Model Halima Aden
Reuters/Andrew Kelly
Viel Stoff, wenig Haut

Sittsam statt sexy auf Siegeszug

Rollkragen statt Ausschnitt, Maxikleid statt Minirock: In der Modewelt erleben bedeckende Kleidungsstücke und konservative Schnitte momentan ein Hoch – und das unabhängig vom Herbstwetter. Die britische Modesuchmaschine Lyst bringt das in einer Analyse mit der milliardenschweren „Modest Fashion“-Branche in Verbindung.

Sittsame, bedeckende Mode für Frauen unterschiedlicher Glaubensrichtungen – also „Modest Fashion“ – ist in den vergangenen Jahren beinahe vollkommen in der westlichen Modeszene angekommen: So gibt es inzwischen Sportkopftücher bei Nike, islamische Mode bei Luxusmarken wie Chanel, Max Mara und Burberry, eigene Ramadan-Kollektionen bei H&M und Mango sowie mit Halima Aden das erste muslimische Model im Hidschab auf dem Cover der „Vogue“ und der „Sports Illustrated“.

Dass mehr Stoff und wenig nackte Haut ganz im Sinne der Bewegung im Trend ist, untermauert Lyst nun auch mit Zahlen: Laut der Analyse enthielten im Vergleich zu 2017 217 Prozent mehr Suchanfragen das Wort „modest“ (bescheiden, sittsam, Anm.). Berücksichtigt wurden dabei die Daten von mehr als 100 Millionen Shoppern der vergangenen drei Jahre.

Model Halima Aden mit einer hijab in Mode vom Türkischen Designer Rasit Bagzibagli während einer Show in Istanbul
Reuters/Murad Sezer
Der stetig wachsende „Modest Fashion“-Markt gilt als Goldgrube

Einen enormen Nachfrageanstieg von 145 Prozent gegenüber dem Vorjahr verzeichneten etwa konservativ geschnittene Stücke wie Rollkragenpullover, hochgeschlossene Kleider und langärmelige Blusen. Bei Kleidungsstücken mit Rollkragen nahmen die Suchanfragen um fast zwei Drittel zu. Um ein Fünftel abgenommen haben im Umkehrschluss die Anfragen mit dem Keyword „sexy“ – ein Minus gab es ferner bei Suchen nach Miniröcken, kurzen Kleidern und figurbetonten Jeans.

Nicht nur religiöse Gründe

„Der Begriff ‚Modest Fashion‘ fällt häufig in Zusammenhang mit religiösen Hintergründen. Unsere Daten offenbaren jedoch ein anderes Bild“, sagte Eva Lindner, Marketingchefin von Lyst in Deutschland, über den Bericht. „Auch fernab von religiösen Vorgaben gewinnt die weniger freizügige Ästhetik an Beliebtheit“, hieß es vor einiger Zeit auch in der „Vogue“. So zeigten sich Hollywood-Stars wie Saoirse Ronan, Margot Robbie und Tilda Swinton in den vergangenen Monaten in bodenlangen Kleidern mit bis zum Kinn geschlossener Halspartie.

Die internationale Unternehmensberatungsfirma Bain schätzte in einer Studie von 2018 außerdem, dass bereits 40 Prozent der Ready-to-wear-Kollektionen von Luxusmarken das Anforderungsprofil von „Modest Fashion“ – also Arme und Beine zu bedecken sowie blickdicht zu sein – erfüllen. Dass Designer bei ihren Kollektionen darauf achten, den Kriterien gerecht zu werden, scheint aus wirtschaftlicher Perspektive nicht überraschend: Der jährlich um fünf Prozent wachsende „Modest Fashion“-Markt soll 2023 umgerechnet 326 Milliarden Euro umfassen, hieß es im Jahresbericht zur islamischen Wirtschaft des Medienkonzerns Thomson Reuters.

Phänomen der 2010er Jahre?

„Voluminöse Ärmel und verhüllende Silhouetten sind die vorherrschenden Schnitte des Jahrzehnts – also lockere, bequeme und schicke Outfits, dank derer sich Marken wie Arket, Cos und Weekday eine große Fangemeinde schaffen konnten“, schreibt der „Guardian“. Weite Schnitte und fließende Stoffe sind darüber hinaus das Erfolgsrezept von anderen, jungen Labels wie Vetements, Erdem, Victoria Beckham und The Row, dem Label von Mary-Kate und Ashley Olsen.

Dass „Modest Fashion“ der maßgebliche Trend der 2010er Jahre sei, erklärte die Modekritikerin der „New York Times“, Vanessa Friedman, bereits 2017. Sie bezeichnete verhüllende Kleidung einerseits als eine Art Waffe in – besonders für Frauen – heiklen Zeiten, sowie andererseits als eine Reaktion auf die ausufernde Transparenz der Sozialen Netzwerke und des Reality-TV.

„Es ist jetzt nicht die Zeit für supersexy Mode“

Bestes Beispiel dafür, dass sich führende Modelabels immer mehr in Richtung bedeckende Kleidung bewegen, ist die Herbst/Winter-Kollektion von Tom Ford – also jenes Designers, der in den 90ern und 2000ern mit verführerischen Entwürfen laut „Vogue“ die Ästhetik einer ganzen Ära prägte. In seiner Herbst-Winter-Kollektion tauschte er tiefe Ausschnitte gegen Rollkragenpullover und Blazer. „Mode soll und sollte die Auffassung eines Designers darüber, wo wir uns momentan kulturell befinden, widerspiegeln, und jetzt ist es einfach nicht an der Zeit für supersexy Kleidung“, so Ford.

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Dessous-Hype hält dennoch an

Gewagter wollen es Kundinnen und Kunden laut Lyst vorerst nur noch unten drunter. Allerdings: Das Interesse an Dessous ist ob der Tendenz zu bedeckender Kleidung ungebrochen. Von 2018 auf 2019 haben die Suchanfragen nach Dessous um 221 Prozent zugenommen. Und auch die Ausgaben verdoppelten sich in nur 24 Monaten beinahe: Wurde vor zwei Jahren noch durchschnittlich 39 Euro pro Bestellung ausgegeben, so sind es in diesem Jahr durchschnittlich 75 Euro.