron Sascha Kolowrat, der Gründer der Sascha-Film, die Bühne.“

Nur 37 von 150 Filmen erhalten

Im Lauf ihres Lebens hat Louise Fleck 150 bis 200 Filme als Regisseurin und Produzentin gedreht, aber „nur 37 davon sind erhalten, vor allem spätere“, bedauert Jürgens. „Hätten wir alle Filme, könnten wir anders urteilen.“ Aber vielleicht finden sich ja noch welche. Das ist möglich, tauchte doch die verschollen geglaubte Grillparzer-Verfilmung „Die Ahnfrau“ (1919) erst 1990 mit portugiesischen Zwischentiteln in Brasilien wieder auf.

Dieser wiederentdeckte 80-Minüter mit Liane Haid und Max Neufeld wird heuer auf der Grazer Diagonale im Rahmen des historischen Specials „Über-Bilder: Projizierte Weiblichkeit(en)“ vorgeführt und dabei live von den Medienkünstlerinen Amina Handke und Asli Kislal kommentiert. Autorin Jürgens wird auch mit von der Partie sein.

Buchhinweis

Uli Jürgens: Louise, Licht und Schatten – Die Filmpionierin Louise Kolm-Fleck. Mandelbaum Verlag, 244 Seiten, 20 Euro.

Veranstaltungshinweis

Buchpräsentation mit Filmprogramm Louise Fleck am 27. März, 18.30 Uhr im Metro Kinokulturhaus in Wien.

Ehe mit der Koregie

Während Fleck anfangs noch mit ihrem ersten Ehemann, Anton Kolm, drehte, zeigte sich bald, dass sie mit Firmenpartner Jakob Fleck ein besseres Team bildete. Und nach Kolms frühem Tod 1922 gaben sich die beiden auch privat das Jawort. Aber entwickelten diese beiden während ihrer Zusammenarbeit auch so eine eigene, künstlerische Handschrift? Jürgens räumt ein, dass sich im erhaltenen Oeuvre von Fleck/Kolm „keine Meisterwerke“ finden. Und doch hätten die beiden viel ausprobiert.

„Filmsprachlich waren sie noch stark im Theater verhaftet“, aber mit ihren Verfilmungen bekannter Volksautoren wie Ludwig Anzengruber, Franz Grillparzer und Artur Schnitzler hätten Kolm/Fleck „den Grundstock für den Heimatfilm gelegt“, jenes Genre, das in der Zeit des Nationalsozialismus und der Aufbauzeit der 1950er Jahre boomte wie kein anderes. Umso absurder ist dieser Zusammenhang, wenn man weiß, dass die letzte österreichische Regiearbeit des Paares, das Anzengruber-Melodram „Der Pfarrer von Kirchfeld“ (1937), von der Presse in der Luft zerrissen wurde, weil ein Großteil des Teams jüdische Wurzeln hatte.

Flucht nach Schanghai

Auch Jakob Fleck war Jude. Weil er die Gefahr unterschätzte, schlug er in den 1930er Jahren ein Angebot der Warner-Studios aus. Stattdessen konvertierte er zum katholischen Glauben und heiratete Louise noch einmal kirchlich. „Die beiden waren große Patrioten, die immer an Österreich geglaubt haben – sie wollten nicht weg. Jakob Fleck hat gedacht, diese Rassensache, die ist sicher nur vorübergehend.“

Und so gehörte Fleck zu den ersten, die ins Konzentrationslager Dachau gebracht wurden. Unter Einsatz aller Kräfte schaffte es Louise, ihren Mann von dort freizukaufen. Gemeinsam gelang ihnen die Flucht nach Schanghai. Und selbst dort stellte die nimmermüde, stets optimistische Fleck mit ihrem Mann Jakob ein Filmprojekt auf die Beine: das in chinesischer Sprache gedrehte Drama „Shijie Er Nü / Kinder der Welt“ (1941).

Erfinderin des Heimatfilms

Von Schanghai kehrten die Flecks nach Wien zurück. Zu groß war die Liebe zu ihrer Stadt. Hier feierte mittlerweile der von den Nazis unterdrückte und nun von neuem gestartete Heimatfilm „Der Pfarrer von Kirchfeld“ gute Erfolge. Dennoch konnten die beiden Kinopioniere beruflich nicht mehr recht Fuß fassen. Vorbei war die Zeit, als im sonnendurchfluteten Dachatelier der „Wiener Kunstfilm-Industrie“ hinter dem Wiener Volkstheater Stars wie Neufeld und Haid ein- und ausgingen und wöchentlich „Sensationsfilme“, „Dramen“, „Komödien“ und „Aktualitäten“ abgekurbelt wurden.

Zumindest hatte Louise Fleck ihre Liebe zum Kino an die beiden Söhne und die Enkel weitergegeben. Sohn Walter Kolm-Veltee, Kameramann und Regisseur, schaffte es mit seinem Beethoven-Drama „Eroica“ (1949) in den Wettbewerb von Cannes und gehörte 1951/52 zu den Gründungsmitgliedern der Wiener Filmakademie. Und Enkelin Monika Kolussi werkte als Cutterin im Wiener Filmkopierwerk Listo.

Louise-Fleck-Preis für junge Talente

Louise Flecks eigener Name aber ziert seit 2018 den Preis, den das österreichische Film-Frauen-Netzwerk FC Gloria an junge Filmtalente vergibt. Erste Preisträgerin ist die Kamerafrau und Produzentin Caroline Bobek. Denn auch heute haben Frauen im österreischischen Filmgeschäft härter zu kämpfen als Männer, werden im Durchschnitt schlechter bezahlt und seltener mit hoch budgetierten Projekten betraut, wie der „Film-Gender-Report 2018“ belegt.