Sommerbücher 2019
ORF.at/Lukas Krummholz
Sommerbücher

Die Romane für den Strand

Ordentlich dicke Schinken, lukullische Lesegenüsse und jede Menge Spannung bieten die Romane der Saison. Abgehandelt werden neben den Themen der Zeit auch historische Gegebenheiten.

Wer eine längere Reise plant, muss diesen Sommer nur ein Buch mitnehmen: „Max, Mischa und die Tet-Offensive“. Auf über 1.200 Seiten spannt der 1970 geborene Norweger Johan Harstad einen Bogen von Skandinavien über Vietnam nach Amerika und legt einen Roman vor, der in seiner Originalität so leicht und gleichzeitig detailverliebt daherkommt, dass man ihn – trotz seines Umfangs – nicht mehr aus der Hand legen mag. Klug, zeitgenössisch und mit spannenden Charakteren bestückt – Harstads Buch über Max, der in die USA auswandert und sich in Mischa verliebt, ist eines, das man dieses Jahr unbedingt gelesen haben sollte. (Sonia Neufeld, ORF.at)

Johan Harstad: Max, Mischa und die Tet-Offensive. Aus dem Norwegischen von Ursel Allenstein. Rowohlt, 1.248 Seiten, 35,00 Euro.

Einen Baum pflanzen

Richard Powers dockt mit seinem Roman „Die Wurzeln des Lebens“ in verschiedenen Winkeln der USA an, quer durch die Kulturen und Schichten. Doch die Schicksale, die er sammelt, bewegen sich aufeinander zu – im Kampf um die Bäume des Landes, die allerorten von Profitgier bedroht sind. Powers mischt erstaunliche botanische Fakten – etwa über das weitverzweigte Kommunikationssystem von Bäumen in einem Wald – mit drängenden Fragen des Umweltschutzes und einem Gesellschaftsporträt der USA kurz vor der Klimakatastrophe zu einem spannenden, wenn es um Aktivismus und Terrorismus geht fast thrillerartigen Roman zusammen, der vieles auf den Punkt bringt, was momentan diffus debattiert wird. (Simon Hadler, ORF.at)

Richard Powers: Die Wurzeln des Lebens. S. Fischer, 618 Seiten, 26,80 Euro.

Sommerbücher 2019
ORF.at/Lukas Krummholz

Schweine, Sex und Pastinaken

Einen Mann, dazu einen Liebhaber, eine Mutter, zwei Kinder und einen großen Garten – all das muss eine ehemalige Stadtbewohnerin im Roman der deutschen Regisseurin und Autorin Lola Randl unter einen Hut bringen. In lexikonartigen Kurzkapiteln tummeln sich Sattelschweine, Pastinaken, brütunwillige Hennen, neugierige Nachbarn und vieles mehr – kein Wunder, dass neben dem sexbesessenen Analytiker auch eine Therapeutin nötig ist, um halbwegs im Gleichgewicht zu bleiben. Etwas Gartenphilosophie hilft dabei auch. (Johanna Grillmayer, ORF.at)

Lola Randl: Der große Garten. Matthes & Seitz, 320 Seiten, 22,70 Euro.

Vom Zufall der Herkunft

Mit „Herkunft“ ist dem bosnisch-stämmigen Sasa Stanisic ein Glücksfall von einem „Heimatroman“ gelungen: Der Autor von „Wie der Soldat das Grammofon repariert“ erzählt hier federleicht und kunstvoll verwoben von der Flucht aus dem zerfallenden Jugoslawien, dem Aufwachsen im Deutschland der Neunzigerjahre, politischen Umwälzungen in Europa und Familienfesten im früheren Jugoslawien. Ein Buch zwischen Fakten und Fiktionen, Gegenwart und Erinnerung, das mit viel warmherziger Menschenkenntnis mitten ins Herz geht. (Paula Pfoser, für ORF.at)

Sasa Stanisic: Herkunft. Luchterhand Literaturverlag, 360 Seiten, 22,70 Euro.

Frechheit siegt

„Zazie in der Metro“ ist einer der beliebtesten französischen Romane des 20. Jahrhunderts und wurde nun – 60 Jahre nach seiner Ersterscheinung – in einer genialen Neuübersetzung wieder aufgelegt. Zazie ist eine Art französische Pippi Langstrumpf: ein Sinnbild erfrischender Respektlosigkeit und rotzigen Humors. Die abenteuerlustige, altkluge, etwa 13-Jährige (ihr Alter wird nie präzisiert) ist zu Besuch bei ihrem Onkel in Paris und stellt dort so ziemlich alles auf den Kopf. Ihr Herzenswunsch, einmal im Leben mit der Metro zu fahren, wird in dieser erweiterten Ausgabe des Romans erstmals Realität. (Sonia Neufeld, ORF.at)

Raymond Queneau: Zazie in der Metro. Aus dem Französischen von Frank Heibert. Suhrkamp, 240 Seiten, 22,70 Euro.

Mit Leiche und Tanten nach Montenegro

Onkel Willi ist gestorben. Weil er in seiner Heimat bestattet werden soll, die Überführung aber zu teuer wäre, muss der glücklose Schauspieler Lorenz die Leiche mit dem Auto nach Montenegro bringen – mit seinen drei Tanten im Schlepptau. Denn „niemand wird zurückgelassen“ in der Familie Prischinger, in der es natürlich auch ein paar Geheimnisse und Tragödien gibt. Der Grundton von Vea Kaisers vergnüglichem dritten Roman ist dennoch ein heiterer, und sehr viel Schmalzgebackenes wird auch gegessen. Mahlzeit! (Johanna Grillmayer, ORF.at)

Vea Kaiser: Rückwärtswalzer oder Die Manen der Familie Prischinger. Kiepenheuer & Witsch, 432 Seiten, 22,70 Euro.

Sommerbücher 2019
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Alles wird gut

Joey Goebel, gefeiertes US-Multitalent (geb. 1980), schreibt in zehn Kurzgeschichten mit feinem Humor über Einsamkeit, Scheitern und Hoffnung. Ein paar ganz normale Menschen, deren Leben nicht das ist, was sie sich erträumt haben, kämpfen um ihr Glück und wollen nichts als weg aus ihrer Kleinstadt in Kentucky. „Irgendwann wird es gut“ ist der programmatische Titel dieser Story-Sammlung, in der alle auf der Suche nach einem Weg durchs Leben sind – und nach dem einen Menschen, der ihn mitgeht. Ergänzt wird das Buch durch ein exklusives Interview, das Benedict Wells – das deutsche Pendant zu Joey Goebel – mit dem Autor geführt hat. (Sonia Neufeld, ORF.at)

Joey Goebel: Irgendwann wird es gut. Aus dem Amerikanischen von Hans M. Herzog. Diogenes, 313 Seiten, 22,70 Euro.

Lustig-böser Höllenritt durch die USA

Sie ist Vogelliebhaberin, lebt zurückgezogen in Deutschland und hatte ihren Durchbruch erst mit 50. Nell Zink, US-amerikanische Autorin, schreibt aber ganz andere Bücher, als es diese Eckdaten vermuten lassen – was auch für „Virginia“ gilt: Die lesbische Peggy verdreht dem schwulen Professor Lee den Kopf, sie bekommen zwei Kinder, die Beziehung scheitert und Peggy geht mit ihrer Tochter in den Untergrund, indem sie eine schwarze Identität annimmt, trotz „Haut wie ein zart gerösteter Marshmallow“. Zink dreht hier genussvoll alles durch den Fleischwolf, was Amerika prägt oder derzeit beschäftigt – inklusive einer Parodie auf den Drang zum Happy End. Rasant und sehr lustig. (Paula Pfoser, für ORF.at)

Nell Zink: Virginia. Aus dem Amerikanischen von Michael Kellner. Rowohlt Verlag, 320 Seiten, 22,70 Euro.

Trip nach Tropical Islands

Giulia Becker, Autorin beim „Neo Magazin Royal“, erzählt in ihrem Debütroman von vier Menschen, die vor unterschiedlichen Problemen stehen: Silke hat ein Helfersyndrom und lässt sich trotzdem oder gerade deshalb scheiden, Willy-Martin ist Taubenzüchter und ihr heimlicher Verehrer, Renate ist süchtig nach Teleshopping und die greise Nachbarin Frau Goebel wartet auf den Tod und hat nur einen letzten Wunsch: noch einmal im Leben ins ostdeutsche Paradies Tropical Islands zu fahren. Skurril, sarkastisch und doch sensibel schreibt Becker über einen turbulenten Abenteuertrip, der einen zum Grinsen bringt. (Sonia Neufeld, ORF.at)

Giulia Becker: Das Leben ist eins der Härtesten. Rowohlt, 224 Seiten, 20,60 Euro.

Fünf Frauen, fünf Träume

Paula, Judith, Brida, Malika und Jorinde sind fünf Frauen, deren Lebens- und Liebesgeschichten auf unterschiedliche Weise miteinander verbunden sind. Alle sind in der DDR aufgewachsen und wollen nach der Wende aus dem Vollen schöpfen, während sie ihre Rolle als Frau neu definieren müssen. Welcher Lebensentwurf ist der passende und in welcher Art von Liebesbeziehung will man seine Träume realisieren? „Die Liebe im Ernstfall“ ist kein Feel-Good-Roman, sondern ein aufwühlendes Stück Literatur voller präzise gezeichneter Figuren, deren Schicksale mitten ins Herz treffen. (Sonia Neufeld, ORF.at)

Daniela Krien: Die Liebe im Ernstfall. Diogenes, 288 Seiten, 22,70 Euro.

Mit dem Entdecker Humboldt auf Tuchfühlung

Stichwort Allgemeinbildung: Die Matura ist lange her, und der bildungsbürgerliche Reflex verleitet einen dazu, Vergessenes aufzufrischen und Verpasstes nachzuholen. Dann setzen entsprechende Sachbücher aber doch nur Staub auf dem Nachtkästchen an. Abhilfe schaffen hier kurzweilige Graphic Novels, wie zum Beispiel jene über das Leben des Forschers und naturwissenschaftlichen Universalgelehrten Alexander von Humboldt. Der Malstil spielt ästhetisch mit Versatzstücken aus Illustrationen von Forschungsreisenden früherer Tage. Ein wunderschönes Buch, das Spaß macht – und lehrreich ist. (Simon Hadler, ORF.at)

Andrea Wulf, illustriert von Lillian Melcher: Die Abenteuer des Alexander von Humboldt. C. Bertelsmann.

Sommerbücher 2019
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Altwerden mit Risikobiografie

Gehen Songtexter unter die Romanschreiber, ist oft Vorsicht angebracht. Nicht so bei Andreas Kump, Sänger der Linzer Band Shy, die eine Zeitlang zu Recht als beste Popband Österreichs galt. In „Über Vierzig“ beschreibt Kump einen Tag seiner Handvoll Protagonisten, einen Wendepunkt in ihrer Risikobiografie. Der Roman verhandelt eine Art Midlifecrisis von Menschen, die in ihrer Jugend in diversen Szenen verortet waren und die sich nun mit einem Leben rund um die 40 arrangieren müssen – und ihren alten Träumen, Überzeugungen und Lebenswürfen. Mit viel Lokalkolorit aus Wien und Linz und gutem Sound in der Sprache geht es schlicht um die Frage: Wie soll man mit seiner eigenen Jugendbiografie leben? (Christian Körber, ORF.at)

Andreas Kump: Über Vierzig. Milena Verlag, 272 Seiten, 24 Euro.

Waldviertel goes Kambodscha

Vielleicht heißt er „weg“, weil man ihn – einmal begonnen – nicht mehr weglegen kann. Das gewohnt fluffig formulierte Werk der Wiener Kolumnistin handelt von einem getrennten Elternpaar, das notgedrungen wieder zum Team wird, als die Borderline-Tochter in Asien verschwindet. Er: Ein Bobowirt, der sich mit neuer Partnerin im Waldviertel verwirklicht. Sie: Eine überbesorgte, systemkonforme Reihenhausmutter. Als Rettungsgespann irren die beiden durch das gefährlich fremde Vietnam und Kambodscha. Knechts gesellschaftskritischer Blick auf den Clash of Cultures ist dabei weniger präzise als der auf den Clash of Milieus, Reihenhaus/Szenewirtschaft. Anyway. Als Beziehungskrimi und Reisetagebuch empfiehlt sich „weg“ auf jeden Fall. (Maya McKechneay, für ORF.at)

Doris Knecht: weg. Rowohlt, 300 Seiten, 20,70 Euro.

In den Abgründen Venedigs

Wer sich auf Gerhard Roth einlässt, der riskiert etwas: Doppelte Böden drohen einen allerorten in die Tiefe zu reißen, in einen Strudel aus geschichtsversessenen Details, auf dessen Boden die Abgründe der Gegenwart lauern. Auch in seinem zweiten Venedig-Kriminalroman ist das nicht anders. Die Lagunenstadt als Touristenfalle schnappt hier für einen Übersetzer zu, der zum Spielball der Mafia wird, wo er sich doch ohnehin selbst töten wollte. Der Titel sagt alles: „Die Hölle ist leer – die Teufel sind alle hier.“ (Simon Hadler, ORF.at)

Gerhard Roth: Die Hölle ist leer – die Teufel sind alle hier. S. Fischer, 25,70 Euro.

Eintauchen ins Hustvedt-Universum

Siri Hustvedt, brillante Denkerin und amerikanische Besteller-Autorin, führt in „Damals“ zu ihren Wurzeln. Wir schreiben das Jahr 1978, als eine 23-Jährige namens S. H. aus der Provinz nach New York zieht, wo sie hochtrabend ambitioniert ins Literatinnendasein eintaucht und zugleich allerlei Demütigungen erfährt. Liebevoll und ein wenig spöttisch stellt sich Hustvedt ihrem früheren Ich und verschachtelt diesen erzählerischen Rückblick mit Reflexionen, Philosophischem und einem Stück persönlicher Literaturgeschichte. Zusammengehalten wird das alles von einem thrillerhaften Grundplot. Zum Eintauchen. (Paula Pfoser, für ORF.at)

Siri Hustvedt: Damals. Aus dem Amerikanischen von Ulli Aumüller und Grete Osterwald. Rowohlt, 448 Seiten, 24,70 Euro

Was sich in der Puppe verbirgt

Die geschiedene Uniprofessorin Leda verbringt ihre Ferien allein am Meer. Am Strand fällt ihr eine Großfamilie auf, die sie mehr und mehr fasziniert. Vor allem eine junge Mutter und deren Tochter haben es ihr angetan, Erinnerungen an die Kindheit mit den eigenen beiden Töchtern werden wach. Als das kleine Mädchen seine Puppe verliert, beginnt ein fulminantes Psychodrama mit subtilem Einsatz von „Body-Horror“, dessen Ausgang man von der ersten Seite an entgegenfiebert. (Johanna Grillmayer, ORF.at)

Elena Ferrante: Frau im Dunkeln. Aus dem Italienischen von Anja Nattefort. Suhrkamp, 188 Seiten, 22,70 Euro.