Kardinal George Pell von Kameras umringt
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Australien

Kardinal wegen Missbrauchs verurteilt

Der ehemalige Finanzchef des Vatikans, der australische Kardinal George Pell, ist wegen des sexuellen Missbrauchs von Kindern schuldig gesprochen worden. Der 77-Jährige wurde von einem Gericht in Melbourne für schuldig befunden, in den 1990er Jahren zwei Buben sexuell misshandelt zu haben. Einen von ihnen zwang er laut Urteil zum Oralsex. Der Vatikan sprach von einer „schmerzhaften Nachricht“.

Damals war Pell Erzbischof der australischen Metropole. Die Höhe der Strafe muss noch festgelegt werden. Pell drohen insgesamt bis zu 50 Jahre Haft. Das Urteil ist nicht rechtskräftig. Über seine Anwälte wies er am Dienstag nochmals alle Vorwürfe zurück. Die Entscheidung des Gerichts gegen den Kurienkardinal erging bereits im Dezember, wurde bisher aber unter Verschluss gehalten.

Wegen einer Anordnung des Gerichts durfte darüber nicht berichtet werden. Am Dienstag hob die Justiz diese Nachrichtensperre auf. Zuvor hatte die Staatsanwaltschaft darauf verzichtet, in einem weiteren Prozess andere Vorwürfe zu verfolgen, die noch weiter zurückliegen.

Einer der engsten Berater des Papstes

Damit ist Pell nun der höchstrangige Geistliche in der Geschichte der katholischen Kirche, der jemals wegen Kindesmissbrauchs verurteilt wird. Als Finanzchef war der Australier praktisch die Nummer drei des Vatikans. Pell gehörte auch zu den engsten Beratern von Papst Franziskus. Wegen der Vorwürfe hatte er sich im Sommer 2017 beurlauben lassen. Seither lebt er wieder in seiner Heimat Australien. Einen Nachfolger hat der Papst noch nicht ernannt.

Kardinal George Pell von Fotografen umringt
AP/AAP Image/David Crosling
Pells Fall löste in Australien ein Erdbeben aus und dürfte nach dem Urteil auch die katholische Weltkirche erschüttern

Das Urteil durch ein Geschworenengericht stammt bereits vom 11. Dezember. Es erging einstimmig. Gegen Kaution ist Pell weiterhin auf freiem Fuß. Am Mittwoch muss er jedoch zu einem weiteren Termin vor Gericht. Dabei könnte seine Inhaftierung beschlossen werden. Die Verteidigung hat bereits Berufung eingelegt. Sein Anwalt Paul Galbally sagte: „Kardinal Pell hat immer seine Unschuld beteuert. Das macht er auch weiterhin.“ Darüber hinaus werde sein Mandant keine weiteren Erklärungen abgeben.

13-Jähriger in Kirche zu Oralsex gezwungen

Gegen Pell gibt es bereits seit Jahren verschiedene Missbrauchsvorwürfe. Die Fälle, wegen derer er nun verurteilt wurde, reichen bis in die Jahre 1996/97 zurück. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass er seinerzeit nach einem Sonntagsgottesdienst in der Sakristei der Kathedrale der australischen Stadt einen 13-jährigen Buben zum Oralsex zwang und einen anderen ebenfalls sexuell belästigte. Einige Monate später bedrängte er laut den Angaben eines der beiden Kinder erneut.

Die Buben waren damals Schüler des renommierten St Kevin’s College in Melbourne. Einer der beiden starb 2014 an einer Überdosis Heroin. Der andere ging nach vielen Jahren des Schweigens schließlich 2015 zur Polizei und sagte nun auch im Prozess aus. Zuvor war ein erstes Verfahren geplatzt, weil sich die Geschworenen nicht einigen konnten. Pell hatte die Entscheidung im Dezember ohne sichtliche Regung zur Kenntnis genommen. Selbst dazu geäußert hat er sich nie.

Kardinal George Pell
Reuters/Tony Gentile
Pell war jahrelang einer der mächtigsten Männer im Vatikan

Weiteres Verfahren eingestellt

Ursprünglich hätte sich der Kardinal wegen anderer Vorwürfe, die bis in die 1970er Jahre zurückreichen, einem weiteren Verfahren stellen sollen. Damit wurde bisher auch die Nachrichtensperre begründet. Die Justiz wollte damit verhindern, dass das zweite Verfahren beeinträchtigt wird. Die Staatsanwaltschaft entschloss sich aber nun, das zweite Verfahren nicht weiter zu verfolgen. Die Beratungen über das genaue Strafmaß werden am Mittwoch beginnen.

Pell war am Dienstag bei dem Gerichtstermin zum möglichen zweiten Strafprozess in Melbourne anwesend. Beim Verlassen des Gerichtsgebäudes riefen einige Demonstranten „Monster“ und „verrotte in der Hölle“. Ein Mann, der in seiner Kindheit nach eigenen Angaben missbraucht worden war, bezeichnete den Schuldspruch gegen den Kardinal als „Wunder“.

Opfer: „Scham, Einsamkeit und Depressionen“

Von den beiden mutmaßlichen Missbrauchsopfern im Fall Pell starb eines im Jahr 2014. Der andere Mann äußerte sich am Dienstag schriftlich und erklärte, für ihn sei der Fall „noch nicht vorbei“. „Wie viele Überlebende habe ich Scham, Einsamkeit, Depressionen und Kämpfe erlebt. Wie bei vielen Überlebenden hat es Jahre gedauert, bis ich die Auswirkungen auf mein Leben verstanden habe.“ Er habe jemandem vertraut, den er hätte fürchten müssen – und habe sich später vor Menschen gefürchtet, denen er hätte vertrauen müssen.

Schwerer Schlag für Vatikan

Der Schuldspruch gegen Pell ist ein neuer harte Schlag gegen die katholische Kirche. Der Kardinal war lange Zeit einer der einflussreichsten katholischen Geistlichen. 2003 wurde er in das Kardinalskollegium berufen, das unter anderem den Papst wählt. 2014 machte Papst Franziskus ihn zum Finanzchef des Vatikans – ein Posten, von dem er wegen der Missbrauchsvorwürfe seit geraumer Zeit beurlaubt ist. Pell gehörte auch dem C9-Kardinalsrat an, einem Beratergremium von Franziskus. Er wurde aber im vergangenen Jahr ausgeschlossen.

Australischer Kardinal wegen Missbrauchs verurteilt

In Australien ist der ehemalige Vatikan-Finanzchef und Kardinal George Pell wegen Kindesmissbrauchs verurteilt worden. Er ist der ranghöchste Geistliche, der wegen Missbrauchs verurteilt wurde.

Kurz nach enttäuschendem Gipfel

Die katholische Kirche sieht sich seit Jahren mit zahlreichen Missbrauchsskandalen in vielen Ländern konfrontiert. Dabei geht es auch um Vorwürfe von weitreichender Vertuschung. Erst am Sonntag war im Vatikan ein mehrtägiger Krisengipfel zum Thema Kindesmissbrauch zu Ende gegangen.

Der Papst hatte zum Abschluss des Treffens versichert, die Kirche werde künftig jeden einzelnen Fall mit „äußerster Ernsthaftigkeit“ verfolgen. Ein Priester, der Kinder missbrauche, sei ein „Werkzeug des Satans“. Konkrete Maßnahmen nannte der Papst aber nicht. Erst nachträglich kündigte der Vatikan für die nächste Zukunft konkrete Maßnahmen an, ohne Details zu nennen.