Passagiere von Thomas Cook sprechen am Flughafen Mallorca mit Flughafenpersonal
Reuters/Enrique Calvo
Chaos durch Thomas-Cook-Pleite

Rückholaktionen für gestrandete Urlauber

Der Reisekonzern Thomas Cook ist pleite. Rund 600.000 Urlauberinnen und Urlauber sind davon betroffen. Die ersten Rückholaktionen für die Gestrandeten haben bereits begonnen. Erste Urlauber auf den griechischen Ferieninseln Kos, Korfu und Zakynthos können bald abreisen. Die ersten 15 Flugzeuge für die Menschen seien organisiert, teilte am Montag das griechische Tourismusministerium mit.

In den kommenden drei Tagen sollen rund 22.000 Touristen zurückgeholt werden. Insgesamt seien in Griechenland etwa 50.000 Touristen von der Insolvenz des Reisekonzerns betroffen. „Der finanzielle Zusammenbruch von Thomas Cook ist eine unglückliche Entwicklung für die gesamteuropäische Tourismusbranche, die auch den griechischen Markt betrifft“, hieß es aus dem Ministerium. Man arbeite eng mit allen Beteiligten an Lösungen; es sei eine Schaltstelle eingerichtet worden, um die Rückreise der Menschen zu ermöglichen.

Auf Zypern sind rund 15.000 Reisende aktuell betroffen, hieß es am Montag vonseiten des zypriotischen Tourismusministeriums. Nach verschiedenen Schätzungen waren in Spanien 25.000 bis 30.000 Touristen und Touristinnen vor allem aus Großbritannien, aber auch aus Deutschland und anderen Ländern betroffen.

Auch in Großbritannien wurde man aktiv. Die britische Luftfahrtbehörde CAA hatte für den Notfall am Sonntag zahlreiche Flugzeuge bereitgestellt. Damit laufe die „größte Rückholaktion in Friedenszeiten“ an, um rund 150.000 Urlauberinnen und Urlauber aus verschiedenen Ländern nach Hause zu holen.

Passagiere von Thomas Cook stehen in Kreta Schlange beim Check-In
Reuters/Stefanos Rapanis
Auf den Flughäfen herrscht Verunsicherung bei den Thomas-Cook-Touristen

Codename „Matterhorn“

Die CAA-Aktion trägt nach BBC-Angaben den Codenamen „Matterhorn“. In der Nacht seien bereits die ersten Flugzeuge zu verschiedenen Zielen gestartet, um britische Touristinnen und Touristen nach Hause zu holen, hieß es bei CAA. Dafür wurde sogar eine eigene Website (Thomascook.caa.co.uk) geschaltet.

In Großbritannien bezahlt der Staat für die Rückholung gestrandeter Urlauberinnen und Urlauber aus dem Ausland. Deshalb sagte Außenminister Dominic Raab bereits am Sonntag besorgten Kunden die Unterstützung der Regierung in London zu. Am Wochenende hatte Thomas Cook via Twitter mehrfach Kundinnen und Kunden zu beschwichtigen versucht, die sich wegen Medienberichten über die Finanzierungsprobleme des Konzerns Sorgen um ihre Buchungen machten. „Alle unsere Urlaube finden normal statt“, schrieb das Unternehmen via Twitter.

Ein Reisebüro von Thomas Cook
Reuters/Suzanne Plunkett
Die Thomas-Cook-Reisebüros schließen

Auch Skandinavier sitzen fest

Auch Zehntausende Skandinavier und Skandinavierinnen sind betroffen. Insgesamt befänden sich 34.460 Kunden aus Schweden, Norwegen, Finnland und Dänemark an verschiedenen Reisezielen, teilte der Reiseanbieter Ving, eine Thomas-Cook-Tochter, am Montag mit. Schätzungsweise 6.500 Menschen waren am Montag von Flugstreichungen der skandinavischen Töchter von Thomas Cook betroffen, davon sollten rund 3.400 in die Heimat zurückfliegen. Alle 31 für Montag angesetzten Flüge von Thomas Cook Airlines Scandinavia blieben auf dem Boden, alle Reisen aus Skandinavien wurden bis auf Weiteres eingestellt.

200 Millionen Pfund fehlten zur Rettung

Trotz Bemühungen konnte Thomas Cook nicht mehr gerettet werden. 21.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Konzerns sind betroffen. Der Flugbetrieb wurde in Großbritannien mit sofortiger Wirkung eingestellt, teilte die CAA Montagfrüh mit. Konzernchef Peter Fankhauser bedauerte das Scheitern der Gespräche und sprach in der Erklärung von einem „tieftraurigen Tag“ für den Konzern.

Noch bis Sonntagabend war mit Investoren über eine zusätzliche Finanzierung in Höhe von 200 Millionen Pfund (226 Mio. Euro) verhandelt worden. Diese wären zu einem bereits ausgehandelten 900 Millionen Euro schweren Rettungspaket hinzugekommen. Thomas Cook verhandelte zum einen mit dem chinesischen Mischkonzern Fosun, der den TUI-Konkurrenten übernehmen wollte, zum anderen mit Banken und Anleihegläubigern.

Condor darf Thomas-Cook-Fluggäste nicht mehr annehmen

Der Ferienflieger Condor, ein Tochterunternehmen, teilte am Montag mit, man dürfe aus rechtlichen Gründen Urlauberinnen und Urlauber, die mit Thomas-Cook-Veranstaltern gebucht haben, nicht mehr an ihr Reiseziel bringen. Condor hat derzeit rund 240.000 Kunden auf Rückflügen gebucht. Der Flugbetrieb werde aufrechterhalten, bekräftigte ein Sprecher von Condor.

Condor will von der deutschen Regierung einen Überbrückungskredit von rund 200 Millionen Euro. Das erfuhr die dpa am Montag aus Regierungskreisen. Dieses „Unterstützungsersuchen“ werde derzeit intensiv geprüft. Condor hatte erklärt, einen staatlich verbürgten Überbrückungskredit beantragt zu haben, um „Liquiditätsengpässe“ zu verhindern.

Die deutschen Veranstaltertöchter, zu denen Marken wie Neckermann Reisen, Bucher Last Minute, Öger Tours, Air Marin und Thomas Cook Signature gehören, haben den Verkauf von Reisen nach eigenen Angaben komplett gestoppt. Man könne nicht gewährleisten, dass gebuchte Reisen mit Abreisedatum 23. und 24. September stattfinden, teilte die Thomas Cook GmbH in der Früh in Oberursel bei Frankfurt mit.

Negative Auswirkungen in Spanien

Für Spanien habe die Pleite „sehr negative Auswirkungen“, sagte die spanische Tourismusministerin Maria Reyes Maroto am Montag in Madrid. Sie sei mit den Hotelierverbänden in Kontakt, um Strategien zu erarbeiten.

Auch auf Mallorca war man alarmiert. „Das ist ein sehr harter Schlag für die (Balearen-)Inseln“, sagte der für Tourismus zuständige Regionalminister Iago Negueruela dem Radiosender SER. Der finanzielle Schaden sei noch gar nicht abzuschätzen. Mit Thomas Cook waren im vergangenen Jahr rund 3,6 Millionen Touristen nach Spanien gereist, vor allem auf die Balearen und Kanaren sowie nach Andalusien, Valencia und Katalonien. In Spanien betrieb der britische Konzern zuletzt 45 Hotels.

Griechenland sorgt sich um wirtschaftliche Auswirkungen

Einige Unternehmen und Verbände im griechischen Tourismussektor befürchten nachhaltige Auswirkungen. „Das ist ein Erdbeben der Stärke sieben, und der Tsunami kommt erst“, sagte am Montag der Präsident des kretischen Tourismusverbands, Michalis Vlatakis, griechischen Medien. So hätten auf der griechischen Insel Kreta rund 70 Prozent aller Tourismusunternehmen Verträge mit dem Reiseriesen.

Allein 2019 habe Thomas Cook gut 400.000 Besucherinnen und Besucher nach Kreta gebracht. „Derzeit sind noch etwa 20.000 da“, sagte Vlatakis. Nun gelte es, diese Kundinnen und Kunden bestmöglich zu versorgen, damit sie Kreta auch künftig treu blieben. Dennoch werde die Insolvenz von Thomas Cook den griechischen Tourismus nachhaltig prägen, glaubt der Fachmann.

Das griechische Finanzministerium sei bereits eingeschaltet, um betroffenen griechischen Tourismusunternehmen unter die Arme zu greifen, hieß es am Montag vom griechischen Ministerium. Tourismus ist einer der wichtigsten Wirtschaftszweige Griechenlands. Laut deutschem Auswärtigen Amt trägt er direkt und indirekt rund 23 Prozent zur Wirtschaftsleistung des Landes bei.

„Schwerer Schlag“ für Zypern

Die Insolvenz ist „ein schwerer Schlag für den Tourismus auf Zypern“. Das sagte am Montag der stellvertretende zyprische Tourismusminister Savvas Perdios bei einer Krisensitzung, wie örtliche Medien berichteten. Jährlich brachte Thomas Cook laut öffentlich-rechtlichen Rundfunk RIK bisher rund 250.000 Besucherinnen und Besucher auf die Mittelmeerinsel.

Perdios mahnte die örtlichen Hoteliers und Unternehmer zur Besonnenheit. „Es ist wichtig, dass unsere Besucher alle Gastfreundschaft erfahren und ihre Rückkehr reibungslos verläuft“, sagte er. Die Betroffenen sollten das Land „mit den bestmöglichen Eindrücken verlassen“. Zyprische Medien gehen davon aus, dass sich der Schaden der Thomas-Cook-Pleite für örtliche Hoteliers auf bis zu 50 Millionen Euro belaufen könnte.

Auch Türkei sorgt sich um Tourismusunternehmen

Das türkische Tourismusministerium stellte ein Unterstützungspaket für betroffene türkische Unternehmen in Aussicht. Das Paket werde „in kürzester Zeit“ verabschiedet, teilte das Ministerium in Ankara am Montag via Twitter mit. Details wurden nicht genannt. In der Türkei seien 21.033 Reisende mit Thomas Cook England untergekommen, hieß es weiter. Hotels dürften keine Zahlungen von Gästen verlangen oder sie dazu auffordern, ihre Zimmer zu räumen, sonst drohten ihnen gerichtliche Konsequenzen. Die Zahlungen von Reisenden, die bis 22. September eine Unterkunft gebucht hatten, seien abgesichert.

Johnson bestätigt: Finanzierungsbitte an Regierung

Der inzwischen insolvente Reiseveranstalter bat um eine Finanzspritze in Höhe von etwa 220 Millionen Pfund (etwa 250 Mio. Euro). Das sagte eine Sprecherin des Verkehrsministeriums in London am Montag auf Anfrage der dpa. Premierminister Boris Johnson hatte zuvor von 150 Millionen Pfund gesprochen. Verkehrsminister Grant Shapps ging in einem Interview mit dem Sender ITV von „bis zu 250 Millionen Pfund“ aus.

„Das Unternehmen hat bis zu 250 Millionen Pfund angefragt, sie benötigten darüber hinaus 900 Millionen Pfund und haben Schulden von 1,7 Milliarden“, begründete Shapps die Absage an Thomas Cook. „Ich fürchte, das hätte sie nur für eine sehr kurze Zeit über Wasser gehalten“, sagte Shapps am Montag dem Sender BBC in London. Das Unternehmen wollte sich über die Höhe auf Anfrage nicht äußern.

Johnson bestätigte eine Finanzierungsbitte von Thomas Cook am Montag. Jedoch lehnte die britische Regierung die Bitte ab. „Das ist natürlich eine Menge Steuergeld und stellt, wie die Menschen anerkennen werden, eine moralische Gefahr für den Fall dar, dass Unternehmen künftig mit solchen wirtschaftlichen Schwierigkeiten konfrontiert werden.“ „Es ist wahr, dass an die Regierung eine Bitte für eine Unterstützung in Höhe von etwa 150 Millionen (Pfund) ergangen ist“, ergänzte der Premier.

Gewerkschaft macht Regierung verantwortlich

Die britische Transportgewerkschaft TSSA machte unterdessen die Regierung in London für die Thomas-Cook-Pleite verantwortlich. „Die Regierung hatte viele Möglichkeiten, Thomas Cook zu helfen, hat sich aber für das ideologische Dogma entschieden, anstatt Tausende Jobs zu retten“, sagte Gewerkschaftschef Manuel Cortes einer Mitteilung zufolge. „Dass sie (die Regierung) unsere Mitglieder lieber hängen lassen, als Thomas Cook zu retten, ist beschämend und falsch.“

„Man muss kein Mathegenie sein, um zu wissen, dass die Rettung eines Eckpfeilers der britischen Wirtschaft billiger und kostengünstiger gewesen wäre“, sagte Cortes. Er betonte, Wirtschaftsministerin Andrea Leadsom habe ein Treffen mit der Gewerkschaft abgelehnt, obwohl 9.000 Jobs in Großbritannien betroffen seien.

Pilotengewerkschaft: Hoffnung „brutal zerschlagen“

Die Pilotengewerkschaft BALPA erhob ebenfalls schwere Vorwürfe gegen die britische Regierung. Während es für die Rückholaktion betroffener Urlauber detaillierte Pläne gebe, „wurde der Belegschaft ohne Zögern in den Rücken gestochen“, hieß es in einer Mitteilung. Die Mitarbeiter hätten in den vergangenen Monaten alles gegeben, dass Thomas Cook weitermachen kann, so BALPA weiter.

Währenddessen sei heimlich über die Zukunft dieser Mitarbeiter entschieden worden, und es sei unklar, ob sie diesen Monat überhaupt ihr Gehalt bekommen. „Es ist verabscheuungswürdig. Die Piloten und Mitarbeiter von Thomas Cook haben Besseres verdient.“ Die Hoffnungen der Angestellten seien am Montag „brutal zerschlagen“ worden.

Auch die oppositionelle Labour-Partei warf der Regierung Untätigkeit vor. „Ich bin enttäuscht“, sagte Labour-Finanzsprecher John McDonnell der BBC. „Ich glaube, die Regierung hätte bereit sein sollen, einfach mehr zu tun: intervenieren, die Situation stabilisieren und dann einen längerfristigen Plan ermöglichen.“

Schuldenberg in Milliardenhöhe

Thomas Cook war in den vergangenen Jahren immer wieder in Schieflage geraten. Bereits im Jahr 2012 retteten mehrere Banken den Konzern nach immensen Abschreibungen auf das britische Geschäft und IT-Systeme mit frischem Geld vor dem Untergang. Auch dadurch sitzt Thomas Cook auf einem Schuldenberg in Milliardenhöhe und ächzt unter der hohen Zinslast. Der jüngste Preiskampf im Reise- und Fluggeschäft kam erschwerend hinzu.

Um dringend benötigtes Geld zu bekommen, hatte der Konzern im Februar sogar seine Fluggesellschaften samt Condor zum Verkauf gestellt. Im Juli blies er das Vorhaben wieder ab und präsentierte stattdessen einen umfangreichen Rettungsplan – der nun scheiterte. Das Sommerhalbjahr bis Ende September werde deutlich schwächer als 2018, hatte Konzernchef Fankhauser Mitte Juli gesagt – und die Vorlage der Quartalszahlen abgeblasen. Dass es noch immer keine Klarheit über den Brexit gibt, dürfte die Lage verschärft haben. Großbritannien ist neben Deutschland der wichtigste Absatzmarkt für Thomas Cook.