Soldat vor einem Hochhaus in Colombo
Reuters/Dinuka Liyanawatte
Anschlagserie in Sri Lanka

60 Verdächtige festgenommen

Drei Tage nach den verheerenden Anschlägen mit fast 360 Toten und Hunderten Verletzten in Sri Lanka hat die Regierung weitere Details zum Stand der Ermittlungen bekanntgegeben. Man habe acht der insgesamt neun Selbstmordattentäter bereits identifiziert, darunter eine Frau und den Anführer der Islamistengruppe. Bei Razzien seien weitere 60 Verdächtige festgenommen worden.

Einer der Attentäter habe in Großbritannien und Australien studiert, so Verteidigungsminister Ruwan Wijewardene in einer Pressekonferenz am Mittwoch. Die Terroristen seien gebildet und würden teilweise aus der oberen Mittelschicht stammen – „ihre Familien sind gut situiert“, so Wijewardene, „das ist ein beängstigender Faktor“. Wo sie sich radikalisiert hätten, sei Gegenstand der Untersuchungen.

Die Regierung schreibt die Anschlagserie der einheimischen Islamistengruppe National Thowheeth Jama’ath (NTJ) zu. Die Anschlagserie könnte zum jetzigen Zeitpunkt als Vergeltungsmaßnahme für den Terroranschlag auf zwei Moscheen in Christchurch Mitte März ausgelöst worden sein. Der ehemalige Armeechef und nunmehrige Minister für regionale Entwicklung, Sarath Fonseka, sagte, dass die Tat sieben oder acht Jahre lang geplant worden sein müsse.

Massenbegräbnis in Negombo
AP/Gemunu Amarasinghe
Viele Opfer wurden am Dienstag beerdigt

Ein Polizeisprecher sagte am Mittwoch gegenüber der britischen Nachrichtenseite Independent, dass die Terroristen ihre Anschläge in zwei Verstecken geplant hätten, eines davon in der Nähe von Negombo, wo am Sonntag einer der Anschläge auf den Ostergottesdienst verübt wurde. Die Verstecke seien „mindestens zwei oder drei Monate“ verwendet worden.

Sicherheitsapparat soll umgebaut werden

Weil Hinweise auf Anschlagspläne nicht weitergegeben wurden, soll es Konsequenzen für die Sicherheitsbehörden geben. Staatspräsident Maithripala Sirisena kündigte am späten Dienstagabend (Ortszeit) in einer Fernsehansprache an, die Führung der Polizei und anderer Sicherheitskräfte binnen 24 Stunden auszutauschen. Ausländische Geheimdienste hätten bereits am 4. April über mögliche Selbstmordanschläge auf Kirchen und Touristenziele in Sri Lanka informiert.

Die US-Botschafterin in Colombo, Alaina Teplitz, sagte am Mittwoch, dass die USA vorab keine Informationen zu geplanten Anschlägen gehabt hätten. „Wir glauben jetzt aber, dass es weitere Pläne für Terrorangriffe in Sri Lanka gibt. Typische Ziele sind große Menschenmengen und öffentliche Plätze.“

Die Gefahr weiterer Anschläge sei hoch, so auch Präsident Sirisena. Man gehe davon aus, dass es weitere bewaffnete Terroristen im Land gebe. Die Polizei sei in höchster Alarmbereitschaft. So wurde am Mittwoch etwa auch ein verdächtiger Motorroller vor einem Kino in Colombo kontrolliert zur Sprengung gebracht. An dem Fahrzeug seien jedoch keine Sprengsätze gewesen.

Koordinierte Anschläge in Kirchen und Hotels

Die Selbstmordattentäter hatten sich am Ostersonntag nahezu gleichzeitig in drei Kirchen in mehreren Städten und drei Luxushotels in der Hauptstadt Colombo in die Luft gesprengt. Einige Stunden später gab es zwei weitere Explosionen in einem kleinen Hotel und einer Wohngegend in Vororten Colombos.

Am Mittwoch informierte die Polizei, dass die Zahl der Todesopfer auf 359 gestiegen ist. Weitere Menschen erlagen ihren Verletzungen. Zuletzt waren 320 Tote gemeldet worden. Mehr als 500 Verletzte wurden nach den Explosionen den Angaben zufolge noch in Krankenhäusern behandelt. Laut UNO-Kinderhilfswerk (UNICEF) kamen bei den Anschlägen 45 Kinder ums Leben. Das jüngste der 13 in Batticaloa gestorbenen Kinder sei erst 18 Monate alt gewesen, teilte UNICEF-Sprecher Christophe Boulierac am Dienstag in Genf mit. In Negombo seien 27 Kinder getötet worden. Außerdem sei der Tod von fünf ausländischen Kindern bestätigt worden, hieß es.

Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) hatte die Selbstmordanschläge für sich reklamiert. Die Echtheit der am Dienstag aufgetauchten Bekennernachricht ließ sich noch nicht unabhängig überprüfen, Beweise für die Verbindung legte die Terrororganisation nicht vor. Der IS gilt in seinem Stammgebiet in Syrien und dem Irak als besiegt. Experten warnen aber vor der Gefahr von Anschlägen durch die Extremisten.

Hilfe aus dem Ausland?

Die Regierung ist überzeugt, dass die Täter Hilfe aus dem Ausland gehabt haben müssen. „Wir glauben nicht, dass diese Angriffe von einer Gruppe von Menschen verübt wurden, die auf dieses Land begrenzt waren“, sagte Kabinettssprecher Rajitha Senaratne. „Es gab ein internationales Netzwerk, ohne das diese Angriffe nicht gelungen wären.“

Sirisena berief am Dienstag ein dreiköpfiges Team ein, das die Anschlagserie untersuchen und in zwei Wochen einen ersten Bericht vorlegen soll. Die internationale Polizeiorganisation Interpol kündigte an, Spezialisten mit Expertise in den Bereichen Tatortuntersuchung, Sprengstoff, Terrorismusbekämpfung und Opferidentifizierung zu entsenden. Auch das FBI ist an den Ermittlungen beteiligt.

Sicherheitskräfte in Colombo
Reuters/Dinuka Liyanawatte
Trauer und Betroffenheit in Sri Lanka sind groß

Anschläge während Ostergottesdiensten

Die meisten Opfer hatte es bei den Anschlägen in den Kirchen gegeben, als gerade Ostergottesdienste stattfanden. In dem Inselstaat sind etwa sieben Prozent der 20 Millionen Einwohner Christen. Nach den Anschlägen sind in Sri Lanka vorerst alle Messfeiern abgesagt. „Alle Kirchen im Land haben ihre Gottesdienste abgesagt“, sagte Bischof Valence Mendis gestern. Die Gläubigen seien aufgefordert worden, sich nicht in Gruppen zu treffen, um weitere Anschläge zu verhindern – mehr dazu in religion.ORF.at.

Der UNO-Sicherheitsrat verurteilte die Anschlagserie auf das Schärfste. Zugleich sprach er den Familien der Opfer der „abscheulichen und feigen“ Anschläge tief empfundenes Mitgefühl aus, wie es in einer Mitteilung des UNO-Gremiums vom Montag (Ortszeit) hieß.

Auch Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und Japans Regierungschef Shinzo Abe verurteilten die Anschlagserie als „Barbarei“. Beide Politiker betonten am Dienstag bei einem Treffen in Paris die Notwendigkeit einer „internationalen Mobilisierung gegen den Terrorismus“. Japan will das Thema in diesem Jahr in den Mittelpunkt seines Vorsitzes der G-20-Staaten stellen, Frankreich bei seiner G-7-Präsidentschaft. Abe sprach von „unverzeihlichen und inakzeptablen“ Anschlägen in Sri Lanka. Japan und Frankreich stünden gemeinsam gegen den Terrorismus ein, betonte er.