Peter Farrelly
APA/AFP/Valerie Macon
Oscars

„Green Book“ ist bester Film

Die Tragikomödie „Green Book“ von Peter Farrelly hat bei der Oscar-Verleihung in der Nacht auf Montag die Königskategorie „Bester Film“ überraschend für sich entschieden – und zwei weitere dazu. Vier Preise gingen an das Freddie-Mercury-Porträt „Bohemian Rhapsody“. Der große Gewinner dahinter war die Netflix-Produktion „Roma“ – auch wenn die erwartete Revolution ausblieb.

„Green Book“ holte neben dem Hauptpreis auch die Auszeichnungen für das beste Originaldrehbuch, und Mahershala Ali wurde als bester Nebendarsteller prämiert. Farrelly bedankte sich bei seinem Team – besonders emotional wirkte er dabei jedoch nicht. Etwas lebendiger fiel die Dankesrede von Ali aus, in der er an seine Großmutter erinnerte, die ihn immer zum Weitermachen ermutigt habe.

„Green Book“ ist die Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft zwischen dem schwarzen Jazz-Pianisten Don Shirley (Ali) und seinem ursprünglich rassistischen weißen Fahrer Tony Lip (Viggo Mortensen). Die Geschichte basiert auf wahren Begebenheiten während der 60er Jahre. Der Sieg von „Green Book“ lässt viele Experten ratlos zurück, gerade angesichts der Konkurrenz wie „Roma“ und Giorgos Lanthimos’ „The Favourite“. Die „Washington Post“ titelte sogar damit, dass „Green Book“ der schlechteste Gewinner seit „Crash“ 2005 sei.

Spike Lee
APA/AFP/Valerie Macon
Spike Lee sprang auf Samuel L. Jackson, der ihm den Oscar für das beste adaptierte Drehbuch verliehen hat
Mark Ronson, Andrew Wyatt, Lady Gaga und Anthony Rossomando
APA/AFP/Getty Images/Kevin Winter
Lady Gaga war überaus berührt – sie erhielt den Oscar für den besten Originalsong („A Star Is Born“)
Rami Malek
AP/Invision/Chris Pizzello
Der Oscar für den besten Hauptdarsteller ging an Rami Malek, der im Queen-Film „Bohemian Rhapsody“ Freddie Mercury spielt
Jaime Ray Newman, Krysten Ritter und Kiki Layne
APA/AFP/Getty Images/Kevin Winter
Am ausgelassensten feierte das Team von „Skin“ („Bester Kurzfilm“)
Peter Farrelly
AP/Invision/Chris Pizzello
Das Team von „Green Book“ wirkte eher entsetzt als erfreut über den Oscar für den besten Film
Olivia Colman
AP/Invision/Jordan Strauss
Olivia Colman erhielt ihren ersten Oscar – in der Kategorie „Beste Hauptdarstellerin“ für ihre Rolle in „The Favourite“
Lady Gaga und Bradley Cooper
AP/Invision/Chris Pizzello
Bradley Cooper sang mit Lady Gaga „Shallow“ aus Coopers Regiedebüt „A Star Is Born“
Rayka Zehtabchi und Melissa Berton
APA/AFP/Valerie Macon
„Best Documentary Short“ – eine „kleine“ Kategorie, aber die ausgezeichnete Menstruationsdoku „Period. End of Sentence“ ist ein großer Film – und das Team hatte einen großen, sympathischen Auftritt
Melissa McCarthy und Brian Tyree Henry
AP/Invision/Chris Pizzello
Melissa McCarthy und Brian Tyree Henry präsentierten – was sonst – das beste Kostümdesign
Mahershala Ali
APA/AFP/Valerie Macon
Mahershala Ali wurde für seine Nebenrolle in „Green Book“ ausgezeichnet
Alfonso Cuaron
APA/AFP/Getty Images/Kevin Winter
Sympathisch und ganz schön nervös nahm „Roma“-Regisseur und -Kameramann Alfonso Cuaron seine Oscars entgegen
Regina King
APA/AFP/Getty Images/Kevin Winter
Gleich zu Beginn der Verleihung ein emotionaler Moment: Tränenreich bedankte sich Regina King. Sie wurde für ihre Rolle im Rassismusdrama „If Beale Street Could Talk“ in der Kategorie „Beste Nebendarstellerin“ prämiert.
Domee Shi und Becky Neiman-Cobb
APA/AFP/Frederic J. Brown
Becky Neiman-Cobb und Domee Shi freuten sich über ihre Auszeichnung für den besten animierten Kurzfilm „Bao“

Die Netflix-Festpiele

Im Vorfeld war mit Spannung erwartet worden, ob der Netflix-Film „Roma“ groß abräumen würde – und so war es, auch wenn es nicht der beste Film wurde. Regisseur Alfonso Cuaron wurde in den Kategorien „Beste Regie“ und „Beste Kamera“ ausgezeichnet, „Roma“ wurde bester fremdsprachiger Film. Cuaron bedankte sich besonders bei seinem Vorbild, dem mexikanischen Kameramann Emmanuel Lubezki – und bei seinem Heimatland. Von seinem Team hob Cuaron vor allem Hauptdarstellerin Yalitza Aparicio hervor.

In seiner Dankesrede wies er auf 70 Millionen Hausangestellte weltweit hin, die bis heute kaum Rechte hätten. Der Job von Filmemachern sei es, dorthin zu schauen, wo andere wegschauen. Auf Spanisch bedankte er sich schließlich bei seiner Familie und bei Mexiko: „Gracias, gracias, gracias!“ Cuaron hat selbst Regie geführt, die Kamera gemacht und das Drehbuch geschrieben. Es geht in dem Film um seine eigene Kindheit in Mexiko-Stadt Anfang der 70er Jahre – erzählt aus der Sicht einer Hausangestellten.

Vier Trophäen für „Bohemian Rhapsody“

Der Oscar für den besten Hauptdarsteller ging an Rami Malek, der im Queen-Film „Bohemian Rhapsody“ Freddie Mercury spielt. Er verwies darauf, dass er wohl nicht die offensichtliche Wahl für die Rolle gewesen sei, „aber es hat irgendwie funktioniert“. Malek erzählte von Parallelen mit Mercury: Auch er sei Sohn von Einwanderern, in seinem Fall Ägypter. Er bedankte sich bei allen, die im Laufe seiner Karriere an ihn geglaubt hatten.

Die Nervosität war Malek anzumerken – es war seine erste Oscar-Nominierung. Bewegt bedankte er sich bei der Crew und bei der Band Queen – er fühle sich fast schon als Teil von ihnen. Und er machte in seiner Rede noch allen Mut, die mit ihrer sexuellen Identität hadern, wie das beim jungen Mercury der Fall war. „Bohemian Rhapsody“ gewann auch in den Kategorien „Bester Ton“, „Bester Tonschnitt“ und „Bester Schnitt“.

TV-Hinweise

Am Montag um 21.05 Uhr zeigt ORF eins „And the Oscar goes to – Die Highlights aus Los Angeles 2019“ und um 22.30 Uhr in ORF2 „kulturMontag“.

Colman holt den „Favourite“-Oscar

Olivia Colman erhielt ihren ersten Oscar – in der Kategorie „Beste Hauptdarstellerin“ für ihre Rolle in „The Favourite“. In einem grünen Kleid stellte sie sich strahlend dem Publikum. Es stresse sie, hier zu stehen, sagte sie lachend. Sie konnte ihr Glück kaum fassen und rang um Fassung. Sie bedankte sich beim „besten Regisseur“ Lanthimos. Sie streute vor allem auch Glenn Close Rosen, die ebenfalls nominiert war. Lady Gaga schickte sie noch ein Küsschen ins Publikum. Für die sympathische Rede erntete sie stehenden Applaus.

Regina King wurde für ihre Rolle im Rassismusdrama „If Beale Street Could Talk“ in der Kategorie „Beste Nebendarstellerin“ prämiert. Sie hielt die erste Preisrede des Abends – und legte in Sachen Emotion und Tränen einiges vor. Sie bedankte sich in erster Linie bei James Baldwin für die Romanvorlage des Films, in zweiter Linie bei ihrer Mutter und in dritter Linie bei Gott.

Glenn Close
Jordan Strauss/Invision/AP
Glenn Close in einer wirklich beeindruckenden Robe mit einer ebensolchen Schleppe
Billy Porter
APA/AFP/Mark Ralston
Besser wurde es nicht: Billy Porter, bekannt aus Ryan Murphys „Pose“ und „American Horror Story“, in der beeindruckendsten Robe des Abends
Lady Gaga
APA/AFP/Getty Images/Frazer Harrison
Ganz in Schwarz: Lady Gaga, der Star von „A Star Is Born“
Marie Kondo
APA/AFP/Getty Images/Neilson Barnard
Marie Kondo wirkt sehr aufgeräumt in ihrem blassrosa Kleid mit ornamentalem Relief
Emma Stone
APA/AFP/Mark Ralston
Emma Stone, nominiert als beste Nebendarstellerin für ihre Rolle in „The Favourite – Intrigen und Irrsinn“, in einem Kleid, das ein wenig an eine Bienenwabe erinnert
Elsie Fisher
AP/Invision/Richard Shotwell
Elsie Fisher war zuletzt im amerikanischen Independent-Komödiendrama „Eighth Grade“ zu sehen. Hier in einem strengen schwarzen Hosenanzug.
Charlize Theron
APA/AFP/Mark Ralston
Ja, das ist Charlize Theron – mit neuer Haarfarbe und neuer Frisur. Ihre Hairstylistin Adir Abergel hat die Verwandlung in letzter Sekunde vorgeschlagen.
Helen Mirren
APA/AFP/Mark Ralston
Helen Mirren gehörte zum großen „Club Pink“ bei den Oscars
Linda Cardellini
AP/Invision/Jordan Strauss
Linda Cardellini aus „Green Book“ ebenfalls nicht in Grün, sondern in Rosa, der Modefarbe des Abends

„Black Panther“ beendet Marvel-Durststrecke

Marvel-Produktionen blieb Oscar-Glück lange versagt, doch heuer wurde der Bann gebrochen: Gleich drei Trophäen gingen an „Black Panther“: „Bestes Kostümdesign“, „Bestes Szenenbild“ und „Beste Filmmusik“. Der Film feiert utopischen Afro-Futurismus. Bester Animationsfilm wurde ebenfalls eine Marvel-Superheldengeschichte: „Spider-Man: A New Universe“. Bei den animierten Kurzfilmen konnte sich „Bao“ aus dem Hause Pixar durchsetzen.

Christian Konrad (ORF) über die Oscar-Verleihung

ORF-Filmexperte Christian Konrad war bei der Oscar-Verleihung live dabei, die erstmalig ganz ohne Moderator auskommen musste.

So viele Moderatoren wie noch nie

Viel war im Vorfeld gerätselt worden, ob es nicht doch die eine Moderatorin oder den einen Moderator des Abends geben würde. Doch die Academy zauberte keinen Star des Abends aus dem Hut, sondern verteilte die Rolle auf Dutzende Stars. Sehenswert war etwa schon rein optisch die Moderatorenpaarung Helen Mirren und „Aquaman“ Jason Momoa, sie in Pink, er in Blassrosa.

Übertroffen wurden die beiden noch von Melissa McCarthy und Brian Tyree Henry, die den Preis für das beste Kostümdesign vergaben, den sie sich eigentlich selbst für ihren Auftritt verdient hätten – absichtsvoll überladen und sogar mit Stoffhasen.

Steine des Anstoßes: Trumps Mauer

Als das große politische Thema des Abends kristallisierte sich die restriktive Einwanderungspolitik von US-Präsident Donald Trump heraus. So moderierte etwa Javier Bardem auf Spanisch und sagte in Anspielung auf die geplante Grenzmauer zu Mexiko, dass eine Mauer niemals Talent und Genialität aufhalten könne. Ähnlich Preisträger Cuaron, der ein Zitat von Claude Chabrol abwandelte: „Es gibt keine Wellen, es gibt nur den Ozean.“ Cuaron sagte, dass alle Menschen Teil desselben Ozeans seien.

Eine packende Rede – und eine verlorene

Die Diskriminierung von Frauen und Schwarzen im Filmbusiness wurde heuer weniger explizit thematisiert als in den letzten Jahren. Hingegen wurde mehrfach beherzt auf die großen Leistungen und die große Kraft vor allem von Frauen hingewiesen. Sehr wohl explizit und damit eine Ausnahme war Spike Lee, der in seiner Dankesrede (Kategorie „Bestes adaptiertes Drehbuch“) an die Zeit der Sklaverei und den „Genozid“ an Schwarzen erinnerte. In seinem Film „BlacKkKlansman“, der auf wahren Begebenheiten basiert, geht es um einen schwarzen Polizisten, der den Ku-Klux-Klan infiltriert hat.

Abseits von Lee war es aber auch ein Abend der etwas verunglückten Dankesreden. So manche Nominierte wirkten authentisch so, als ob sie nicht mit einem Sieg gerechnet hätten. Da wurde gestammelt, plötzlich geschwiegen – und ein Fremdschämmoment, der in Erinnerung bleibt, war jener, als Szenenbildnerin Hannah Beachler auf der Bühne stand, auf ihrem Smartphone herumdrückte und ins Mikro sagte, sie finde die Rede jetzt nicht – und das war kein Scherz.