Deutschlands Wirtschaftsminister Peter Altmaier
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Deutschland

„Es riecht sehr nach Rezession“

Deutschlands Wirtschaftsleistung hat von April bis Juni ein Minus von 0,1 Prozent verzeichnet. Viele Ökonomen rechnen auch für das laufende Quartal mit einem Rückgang – das wäre dann eine technische Rezession. Durch die „richtigen Maßnahmen“ könne das verhindert werden, beruhigte Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU). Doch Experten hegen Zweifel.

Im ersten Quartal war das deutsche BIP noch um 0,4 Prozent gewachsen. Der folgende Rückgang war der zweite binnen kurzer Zeit: Schon im Herbst 2018 war die Wirtschaft um 0,1 Prozent geschrumpft. „Aus dem einstigen Musterknaben ist ein Sorgenkind geworden“, analysierte der Chefvolkswirt des renommierten Bankhauses Lampe, Alexander Krüger. „Aktuell ist die Wirtschaftsleistung zwar nur leicht geschrumpft, seit einem Jahr tritt sie aber bereits auf der Stelle. (…) Für das Sommerhalbjahr riecht es sehr nach einer technischen Rezession.“

Gebremst wurde die Entwicklung nach Angaben des Statistischen Bundesamts vom Außenhandel. Die Exporte von Waren und Dienstleistungen sanken im Vergleich zum Vorquartal stärker als die Importe. Die Abkühlung der Weltwirtschaft, die Unsicherheiten wegen des Handelskonflikts zwischen den USA und China sowie die Unwägbarkeiten des Brexits belasten die exportorientierte deutsche Industrie. Hinzu kommt der Strukturwandel in der Autoindustrie durch die Elektromobilität.

Zwei negative Quartale zuletzt sehr selten

Zwei negative Quartale in Folge gab es zuletzt um den Jahreswechsel 2012/13. Die Gefahr einer neuen Rezession bezifferte das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) derzeit auf 43 Prozent. „Deutschlands Konjunktur steht auf der Kippe“, warnte der wissenschaftliche Direktor des IMK, Sebastian Dullien. „Für die zweite Jahreshälfte 2019 und auch für das nächste Jahr gibt es viele Unsicherheiten für die deutschen Exporteure, die sich kaum prognostizieren lassen“, pflichtete der Deutschland-Chefvolkswirt von UniCredit, Andreas Rees, bei.

Beladung eines Containerschiffs in Hamburg
APA/AFP/Patrik Stollarz
Handelskonflikte und eine schwächere Weltkonjunktur lassen die exportabhängige deutsche Wirtschaft schrumpfen

Rütteln an der schwarzen Null

Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) rief nach einer finanzpolitischen Wende: Die schwarze Null gehöre hinterfragt, schrieb BDI-Hauptgeschäftsführer Joachim Lang in einem Beitrag für das „Handelsblatt“ vom Mittwoch. Deutschland verfüge nach einem wirtschaftlich starken Jahrzehnt über Spielraum, um Impulse zu setzen. „Im Gegensatz zur Schuldenbremse, die im Grundgesetz verankert ist, gehört die schwarze Null in einer konjunkturell fragilen Lage auf den Prüfstand. (…) Finanzpolitisch muss Deutschland jetzt umschalten.“

Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) forderte, „die Probleme im Inland anzupacken. Die Unternehmen geraten am Standort Deutschland wegen der Belastung mit Steuern und Bürokratie immer mehr unter Druck“, kritisierte DIHK-Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben.

Merkel sieht „keine Notwendigkeit für Konjunkturpaket“

Während Wirtschaftsminister Altmaier die aktuellen Zahlen als „Weckruf und Warnsignal“ bezeichnete und „Entlastungen der Unternehmen, insbesondere des Mittelstands“, versprach, sieht Kanzlerin Angela Merkel (CDU) „derzeit keine Notwendigkeit für ein Konjunkturpaket“. Sie wolle „situationsgerecht agieren“ und plädiere für „beständige Investitionen“. Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) stellte die Änderung der Regeln für konjunkturbedingte Kurzarbeit in Aussicht. „Wir sind im Moment in einer massiven Konjunkturabkühlung“, räumte er am Mittwoch ein. „Ich würde aber nicht von einer Wirtschaftskrise sprechen.“

Die stabile Binnenkonjunktur hält die deutsche Wirtschaft in einem Zustand „zwischen Magerwachstum und Rezession“, schrieben die Ökonomen der Commerzbank. Doch das könnte sich ändern – in der Industrie ist keine Erholung erkennbar, und der Dienstleistungssektor dürfte ebenfalls langsam nach unten drehen. Fast alle Indikatoren deuten darauf hin, dass es im jetzigen noch schlechter laufen wird als im vorigen Quartal. Das vom Ifo-Institut gemessene Geschäftsklima fiel im Juli auf den niedrigsten Stand seit April 2013. „Die deutsche Konjunktur flaut weiter ab“, kommentierte Ifo-Präsident Clemens Fuest.

Inverse Zinskurve

Für langfristige Anlagen werden weniger Zinsen bezahlt als für kurzfristige Anlagen. Eine inverse Zinskurve gilt als verlässlicher Krisenindikator.

Alarmsignale auf Anleihemärkten – und Google

Rezessionssignale kommen auch von den Anleihemärkten: Die Verzinsung von zehnjährigen deutschen Bundesanleihen ist derzeit nur noch einen Viertelprozentpunkt höher als die von zweijährigen. In den USA stieg diese Woche die Rendite der zweijährigen Bonds erstmals seit 2007 und damit den Zeiten der Finanzkrise sogar über diejenige der zehnjährigen. Üblicherweise ist die Rendite einer länger laufenden Anleihe deutlich höher als bei einem kürzer laufenden Papier. In Erwartung einer Wirtschaftskrise mit einem womöglich langen Zinstief wird eher zu kürzeren Laufzeiten gegriffen.

Und auch auf einen „noch nicht so etablierten“ Indikator verwies das „Handelsblatt“ – auf Suchanfragen nach dem Wort Rezession bei Google. Ginge es der Wirtschaft schlecht, würden sich mehr Menschen über Definition und Folgen von „Rezession“ zu interessieren beginnen und nach Informationen im Netz dazu suchen. „Derzeit ist das wieder der Fall. Seit 2004 hatten die Suchanfragen nach ‚Rezession‘ erst zweimal einen so hohen Anteil wie derzeit. Beide Male folgte bald eine Rezession.“