Bill Murray, Chloë Sevigny und Adam Driver in einer Szene des Films „The Dead Don’t Die“
Focus Features/Abbot Genser
„The Dead Don’t Die“

Zu beschäftigt für den Weltuntergang

Jim Jarmuschs Zombiesatire „The Dead Don’t Die“ ist ein hochkarätig besetzter Spiegel der Gegenwartsgesellschaft – mit einer zentralen Erkenntnis: Die Menschen sind viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, als dass sie die Katastrophe noch abwenden könnten.

Was man vielleicht noch nicht über Zombies wusste: Sie befassen sich weiter mit dem, was sie in ihrem Leben interessiert hat. Die einstige Säuferin stöhnt verrottend immer noch „Chardonnay!“, alle, die einst am Smartphone klebten, suchen ächzend weiter nach Gratis-WLAN. Wer kaffeesüchtig war, schlurft ins gewohnte Frühstückslokal zurück. Wenn aber ein lebendiger Mensch dazwischenkommt, nimmt das Zombiehirn überhand, und es fliegen die Eingeweide.

Jarmuschs „The Dead Don’t Die“ ist eine Gesellschaftssatire auf müden Beinen: Bill Murray (als Cliff Robertson), Adam Driver (als Ronald Peterson) und Chloe Sevigny (als Minerva Morrison) stellen in dem kleinen Dorf Centralville irgendwo mitten in Amerika die Dorfpolizei. Es ist ein beschauliches Dasein, ein üblicher Einsatz ist etwa, wenn der Dorfrassist Miller (Steve Buscemi) wieder einmal alle verdächtigt, seine Hühner gestohlen zu haben, und die Polizei im Wald vorbeischaut, um einen philosophierenden Obdachlosen Hermit Bob (Tom Waits) zu befragen.

Tilda Swinton in einer Szene des Films „The Dead Don’t Die“
Focus Features/Frederick Elmes
Tilda Swinton ist wieder mit von der Partie – als schwertschwingende Bestatterin

Kaffee und Zombies

Dass die Fernseh- und Radionachrichten von der Klimakatastrophe berichten, mit immer schaurigeren Bildern, ignorieren alle als Hintergrundrauschen, ebenso wie die Warnung, dass es dadurch zu einer Verschiebung der Erdpole kommen könnte. Dann aber kommt ein Tag, an dem es nicht mehr dunkel wird. Und als endlich, viele Stunden zu spät, doch die Nacht hereinbricht, erheben sich die Toten aus ihren Gräbern.

Eine ganze Generation lang war Jarmusch aus dem amerikanischen Arthouse-Kino nicht wegzudenken, mit Filmen wie „Stranger Than Paradise“, „Night on Earth“ und später dem Schwarz-Weiß-Episodenfilm „Coffee and Cigarettes“. Längst macht er aber Filme für ein breiteres Publikum, die vor allem von der Freude am Wiedererkennen leben, seien es die Film- und Musikstars, die er in kleinen Nebenrollen besetzt hat, seien es popkulturelle Querverweise.

Selbstreferenz als Selbstzweck

In seinem Vampirfilm „Only Lovers Left Alive“ erzählte er etwa von dem lichtscheuen Liebespaar Eve und Adam (Tilda Swinton und Tom Hiddleston), das sich mit Musik, Literatur und Kunst die Jahrtausende des Untotseins vertreibt, in „Paterson“ spielte Adam Driver einen gedichteschreibenden Busfahrer, der im Alltag Schönheit und Sinn findet, hart an der Grenze zum Kitsch. Mit „The Dead Don’t Die“ ist die Selbstreferenz aber zum Selbstzweck geworden: Die Zombieparabel um eine desinteressierte, zynische Menschheit jenseits der Klimakatastrophe wirkt, als wäre sie an sich selbst desinteressiert.

Von der Story ist in „The Dead Don’t Die“ wenig übrig, alles ist nur noch Zitat. Sogar die Berichterstattung über die Klimakatastrophe ist in ihrer Übertreibung nur noch zum Lachen, alles ist irgendwie egal, als fände Jarmusch, die smartphonesüchtigen Hipster hätten das Überleben nicht verdient. Wieder sind da Murray, Iggy Pop, RZA, Waits, Swinton als schwertschwingende Bestatterin mit schottischem Akzent, lauter alte Bekannte aus dem Jarmusch-Repertoire, dazu – Zuckerl für die Jüngeren im Publikum – Selena Gomez als Hipstertouristin aus der Stadt und Caleb Landry Jones als filmaffiner Tankstellenbetreiber.

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Viel Substanz hat der Film nicht. Die Toten, denen zu sterben nicht gelingt, schlurfen so öde durch die Gegend, dass der Tod am Ende wie eine echte Erlösung wirkt. Er kommt und kommt aber nicht. „Das wird kein gutes Ende nehmen“, murmelt Polizist Peterson unaufhörlich, und als er dann recht behält, fragt ihn Robertson (Murray): „Woher wusstest du, dass es kein gutes Ende nimmt?“ „Ich habe das Drehbuch gelesen.“