Szene des Films „Gut gegen Nordwind“ mit Nora Tschirner
Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH/Tom Trambow
„Gut gegen Nordwind“

Liebesbriefe für den kalten Herbst

Seit 2006 hat Daniel Glattauers E-Mail-Roman „Gut gegen Nordwind“ Hunderttausende Leserinnen und Leser auf der ganzen Welt gefunden. In der Verfilmung von Vanessa Jopp haben die beiden Verliebten Emmi und Leo nun attraktive Gesichter bekommen. Sie werden von Nora Tschirner und Alexander Fehling gespielt.

Nur ein verirrter Buchstabe ist schuld an der Liebesgeschichte zwischen Emmi und Leo. Wegen dieses falschen „e“ in einer E-Mail-Adresse geht Emmis Kündigung eines Zeitschriftenabonnements irrtümlich an Leo, einen Linguisten. Der antwortet, sie keppelt schlagfertig zurück, er antwortet belustigt, und auf einmal tut sich ein Dialog auf: So beginnt Glattauers Roman „Gut gegen Nordwind“, der 2006 erschienen ist.

Nun, 13 Jahre später, kommt die Verfilmung ins Kino. Es ist ein heikles Unterfangen, einen Roman, der den Reiz des geschriebenen Wortes als Antrieb hat, ins Szenische zu übertragen. Dass es funktionieren kann, beweisen die über 40 Theaterinszenierungen des Materials: „Ich habe dicke, dünne, alte, junge Emmis und Leos gesehen“, sagt Glattauer im ORF.at-Interview, „und erstaunlicherweise hat es immer funktioniert.“ Gegen eine Verfilmung hatte er sich allerdings lange gewehrt: „Ich war mir sicher, dass das kein Film werden kann.“

Szene des Films „Gut gegen Nordwind“ mit Alexander Fehling und Nora Tschirner
Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH/Bernd Spauke
Tschirner und Fehling als Emmi und Leo: So nah und doch so fern

Perspektivenwechsel

Die deutsche Regisseurin Jopp überzeugte Glattauer mit ihrem Konzept: Der Film „Gut gegen Nordwind“ beginnt aus Leos Perspektive. Er erlebt eine Beziehung in den letzten Zügen und leidet fürchterlich. Mitten in diesem emotionalen Desaster erreicht ihn Emmis erste Mail. „Goethe!“-Star Fehling spielt diesen sehr attraktiven Leo. „Ich habe ihn mir ein wenig anders vorgestellt, vor allem schüchterner“, sagt Glattauer dazu. Die Forschheit des Film-Leos mag aus der notwendigen Straffung der Vorlage kommen.

Emmi ist die längste Zeit nur schriftlich und als Stimme präsent, sie kommt erst später in den Vordergrund, gespielt von Tschirner („Kleinohrhasen“). Emmi hat eine Familie, in der sie gebraucht wird, aber im Mail-Dialog mit Leo ist auf einmal Platz für jene Dinge, die sie lange vermisst hat: echtes Zuhören, Humor, Intimität. Für beide, Leo und Emmi, ist der Austausch „eine Insel“, wie Leo formuliert. „Das will ich mir nicht mit Realität versauen.“ Anfangs haben sie einander versprochen, einander nicht zu googeln, aber die Neugierde überwiegt dann doch: Sollte man einander nicht doch begegnen, vielleicht?

Vom Lieben und vom Schreiben

Schriftliche Verliebtheiten sind womöglich die innigsten überhaupt, schließlich lassen sie verführerisch viel Raum für die Fantasie: Die Schreibende hat die Wahl, was sie von sich zeigt, was sie weglässt, wie sie von sich erzählt. Zuvorderst geht es nicht um das Körperliche, sondern um Wortwitz, Charme, um gemeinsame Interessen. Wenn sich Schreibende ineinander verlieben, kann das besonders tief gehen. Aber was passiert, wenn der Realitätscheck bevorsteht?

Szene des Films „Gut gegen Nordwind“ mit Alexander Fehling
Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH/Anne Wilk
Die Figur des Leo (Alexander Fehling) hat sich Romanautor Glattauer eigentlich „schüchterner“ vorgestellt

Der Reiz von Glattauers Roman bestand darin, sich genau wie Emmi und Leo über die blinden Flecken und Auslassungen in den E-Mails die beiden Figuren auszumalen. Das ist beim Film naturgemäß anders: Jopp setzt die Dialoge filmisch um, teils blendet sie Mails ein, teils behilft sich Leo mit einer Spracheingabesoftware am Smartphone. „Klar, man muss da Abstriche machen, die Fantasie ist weg, jetzt wird’s konkret“, so Glattauer, „aber dafür ist sehr reizvoll, hier das Privatleben der beiden Personen zu sehen.“

Gnade der späten Verfilmung

Dass die Verfilmung erst so lange nach dem Erscheinen des Buches zustande gekommen ist, nennt Regisseurin Jopp einen „Glücksfall“: Durch die Allgegenwart von Smartphones ist die Filmemacherin nicht darauf festgelegt, ihre Charaktere am Computer zu zeigen, „die beiden können einander genauso am Meer mailen, auf dem Dach oder sonst wo unterwegs“. Mehr als schön anzusehen ist die Verfilmung aber leider nicht geworden.

Wo das Schriftliche erlaubt, Begehren und Liebe genauer zu analysieren, und wie viel davon Projektion ist, wie viel Wunschdenken und wie weit Gefühlen zu trauen ist, eben all jene spannenden Dinge, die in Glattauers Roman zumindest mitschwingen, bleibt der Kinofilm unreflektiert und oberflächlich. Für einen romantischen Kinoabend im Herbst reicht das, für mehr aber auch nicht. Dass Glattauers „Nordwind“-Fortsetzung „Sieben Wellen“ auch verfilmt werden soll, ist derzeit noch nicht angedacht.