Ortsschild von Ruinerwold
APA/AFP/Vincent Jannink
U-Haft über Österreicher verhängt

Erste Nebel bei isolierter Familie lichten sich

Gegen den Österreicher Josef B. ist in den Niederlanden wegen Freiheitsberaubung Untersuchungshaft verhängt worden. Ihm wird vorgeworfen, sechs Geschwister und deren Vater auf einem Bauernhof im Ort Ruinerwold festgehalten zu haben. Laut Medienberichten kannte B. die Familie jahrelang: Sie sollen einander über eine religiöse Gruppe kennen, wohnten früher nebeneinander und betrieben gemeinsame Geschäfte. Am Donnerstagabend wurde auch der Vater der Familie festgenommen.

Der 67 Jahre alte Vater wurde festgenommen, teilte die Polizei in der Provinz Drenthe mit. Er werde der Freiheitsberaubung, Misshandlung und Geldwäsche verdächtigt, so die Polizei. Weitere Angaben wurden bisher nicht gemacht. Für den späten Abend wurde eine Pressekonferenz zum aktuellen Stand der Ermittlungen angekündigt.

Möglicherweise mehr Kinder als angenommen

Möglicherweise hatte die Familie noch mehr als die nun aufgetauchten Kinder: Bisher ging man von sechs Kindern im Alter von mittlerweile 18 bis 25 Jahren und dem bettlägerigen Vater aus, der Lokalsender RTV Drenthe und die Zeitung „De Strentor“ berichteten nun unter Berufung auf ehemalige Nachbarn, dass es noch drei ältere Töchter geben soll. Sie sollen älter als 25 Jahre sein, ihr Aufenthaltsort sei unbekannt.

Die Familie habe früher in der Stadt Hasselt gewohnt. B. sei eine Zeit lang ihr Nachbar gewesen, und es habe sogar eine Tür im Zaun zwischen den Gärten gegeben. Die Kinder hätten zwar im Garten gespielt, ansonsten habe die Familie aber sehr zurückgezogen gelebt.

Offenbar in 90er Jahren kennengelernt

Einiges spricht dafür, dass B. und die Familie nicht zufällig Nachbarn wurden. Der Bruder des Oberösterreichers, Franz B., sagte der „Kronen Zeitung“, dass B. seine eigenen Kinder – er habe mittlerweile erwachsene Zwillingstöchter – monatelang bei „Freunden“ in den Niederlanden gelassen habe. Möglicherweise handelte es sich um die nun aufgetauchte Familie. Der Bruder bestätigte auch, dass B. in seiner Jugend einer „Sekte“ angehört habe. Über diese soll er Anfang der 90er Jahre die Familie kennengelernt haben. Von regelmäßigen Besuchen ist die Rede.

2004 sei dann die Mutter der Familie gestorben, berichteten Nachbarn. Diese Informationen decken sich auch mit einem Posting des ältesten Sohnes der Familie. Dieser hatte in einem seiner seit dem Frühsommer eingerichteten Social-Media-Accounts auch geschrieben, dass seine „Ma“ in diesem Jahr gestorben sei. Der Sohn hatte mit seinem mehrmaligen Auftauchen in einem Wirtshaus nahe dem Bauernhof den Fall der isoliert auf einem Bauernhof lebenden Familie ins Rollen gebracht.

Gemeinsame Geschäfte: Holzspielzeug und Tischlerarbeiten

2004 eröffnete dann der Vater der Familie, laut Medien ein ausgebildeter Psychologe, einen Spielwaren- und Holzhandel im Städtchen Zwartsluis. 2005 wiederum meldete der gelernte Tischler B. ein Gewerbe als Möbelhersteller an. Er verlegte auch Holzböden, Schiffsverkleidungen, verkaufte Holzspielzeug, Pellets und Kleinmöbel auf Märkten. Die beiden arbeiteten also zusammen.

Spätestens 2008 wurde das Geschäft geschlossen, Nachbarn sprechen davon, dass es bereits seit 2006 leer stehe und schon lange zum Verkauf angeboten werde. Die Polizei durchsuchte das Gebäude am Mittwoch, das bis zuletzt von B. gemietet worden war. Er ging auch bis zuletzt seiner Tätigkeit als Tischler nach.

Kontakte zu Familie in Österreich abgebrochen

2009 brach B. alle seine Kontakte zu seiner österreichischen Familie ab. Zuvor hatte er zumindest zeitweise in einem Haus in Pabneukirchen in Oberösterreich gewohnt, das er dann verkaufte, als er ganz in die Niederlande zog. Die Angaben darüber, wann das passierte, variieren je nach Quelle zwischen 2009 und 2010. Danach sei er weder zu den Begräbnissen seiner Eltern angereist noch habe er zu seiner geschiedenen Frau und den Töchtern Kontakt gehabt, sagte der Bruder der „Krone“. Das Landeskriminalamt (LKA) Oberösterreich ermittelt indes auf Ersuchen des Außenministeriums weitere Informationen zum Verdächtigen.

Offenbar Mitglieder der Vereinigungskirche

Während die Ereignisse bis etwa 2009 zumindest vage rekonstruierbar sind, liegen die Ereignisse danach noch völlig im Dunkeln. Laut den Postings des Sohnes wohnte die Familie nach Hasselt auch in Zwartsluis und Meppel, ehe sie 2010 auf den Bauernhof in Ruinenwold zog, auf dem sie nun entdeckt wurde. Unklar ist nach wie vor, ob B. die Familie tatsächlich eingeschlossen hat oder sie mehr oder weniger freiwillig in völliger Isolation lebte.

Auch die religiöse Komponente ist noch nicht geklärt. Franz B. hatte angedeutet, dass sein Bruder Josef die „Sekte“ verlassen habe. RTV Drenthe berichtete aber am Donnerstag, die Familie habe zur Vereinigungskirche gehört, die früher unter dem Namen „Moon-Sekte“ bekannt war.

Neffe: Aus Kirche ausgeschlossen

Die Vereinigungskirche genießt in Österreich seit 2015 den Status einer eingetragenen Bekenntnisgemeinschaft. Ein Sprecher hatte bereits am Mittwoch gesagt, dass B. weder hier noch in den Niederlanden als Mitglied bekannt sei. Ein Neffe des Familienvaters, der ebenfalls der Vereinigungskirche angehört, sagte der Zeitung „De Telegraaf“, der Familienzweig seines Onkels habe sich vor mehreren Jahrzehnten von der Kirche entfernt. Offenbar wurde er wegen abweichender Auslegungen des Glaubens ausgeschlossen. Seitdem gebe es keinerlei Kontakt mehr.

Aus der Zentrale der Vereinigungskirche in Amsterdam hieß es, der Familienvater sei in den 80er Jahren Mitglied gewesen, sei es aber mittlerweile nicht mehr. Ein Sprecher der Kirche sagte, ältere Angehörige der Glaubensgemeinschaft hätten erzählt, der Mann habe mit seiner Familie eine „eigene Gruppe“ gegründet.

Laut Medien Bargeld gefunden

RTV Drenthe berichtete, in dem Haus sei eine Menge Bargeld gefunden worden, und vermutete Zuwendungen von der religiösen Gemeinschaft, nachdem der Familienvater vor drei Jahren einen Hirnschlag erlitten habe.

Die Familie dürfte ihre Religion zudem weiter praktizieren: Nach ihrem Auffinden wurde sie von den Behörden abgeschirmt. Bei einem religiösen Zeremoniell verließen sie laut RTV Drenthe die Innenräume und wurden im Freien prompt fotografiert. Daher habe man die Familie verlegen müssen. Der älteste Sohn Jan sei von Anfang weg an einem anderen Ort untergebracht worden, berichtete der Sender.