Das Cover des Romans „Willkommen in Lake Success“ von Gary Shteyngart
ORF.at/Dominique Hammer
„Lake Success“

Ein Banker auf Abwegen in Trumps Amerika

Barry Cohen ist Mitte 40 und Manager eines milliardenschweren Hedgefonds in New York. Sein Leben scheint auf den ersten Blick perfekt: Er schwimmt im Geld, hat eine junge Ehefrau und einen kleinen Sohn. Doch dann fällt die Fassade und US-Autor Gary Shteyngart schickt in „Willkommen in Lake Success“ seinen Hauptprotagonisten auf eine wahnwitzige Tour mit dem Greyhound-Bus durch die USA – inmitten des Aufstiegs eines gewissen Donald Trump.

Es ist eine Flucht, ein Selbstfindungstrip und eine Reise in die eigene Vergangenheit: Sein Hedgefonds verliert immer mehr an Wert, nach einem schmutzigen Pharmadeal muss Barry fürchten, dass die Börsenaufsicht hinter ihm her ist. Die Liebe zwischen Barry und seiner indischstämmigen Frau Seema ist erkaltet. Sie ist eine politisch liberale Intellektuelle, er ein „moderater Republikaner“, der nur in der Finanzwelt und seiner Uhrensammlung lebt. Und schließlich ist da noch Sohn Shiva, dem starker Autismus diagnostiziert wird, was das Ehepaar bei aller Liebe zu ihrem Kind völlig überfordert.

Nach einem Streit nimmt Barry Reißaus, mit dem Greyhound-Bus will er nach El Paso, Texas – seinem Leben entfliehen und zurück zu seiner College-Liebe Layla. Um nicht entdeckt zu werden, trennt er sich von Handy und Kreditkarten – und muss sich mit ein paar hundert Dollar und einigen seiner sündteuren Lieblingsarmbanduhren durchschlagen.

Antihelden auf wundersamen Wegen

„Willkommen in Lake Success“ ist Shteyngarts vierter Roman. Schon in den beiden ersten Büchern „Handbuch für den russischen Debütanten“ und „Snack Daddys abenteuerliche Reise“ (das später nachvollziehbarerweise auch auf Deutsch unter dem Originaltitel „Absurdistan“ erschien) begleitete er seine mit jede Menge Schwächen ausgestatteten Antihelden auf oft wundersamen Wege voller absurder Wendungen.

Autor Gary Shteyngart
APA/AFP/Getty Images/Cindy Ord
Shteyngart bei der The New York Times Book Review im Vorjahr

Nicht erst durch seine 2015 erschienene Autobiografie „Kleiner Versager“ wurde klar, dass seine Hauptprotagonisten recht viel mit ihm selbst gemeinsam haben. 1972 im damaligen Leningrad geboren, kam Shteyngart im Alter von sieben Jahren mit seinen Eltern in die USA. Das Spannungsfeld zwischen dem „American Way of Life“ und seinem russisch-jüdischen Hintergrund nimmt der Autor als Hintergrund für die Abenteuer seiner Figuren.

Mit dem Greyhound-Bus durch ein gespaltenes Land

Mit „Super Sad True Love Story“ legte Shteyngart einen politisch-dystopischen Science-Fiction-Roman vor und geht nun mit „Willkommen in Lake Success“ diesen Weg weiter. Es ist der Sommer 2016, Donald Trump wurde eben als republikanischer Präsidentschaftskandidat gekürt. Barrys Odyssee mit dem Greyhound-Bus führt ihn durch ein gespaltenes Land. Er trifft Drogendealer, die vor Touristen posieren, linke Intellektuelle, die bereits im Panikmodus sind, religiöse Spinner auf Crack, rassistische Trump-Jünger und – vor allem – ganz normale Menschen, aber auch die stellen für den Selfmade-Millionär eine fremde Welt dar.

Zwischen Satire und Realismus

„Willkommen in Lake Success“ ist vielleicht ein bisschen weniger Feuerwerk absurder Ideen und Komik wie Shteyngarts andere Bücher. Das mag daran liegen, dass die Grenzen zwischen überspitzter Satire und soziologisch-journalistischer Bestandsaufnahme im Buch verschwimmen. Tatsächlich hat Shteyngart für die Recherche ebenfalls eine Greyhound-Reise unternommen und sich zudem in die Welt der Superreichen der Finanzbranche begeben. An zumeist trocken gesetzten Pointen mangelt es trotzdem nicht, auch dank der ordentlichen deutschen Übersetzung von Ingo Herzke.

Sprunghafter und naiver Barry, starke Seema

Barry ist ähnlich tollpatschig und neurotisch wie Shteyngarts bisherige Romancharaktere. Weltoffen, herzensgut und tolerant möchte er sein, stößt aber immer wieder an seine Grenzen, er ist gefangen in der Rolle des Bankers. Barry erspinnt sich auf seiner Reise immer neue Lebensentwürfe und verwirft sie wenig später wieder. Der im Job skrupellose Hedgefonds-Manager hat die Begeisterungsfähigkeit, aber auch die Sprunghaftigkeit und Naivität eines Kindes. Richtig sicher fühlt er sich nur, wenn er sich zu seinen Armbanduhren zurückziehen kann.

Gleichzeitig sorgt sich Barry rührend um seinen Sohn Shiva, die Liebe zum Kind, aber auch die Überforderung, eint ihn mit seiner Frau Seema. Generalstabsmäßig organisiert diese Heerscharen an Expertinnen und Experten, die Shiva betreuen und fördern sollen, um später festzustellen, dass der Sohn wahrscheinlich ganz etwas anderes braucht. Shteyngart zeichnet Seema als starke, intellektuelle Frau. Vielleicht ist sie sogar die eigentliche Heldin des Romans, doch auch sie muss Sackgassen und Schleifen für ihr eigenständiges glückliches Leben überwinden.

Das Cover des Romans „Willkommen in Lake Success“ von Gary Shteyngart
ORF.at/Dominique Hammer

Buchhinweis

Gary Shteyngart: Willkommen in Lake Success. Penguin Verlag, 432 Seiten, 24 Euro.

Auf fast allen US-Bestenlisten

Shteyngarts genaue Charakterentwicklung der Figuren und auch seine ausführlichen und dennoch pointierten Beschreibungen der Welt der obszön Reichen sorgen dafür, dass es ein bisschen länger braucht, bis „Willkommen in Lake Success“ – buchstäblich – in Fahrt kommt. Doch dann entwickelt er einen ähnlichen Sog wie auch schon Shteyngarts vorhergehende Romane. Dementsprechend landete er in dem meisten renommierten US-Bestenlisten des Vorjahrs.

Und der Autor schafft es auch, die Geschichte fertig zu erzählen: keine Spur von der derzeit, gerade in der angloamerikanischen Literatur, oft grassierenden Abschlussschwäche. Bis fast zuletzt bleibt unklar, welchen Weg die tragikomische Geschichte Barrys nimmt, zum Happy End oder doch zu einem tragischen Ausgang – oder zu beidem.

Stoff als TV-Serie geplant

Das Branchenmagazin „Variety“ meldete vor Kurzem, dass der Roman als Miniserie verfilmt werden und auf dem Sender HBO laufen soll. US-Schauspieler Jake Gyllenhaal übernimmt dabei die Hauptrolle und soll gleichzeitig als Produzent fungieren. Shteyngart selbst wird in die Produktion eingebunden und am Drehbuch mitschreiben. Mehr Details wurden bisher nicht bekannt.

Jake Gyllenhaal
Reuters/Mario Anzuoni
Jake Gyllenhaal soll Barry Cohen spielen

Es ist nicht das erste TV-Projekt für Shteyngart: Beim Vorgängerroman „Super Sad True Love Story“ gab es ebenfalls einen Hollywood-Promi, der sich den Stoff für eine Serie schnappte. Ben Stiller wollte für den Sender Showtime sowohl als Produzent agieren als auch Regie führen. Wie weit das Projekt nach der Ankündigung vor drei Jahren gediehen ist, ist aber unbekannt.