Einsatzkräfte in Littleton
AP/Ed Andrieski
Columbine-Massaker

Angst bleibt auch nach 20 Jahren

Vor 20 Jahren, am 20. April 1999, haben zwei Schüler an der Columbine High School im US-Bundesstaat Colorado 13 Menschen erschossen. Anschließend begingen sie Suizid. Der Massenmord war der bis dahin schlimmste, sollte aber bei Weitem nicht der letzte an einer US-Schule sein. Konsequenzen wurden nur begrenzt gezogen. Wie nachhaltig das Trauma allerdings ist, zeigte sich diese Woche erneut.

Die meist als Amoklauf an der Columbine High School bezeichnete Tat vom April 1999 ereignete sich nahe Littleton, einem Vorort von Denver, der Hauptstadt Colorados. Der damals 18-jährige Eric Harris und der 17-jährige Dylan Klebold töteten dort innerhalb kürzester Zeit zwölf Jugendliche im Alter von 14 bis 18 Jahren, einen Lehrer und anschließend sich selbst. Weitere 21 Personen wurden verletzt.

Das Massaker war kein Amoklauf im engeren Sinn, die beiden jungen Männer hatten laut späteren Ermittlungen ihre Tat monatelang geplant. Ursprünglich hatten sie mit selbst gebauten Bomben, unter anderem aus Gasflaschen, möglichst viele Menschen an der Schule töten wollen. Nachdem die Sprengsätze allerdings nicht zündeten, erschossen sie wahllos Mitschüler und den Lehrer. Harris und Klebold hatten Gewehre und Faustfeuerwaffen bei sich. Nachdem die Polizei mit Einsatzkommandos auf das Schulgelände vorrückte, begingen beide Suizid. Das Motiv für ihre Tat ist bis heute nicht klar.

Anschlag in Littleton
AP/Ed Andrieski
Das Gelände der Columbine High School am Tag des Massakers

„Trench Coat Mafia“ und Okkultes

Anlässlich des 20. Jahrestags des Massakers begaben sich viele US-Medien auf Spurensuche. Die „Denver Post“ etwa veröffentlichte einen Artikel vom 21. April 1999 – dem Tag nach dem Massenmord an der Schule – nochmals.

Dyland Klebold und Eric Harris
AP/Jefferson County Sheriff
Die beiden späteren Täter bei Schießübungen Wochen vor der Tat

Darin ist die Rede von einer Gruppe, die sich die „Trench Coat Mafia“ genannt, einen Hang zum Okkulten, Nähe zur Gothic-Szene gehabt und Adolf Hitler verehrt haben soll. Harris und Klebold hatten während ihrer Tat schwarze Trenchcoats getragen. Der 20. April ist der Geburtstag Hitlers.

Motiv nie wirklich geklärt

Die Rede war damals auch davon, dass sich die „Mafia“ erst zusammengeschlossen hätte, nachdem ihre Mitglieder zuvor gemobbt und von Mitschülern zusammengeschlagen worden seien, vielleicht wegen ihres meist als „seltsam“ beschriebenen Auftretens. Das Motiv wurde in allem Möglichen gesucht, angefangen von Black Metal bis hin zu Videospielen. Postum wurden den beiden Tätern schwere psychische Störungen attestiert. Oft hieß es auch, sie hätten durch ihre Wahnsinnstat schlicht „berühmt“ werden wollen. Wirklich klar wurde das Motiv aber nie.

Trauer nach Amoklauf
AP/Eric Gay
13 Blumen am Zaun als Erinnerung an die 13 Todesopfer

Dutzende weitere Fälle

Insgesamt folgten in den Jahren nach Columbine Dutzende weitere „School Shootings“ in den USA. 2007 erschoss ein 23-Jähriger in Blacksburg (Virginia) 32 Menschen und sich selbst, im Dezember 2014 war es ein 20-Jähriger, der in Newtown (Connecticut) 27 Personen, die meisten davon Volksschüler, erschoss und anschließend Suizid beging. In Parkland, Florida, tötete ein zum Tatzeitpunkt 19-jähriger früherer Schüler an einer Highschool 17 Menschen. Er wurde festgenommen.

Das Vorjahr sei überhaupt das schlimmste Jahr in der Statistik gewesen, hieß es in einer Analyse der BBC im Dezember. Die Fachzeitschrift „Education Week“ führt einen „School Shooting Tracker“ und dokumentiert Zeit, Ort und Umstände. Allein in diesem Jahr zählte die Zeitschrift bis Mitte der Woche neun Vorfälle mit neun Verletzten und einem Todesopfer. 2018 seien 113 Personen verletzt oder getötet worden. Durchschnittlich würden alle acht Tage an einer US-Schule Schüsse fallen, rechnete die BBC vor. Die „kleinen“ Fälle schaffen es meist nicht einmal mehr bis in die europäischen Schlagzeilen.

16 bis 17 Jahre, männlich und Einzelgänger

Der britische Sender befragte auch Experten nach möglichen Parallelen bzw. Mustern. Die Täter seien meist 16 oder 17 Jahre alt und männlich, es gab auch jüngere. Viele wurden als Einzelgänger beschrieben. „Willkürliche“ Taten seien in der Minderheit, zumeist sei das Motiv die „Eskalation eines Streits“. Mehrfach hieß es bei aktuellen Fällen in den letzten Jahren auch, das Massaker und die Täter von Columbine seien auf irgendeine Art „Vorbild“ gewesen – zum letzten Mal vor wenigen Tagen.

18-Jährige mit Pumpgun: Ganz Colorado in Angst

Anfang der Woche hatten US-Medien erstmals berichtet, dass die Bundespolizei FBI nach einer 18-Jährigen fahnde, die – nicht näher spezifizierte – Drohungen gegen Schulen in Colorado ausgesprochen hatte. Sie sei von Columbine „besessen“ gewesen, war in Schlagzeilen zu lesen. Später hieß es, die junge Frau, die aus Florida stammte, hätte bei einem Händler nahe der Columbine High School ein Vorderschaftrepetiergewehr (Pumpgun) und Munition gekauft und sei irgendwo im Bundesstaat untergetaucht. Hunderte Schulen wurden vorsichtshalber geschlossen.

Am Mittwoch wurde nach 20 Stunden Fahndung die Leiche der jungen Frau in einem Wald nahe dem Mount Evans gefunden. Sie hatte sich erschossen. Die Behörden blieben die ganze Zeit über zu dem Fall äußerst vage. Die Medien stellten die Frage nach dem möglichen Motiv und danach, wer die junge Frau überhaupt war. Sie soll psychische Probleme gehabt haben, von „extremen“ Gedanken geschrieben und sich im Internet über das Waffenrecht in Colorado erkundigt haben.

Rufe nach weniger oder nach mehr Waffen

Columbine führte USA-weit zu einer Verschärfung der Sicherheitsvorkehrungen an den Schulen. Es gibt bewaffnetes Sicherheitspersonal und Zugangsschleusen. Präsident Donald Trump schlug vor, das Lehrpersonal zu bewaffnen. Der US-Sender ABC verwies auf eine Reihe von Maßnahmen, etwa die Zusammenstellung besonderer Polizeiteams mit schwerer Bewaffnung, versperrbare Schultüren, Übungen und vieles mehr.

Die grundsätzliche Debatte bewegt sich aber immer noch, wie die BBC schrieb, zwischen den beiden Polen keine bzw. mehr Waffen an Schulen. Kritiker des liberalen US-Waffenrechts prangern regelmäßig den leichten Zugang auch für psychisch instabile Personen zu Schusswaffen an. Überlebende des Parkland-Massakers 2018 setzten sich für eine Verschärfungen der Bestimmungen ein, allerdings bisher ohne Erfolg.