Nachtaufnahme der Straßenbahn in Utrecht, in der drei Menschen ermordet wurden
APA/AFP/John Thys
Schüsse in Utrecht

Hintergründe nach Festnahme unklar

Der mutmaßliche Täter, der in einer Straßenbahn in Utrecht drei Menschen getötet haben soll, ist festgenommen worden. Der Chef der niederländischen Anti-Terror-Behörde (NCTV), Pieter-Jaap Aalbersberg, bestätigte die Festnahme. Der „Hauptverdächtige“ des Angriffs sei festgenommen worden, sagte er. Über den Tathintergrund wird weiter gerätselt.

Bei dem Festgenommenen handelt es sich um den 37-jährigen Gökmen Tanis, einen gebürtigen Türken. Im Zusammenhang mit der Tat wurden nach Angaben der Polizei zudem zwei weitere Verdächtige festgenommen – der dritte Montagabend. Dienstagvormittag gab Bürgermeister Jan van Zanen bekannt, dass die beiden anderen Verdächtigen wieder freigelassen wurden. Die Polizei widersprach Van Zanen jedoch in einer Mitteilung auf Twitter – die Männer stünden immer noch unter Verdacht, hieß es darin.

„Viele Fragen und Gerüchte“

Van Zanen ging von einem terroristischen Motiv aus. Ministerpräsident Mark Rutte sprach anfangs von einem „Anschlag“, was er am Abend relativierte: „Es gibt viele Fragen und Gerüchte“, es sei unklar, ob der mutmaßliche Täter ein terroristisches Motiv gehabt habe. Die Polizei wollte auch eine Beziehungstat nicht ausschließen. Die Hinweise darauf verdichten sich.

Polizisten vor dem Wohnhaus in Utrecht, in dem der Tatverdächtige verhaftet wurde
Reuters/Piroschka Van De Wouw
In diesem Haus wurde der Tatverdächtige festgenommen

Gezielt auf eine Frau abgesehen?

Ein Augenzeuge sagte nämlich, nach seinem Eindruck habe es der Täter gezielt auf eine Frau abgesehen gehabt. Nach dem Stoppen der Bahn habe er zunächst eine auf dem Boden liegende Frau bemerkt, der andere Reisende hätten helfen wollen. Plötzlich habe er aber jemanden mit gezückter Pistole gezielt auf die Gruppe zulaufen sehen. „Es sah so aus, als ob er diejenige noch einmal angreifen wollte oder vielleicht die Menschen, die ihr halfen.“ Dass vier Männer in der Straßenbahn „Allahu Akbar“ (Gott ist groß) gerufen hätten, wie andere Zeugen angegeben hatten, konnten die Behörden nicht bestätigen.

Premierminister Mark Rutte
APA/AP/Michael Corder
Ministerpräsident Rutte sprach bei einer Pressekonferenz von einem „Anschlag“

Laut NOS war der festgenommene Hauptverdächtige wegen zahlreicher Delikte bereits amtsbekannt, er habe ein langes Vorstrafenregister. 2012 habe er in einen Lkw eingebrochen, 2014 Polizeibeamte bedroht, und vor zwei Wochen stand er wegen eines Vergewaltigungsvorwurfes vor Gericht. Nach Informationen der türkischen Nachrichtenagentur Anadolu habe der mutmaßliche Täter auf Verwandte geschossen.

Lage in Utrecht nach der Festnahme

ORF-Korrespondent Tim Cupal berichtet aus Utrecht, was man nach der Festnahme des mutmaßlichen Schützen über dessen Motiv weiß.

Terrorwarnstufe wieder herabgestuft

Kurz nach den Schüssen in der Straßenbahn forderte die Verwaltung von Utrecht die Menschen zunächst dazu auf, ihre Häuser nicht zu verlassen. Weil der Täter noch auf der Flucht gewesen ist, wurden weitere Zwischenfälle nicht ausgeschlossen. Eine erste Entwarnung folgte nach wenigen Stunden. Die Einwohner durften wieder auf die Straße gehen. Zuvor hatten die Behörden die höchste Terrorwarnstufe ausgerufen, am Abend wurde sie wieder herabgestuft.

Aus Sicherheitsgründen hatte zuvor die Universität ihre Türen geschlossen. Alle Studierenden wurden aufgefordert, in den Gebäuden zu bleiben. Gleiches galt für alle Schulen und Kindergärten in Utrecht. Alle Kinder und Mitarbeiter sollten in den Gebäuden bleiben. Die Behörden riefen Eltern dazu auf, ihre Kinder vorerst nicht abzuholen.

Die Polizeipräsenz im Regierungszentrum, dem Binnenhof in Den Haag, wurde verstärkt. Der niederländische Rechtspopulist Geert Wilders geht ebenfalls von einem Terrorakt aus. Wilders sagte im niederländischen Fernsehen, es sehe nach einem „Terroranschlag mit unschuldigen Opfern“ aus. König Willem-Alexander und Königin Maxima zeigten sich bestürzt. In einer Erklärung des Hofes hieß es: „Unser tiefes Mitgefühl gilt den Opfern und ihren Familien.“ Das Königspaar rief die Niederländer auf, für eine freie Gesellschaft zusammenzustehen. In Gedanken seien sie bei den Bürgern und Bürgerinnen von Utrecht.

Attacken in den letzten Monaten

Anders als in vielen Nachbarländern sind die Niederlande in den vergangenen Jahren von Terroranschlägen verschont geblieben. In den vergangenen Monaten gab es allerdings eine Reihe bedrohlicher Vorfälle. So vereitelte die niederländische Polizei erst im September nach eigenen Angaben einen großen Anschlag.

Rettungsautos bei Straßenbahn
APA/AP/Peter Dejong
Der Tatort in Utrecht wurde abgeriegelt. Der mutmaßliche Täter wurde verhaftet

In den Städten Arnheim und Weert wurden sieben Verdächtige festgenommen, die einen islamistischen Anschlag auf eine Großveranstaltung geplant haben sollen. In den Wohnungen der Verdächtigen fanden die Ermittler große Mengen an Materialien zur Herstellung von Bomben, darunter hundert Kilogramm Dünger. Ende August war ein 19-jähriger Afghane mit Wohnsitz in Deutschland auf dem Amsterdamer Bahnhof mit einem Messer auf Passanten losgegangen. Zwei US-Bürger wurden dabei schwer verletzt. Die Ermittler gingen von einem „terroristischen“ Motiv aus.