Gefangenenaustausch zwischen Russland und der Ukraine
AP/Efrem Lukatsky
Gefangene ausgetauscht

Leichtes Tauwetter zwischen Moskau und Kiew

Russland und die Ukraine haben am Samstag einen lange verhandelten Gefangenenaustausch vollzogen. Je 35 Gefangene wurden ausgetauscht, darunter auch der ukrainische Regisseur Oleg Senzow. Der Austausch ging zurück auf die Initiative des neuen ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenski, der damit einen ersten diplomatischen Coup verzeichnen konnte.

Die Flugzeuge mit den ukrainischen und russischen Gefangenen sind Samstagmittag fast gleichzeitig auf den Flughäfen der Hauptstädte gelandet. Das russische Staatsfernsehen zeigte die Landung der Maschine in Moskau. Auf dem Rollfeld in Kiew warteten neben Präsident Selenski auch Dutzende Angehörige. Auch die 24 ukrainischen Seeleute, die seit November in russischer Haft gesessen waren, trafen auf dem Flughafen Borispol ein. Selenski nahm die Freigelassenen mit Handschlag und Umarmung in Empfang.

An Bord war auch Regisseur Senzow. Seine Verhaftung hatte für große internationale Proteste und Solidarität in der Filmbranche gesorgt. Senzow war im Mai 2014 festgenommen worden, nachdem er öffentlich gegen die Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim durch Russland protestiert hatte. Anschließend wurde er in einem international kritisierten Prozess wegen Vorbereitung eines „terroristischen Anschlags“ zu 20 Jahren Haft verurteilt. Er verbüßte seine Strafe in einer Strafkolonie im russischen Teil der Arktis. Senzow wurde am Flughafen von seiner Tochter begrüßt. „Ich danke allen Menschen, die für uns gekämpft haben“, sagte der 43-Jährige nach seiner Landung.

Separatist unter Freigelassenen

Auch in Russland wurden die früheren Gefangenen empfangen. Wie es zuvor aus ukrainischen Regierungskreisen hieß, wurde etwa der in der Ukraine festgehaltene Wladimir Zemach freigelassen. Er soll für die Luftabwehr der prorussischen Separatisten in Donezk zuständig und am Abschuss der Passagiermaschine des Flugs MH17 über der Ostukraine beteiligt gewesen sein.

Gefangenenaustausch zwischen Russland und der Ukraine
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Senzow wurde von seiner Tochter in Empfang genommen

Die Beziehungen zwischen Moskau und Kiew sind seit der Annexion der Krim äußerst angespannt. Mit Selenski scheint ein frischer Wind in die Beziehung zu kommen. Er hatte Ende Juli den Gefangenenaustausch angeregt und war in Russland damit auf offene Ohren gestoßen.

„Erste Etappe“

Selenski wurde im April zum Präsidenten der Ukraine gewählt, später erlangte seine Partei „Diener des Volkes“ per Erdrutschsieg die absolute Mehrheit. Der frühere Komiker und Schauspieler hatte in den Wahlkämpfen versprochen, den Krieg im Osten zu beenden und ukrainische Gefangene aus Russland zurückzuholen.

Carola Schneider (ORF) über den Gefangenenaustausch

Die ORF-Korrespondentin analysiert die Bedeutung des Austauschs für die Beziehungen zwischen Kiew und Moskau.

„Ich denke, das ist die erste Etappe. Und wir müssen alle Schritte unternehmen, um diesen schrecklichen Krieg zu beenden“, sagte Selenski am Samstag auf dem Kiewer Flughafen. Er wolle sich mit Kreml-Chef Wladimir Putin auch um die Freilassung der restlichen Gefangenen bemühen, sagte Selenski.

Neustart für Minsker Prozess?

Putin hatte am Donnerstag gesagt, der Gefangenenaustausch sei „ein großer Schritt hin zur Normalisierung“ der Beziehungen. Das russische Außenministerium sprach auch von einem „wichtigen Schritt“. Diese Stimmung könne genutzt werden für die Lösung weiterer Probleme. „Wir begrüßen alle und sind froh, dass die russischen Bürger wieder zu Hause sind“, sagte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow der Agentur Interfax zufolge. Der prominente russische Außenpolitiker Konstantin Kossatschow sagte, dass der politisch bedeutende Gefangenenaustausch den Minsker Friedensprozess beleben könne. Der in der weißrussischen Hauptstadt Minsk 2015 vereinbarte Friedensplan liegt seit Längerem auf Eis.

US-Präsident Donald Trump begrüßte den Gefangenenaustausch am Samstag. „Sehr gute Nachrichten, vielleicht ein erster großer Schritt zum Frieden“, schrieb Trump auf Twitter. „Glückwunsch an beide Länder!“