Streetart-Ausstellung im Wien Museum
Christoph Schleßmann
Wien Museum

„Vandalismus“ trifft Denkmalschutz

Bevor im Herbst der große Umbau beginnt, wagt sich das Wien Museum auf Neuland: In der Ausstellung „Takeover“ übernehmen Streetart-Kunstschaffende und Skateboarder das altehrwürdige Haus. Die einst als „Vandalismus“ verschriene Kunst der Straße trifft auf rigiden Denkmalschutz – mit spannenden und vor allem farbenprächtigen Ergebnissen.

Wo Abrisshäuser und Bauruinen stehen, sind Graffitis oft nicht weit. Das 1959 eröffnete Wien Museum fällt in keine der beiden Kategorien. Und doch prägen bunte Schriftzüge und gigantische Wandgemälde derzeit sowohl das Innere der Institution als auch seine Fassaden. Die Kuratorinnen Karina Karadensky und Christine Koblitz haben Streetart-Künstlerinnen und -Künstler eingeladen, sich im Wien Museum auszutoben – unter kontrollierten Bedingungen, versteht sich: Denkmalschutz und feuerpolizeiliche Auflagen bilden den Rahmen, in dem die Kunst hier frei sein darf.

Unter den angefragten Kunstschaffenden habe das zunächst Skepsis ausgelöst, berichtet Koblitz. Man habe sie erst überzeugen müssen. Am Ende habe bei den über 30 Teilnehmerinnen und Teilnehmern aber die Freude überwogen. Den rechtlichen Auflagen wurde auf der 2.000 Quadratmeter umfassenden Ausstellungsfläche auf durchaus kreative Weise Rechnung getragen. Die von Oswald Haerdtl entworfene Stiege etwa wurde mit Spanplatten eingehaust, die Vertäfelung dann als Fläche für Graffitikunst genutzt.

Streetart-Ausstellung im Wien Museum
Christoph Schleßmann
Die in Wien lebende venezolanische Künstlerin Lym Moreno bei der Arbeit im Wien Museum

Die Vergänglichkeit der Straßenkunst

Der Künstler Paul Busk, dessen Schriftzüge vielerorts in Wien zu finden sind, wollte „gleich durch die Wand brechen“, erzählt Kuratorin Karadensky gegenüber ORF.at. Der Wunsch wurde ihm gewährt. Im ersten Stock durfte er seine vier Buchstaben nicht nur an die Gipskartonwand sprayen, sondern auch gleich in die Wand einhauen. „Alle bespielten Flächen werden nach der Schau weggerissen“, so Wien-Museum-Direktor Matti Bunzl. Ob in Gestalt eines Putztrupps, einer Abrissbirne oder wie bei Banksy eines im Bilderrahmen integrierten Schredders – Vergänglichkeit ist fixe Komponente der Streetart.

Streetart-Ausstellung im Wien Museum
Christoph Schleßmann
Busks Löcher in der Wand, daneben ein farbenfrohes Werk von Kryot und Skero

Manche der vertretenen Kunstschaffenden kennt man aus anderem Kontext. Skero etwa als Musiker („Kabinenparty“), Phekt als DJ und FM4-Journalisten. Den Blickfang auf der Fassade gleich neben dem Eingang zum Museum haben zwei Szenegrößen geliefert: Nychos und Frau Isa. Das Wandgemälde steht exemplarisch für den Grundgedanken der Streetart. Es geht um nichts weniger als die Aneignung des öffentlichen Raums – mehr dazu in fm4.ORF.at.

Streetart-Ausstellung im Wien Museum
Christoph Schleßmann
Nychos und Frau Isa haben das weithin sichtbare Mural auf der Außenfassade des Museums gestaltet

In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat sich Streetart nicht nur auf dem Kunstmarkt etabliert. Viele Absolventinnen und Absolventen der Kunsthochschule würden sich mittlerweile der Kunstform zuwenden, sagt Frau Isa im Gespräch mit ORF.at. Der illegale Aspekt, der die Graffiti-Szene der 1980er umgab, ist heute weitgehend, aber nicht zur Gänze verschwunden: Graffitis und Tags mit dem Schriftzug „King“ haben in Wien die Polizei auf den Plan gerufen und Erinnerungen an den Schweizer Sprayer Puber geweckt – mehr dazu in wien.ORF.at.

Wände zum Selbergestalten

Während die Streetart-Szene beständig wächst, sind Frauen weiterhin unterrepräsentiert. Ein Drittel der ausgestellten Werke stammt laut Kuratorin Karadensky von Künstlerinnen. Zu ihnen gehört Chinagirl Tile, deren Arbeitsmaterial – wie der Name „Tile“ bereits andeutet – Keramikfliesen sind. Zur Ausstellung hat die Künstlerin einen etwa vier Meter messenden Dinosaurier aus Fliesen beigesteuert. Der Riesendino soll Frauen ermutigen, Raum für ihre Kunst einzufordern.

Ausstellung „Takeover Street Art & Skateboarding“ im Wien Museum
ORF.at/Philip Pfleger
Riesen- und Fliesen-Dinosaurier von Chinagirl Tile

Im Erdgeschoß hat Chinagirl Tile unterdessen eine Wand mit Werken des Kunstkollektivs Secret Society Of Super Villain Artists (SSOSVA) kuratiert. Die meisten Mitglieder des Kollektivs „machen politisch Kunst“ und „Art Activism“ – die Werke sollen den Blick des Publikums auf gesellschaftliche Missstände lenken.

Neben der SSOSVA-Wand beginnt die „Do it yourself“-Fläche, wo das Publikum zum Mitmachen eingeladen ist. Die weißen Gipskartonwände werden im Rahmen von Workshops nach und nach gestaltet. Auch hier gelten strenge Regeln, wie auf einer Hinweistafel festgehalten ist: Gesprayt werden darf nur bei Workshops; die Teilnehmenden werden zum Tragen von Schutzkleidung aufgerufen; auf die negative Wirkung der Sprühfarbe bei Atemwegserkrankungen hingewiesen.

Ausstellungshinweis

„Takeover Street Art & Skateboarding“, bis 1. September, Wien Museum, donnerstags bis sonntags und feiertags 14.00 bis 22.00 Uhr.

Mit dem Skateboard ins Museum

Ebenfalls im Erdgeschoß wurde Platz gemacht für eine zweite Subkultur: die Skateboard-Szene. Die Gruppe Spoff Parks hat hier einen kleinen Skatepark eingerichtet, der auch befahren werden darf. An den Wänden geben Fotos Einblick in die Wiener Szene. Zum Pressetermin im Vorfeld der Ausstellungseröffnung hatte das Wien Museum einen besonderen Gast eingeladen: den Umweltmediziner Hans-Peter Hutter von der MedUni Wien.

Ausstellung „Takeover Street Art & Skateboarding“ im Wien Museum
ORF.at/Philip Pfleger
Umweltmediziner Hutter, Künstlerin Chinagirl Tile: Im Erdgeschoß ist das Publikum zum Mitmachen aufgerufen

Hutter begann Ende der 1970er Jahre mit dem Skaten, war mehrfacher Staatsmeister im Freestyle Skateboarding, als Arzt und Juror in ganz Europa bei Wettbewerben im Einsatz, leitete ein Skateboard-Magazin, entwarf Skateparks und ist so etwas wie das wandelnde Lexikon der Wiener Skateboard-Szene. Derzeit erforscht er im Rahmen einer Studie die Persönlichkeitsstrukturen der Mitglieder der Wiener Skateboard-Szene.

Die Aneignung des öffentlichen Raums verbindet Streetart und das Skaten. In den Städten nutzten die Skateboarder Strukturen, die nicht für sie gedacht seien. Sie springen über Stufen, nutzen Stiegengeländer als Rails oder „grinden“ aus Beton gegossene Blumentröge entlang. Und noch eines haben die beiden Subkulturen gemein: Sie kommen aus der Nische und haben sich als großes Geschäftsfeld etabliert.