Szene aus dem belastenden „Ibiza – Videos“ in der Causa Strache
APA/Spiegel/Süddeutsche/Harald Schneider
„Ibiza-Skandal“

Welche Partei wusste wann vom Video?

Schlag 18.00 Uhr am Freitag vergangener Woche hat die Öffentlichkeit über Medienberichte von einem Skandal ungeahnten Ausmaßes erfahren, der den Zusammenbruch der ÖVP-FPÖ-Koalition herbeiführte. Wie ein Lauffeuer ging das „Ibiza-Video“ herum. Doch wann wussten eigentlich die Parteien über die Existenz des Videos Bescheid?

Am Montag hatte die FPÖ, konkret der designierte Parteiobmann Norbert Hofer, eine Tageszeit angegeben, die viele Stunden vor dem Veröffentlichungstermin lag. Hofer erklärte, er sei „Freitagmorgen davon informiert worden, dass es Aufnahmen gibt, die höchst problematisch sind“.

Den Zeitpunkt unterstrich Hofer dann auch noch, als er angab, entsprechende Gedanken während des Landeanflugs in Innsbruck im Kopf gehabt zu haben – schließlich sei er am Vormittag den als sehr anspruchsvoll geltenden Airport ja selbst angeflogen und das sei mit der Kenntnis des Videos im Kopf nicht einfacher geworden.

Angaben weitestgehend einheitlich

Zudem wussten zumindest Ex-FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache und Ex-Klubchef Johann Gudenus über die Existenz des Videos schon vor der Veröffentlichung Bescheid, schließlich verfügten die deutschen Medien „Süddeutsche Zeitung“ und „Spiegel“ bereits über eine Bestätigung der beiden, wonach das Ibiza-Treffen mit der vermeintlichen Oligarchennichte stattgefunden hatte. Die beiden wurden nach „Spiegel“-Angaben bereits am Mittwoch um eine Stellungnahme gebeten – eine Antwort via WhatsApp folgte.

Kenntnis von der Existenz des Videos erlangten die übrigen Parteien auf Nachfrage von ORF.at laut eigenen Angaben allesamt erst knapp vor der Veröffentlichung des „Ibiza-Videos“. Aus der ÖVP hieß es, dass man am Donnerstagabend von Strache die Info bekommen habe, „dass etwas kommt“ – Details seien nicht kommuniziert worden, in Kenntnis des Videos sei man schließlich am Freitagabend gelangt.

„Alle in der Partei“ um 18.00 Uhr

Die SPÖ verwies auf Hinweise auf eine unmittelbare bevorstehende Veröffentlichung in Sozialen Netzwerken, von der Existenz eines solchen Videos und den getätigten Aussagen von hochrangigen FPÖ-Politikern habe sie davor nichts gewusst. Auch NEOS gab an, dass „alle in der Partei“ um 18.00 Uhr in Kenntnis der Existenz eines Videos gelangt seien, ebenso JETZT, auch Peter Pilz habe davor nichts gewusst, wie betont wurde. Die gegenüber ORF.at gemachten Angaben der Parteien wurden jeweils nach erfolgter interner Rücksprache kommuniziert.

Freilich stand gleich nach der Veröffentlichung die Annahme im Raum, wonach innerhalb der FPÖ spätestens mit der Rede des Satirikers Jan Böhmermann zur Verleihung der Romy-Akademiepreise im April Gewissheit bestanden haben müsste, dass Informationen von den Gesprächen des Ibiza-Treffens nach außen gedrungen sind – auf welche Weise und durch wen auch immer. Von der Öffentlichkeit waren die Anspielungen zu verdeckten Parteienfinanzierung und der Vergabe von Staatsaufträgen wider besseres Wissen freilich als Satire interpretiert worden.

Videomacher nervös geworden?

Am Donnerstag wurde von der deutschen „Zeit“ kolportiert, dass Böhmermann Einfluss auf den Veröffentlichungszeitpunkt des Videos gehabt haben könnte. In dem Artikel heißt es, dass die Macher des Videos schon seit Längerem versucht hätten, die Videos zu verkaufen – Quellen nennt die Zeitung dafür allerdings nicht. Der Zeitung zufolge hätten die Produzenten das Video sowohl der „Süddeutschen“ als auch Böhmermann angeboten. Beide lehnten eine Bezahlung allerdings ab.

Als Böhmermann dann bei der Romy-Preisverleihung eindeutig auf die Inhalte Bezug nahm, seien die Macher nervös geworden und hätten gemerkt, dass mit dem Video kein Geld zu machen sei – um es dann unentgeltlich an „Süddeutsche“ und „Spiegel“ zu übergeben, schreibt „Zeit“ weiter.

Wiener Detektiv einer der Drahtzieher?

Unterdessen geht das Rätselraten um den Ursprung des Videos weiter: Ein Wiener Sicherheitsberater, der zuletzt geschäftsführender Gesellschafter einer Detektei in München gewesen sein soll, hat angeblich geholfen, die „Ibiza-Affäre“ einzufädeln. Das berichteten Medien am Mittwoch. Er soll den Begleiter der vermeintlichen russischen Oligarchin gemimt und die Operation federführend geplant und durchgeführt haben.

Der Detektiv sei ein guter Bekannter jenes Wiener Anwalts gewesen. Gudenus gab an, dass dieser das erste Treffen eingefädelt hätte. Gudenus hatte bereits am Dienstag gesagt, dass die „Ibiza-Affäre“ ihren Anfang am 24. März 2017 in einem Wiener Innenstadtlokal genommen habe, wo man mit der vermeintlichen Oligarchennichte, ihrem deutschen Mittelsmann und einem Wiener Anwalt in Kontakt trat.

Anwalt weist „Anschuldigungen entschieden zurück“

Fragen an den Wiener Anwalt beantwortete Richard Soyer, der Anwalt des Anwalts, gegenüber dem „Standard“ am Donnerstag folgendermaßen: Er halte fest, „dass mein Mandant weder strafbare Handlungen gesetzt noch an solchen mitgewirkt hat. Er weist sämtliche Anschuldigungen und Vorwürfe entschieden zurück.“ Zudem untersage sein Mandant weiterhin „jegliche identifizierende Berichterstattung“, wie er dem „Standard“ sagte.

Wie die „Presse“ am Donnerstagabend berichtete, soll der Anwalt einem ungenannten „SPÖ-Mann“ bereits im Wahlkampf 2017 Bildmaterial über Strache und Gudenus, das die beiden angeblich beim Konsum von Drogen zeigen sollte, angeboten haben. Der SPÖler habe das Angebot eigenen Angaben zufolge sofort abgelehnt und auch nicht an den damaligen SPÖ-Bundesgeschäftsführer Georg Niedermühlbichler weitergeleitet.