Bibiana Beglau (Thusnelda) und Bardo Böhlefeld (Ventidius, Legt von Rom) während einer Probe des Stückes „Die Hermannsschlacht“
APA/Burgtheater/Matthias Horn
„Die Hermannsschlacht“

Martin Kusejs finstere Feuerprobe

Für seine erste Neuinszenierung als Burgtheaterdirektor ist Martin Kusej aufs Ganze gegangen: Mit Heinrich von Kleists „Hermannsschlacht“ – in den 1930er Jahren als Nazi-Bühnenblockbuster rauf- und runtergespielt, danach eine heiße Kartoffel – wählte er eine Feuerprobe mit Stolperfallen. Die wuchtige Inszenierung beeindruckt mit starken Bildern – und zündet letztlich doch nicht.

Der „deutsche Nationalismus“, der in den seltenen „Hermannsschlacht“-Inszenierungen der jüngeren Vergangenheit in guten Teilen weggekürzt wurde, komme ihm gerade recht, so Kusej im Pressegespräch vor der Premiere. 2019 ist das von ihm angeführte Schlagwort „Fake News“ vielleicht schon abgedroschen, relevant und aktuell ist seine Lesart des Cheruskerfürsten Hermann als „Bruder aller machiavellistischen Politiker, Lügner und Populisten“ aber allemal.

Kleists Drama war als Reaktion auf die Niederlage Preußens gegen Napoleon gedacht und erzählt von der historischen Schlacht im Teutoburger Wald, in der die von Hermann angeführten Germanen die Römer besiegten. Als recht unmissverständliche Propagandaparabel gegen die Franzosen blieb das Stück bis lange nach Kleists Tod ungespielt und entwickelte sich erst mit dem wiederaufkeimenden Nationalismus im späten 19. Jahrhundert zum Bühnenhit.

Szene aus dem Stück „Die Hermannsschlacht“
Burgtheater/Horn
Der deutsche Wald brennt

Dementsprechend wenig verwunderlich erfreute sich die „Hermannsschlacht“ auch auf den Spielplänen der deutschen Bühnen während der NS-Zeit großer Beliebtheit. Genauso wenig überraschend verschwand es danach wieder für Jahrzehnte in der Versenkung. Eine zumindest vorübergehende Renaissance erlebte das Stück mit der als epochal gefeierten Bochumer Inszenierung Claus Peymanns in den 80er Jahren, die mit Gert Voss als Hermann und Kirsten Dene als Thusnelda auch am Burgtheater zu sehen war.

Der Populist in der Hölle der Teutoburg

Anders als Peymann hält sich Kusej nun mit seiner Fassung sehr eng an das 1809 fertiggestellte Original, wo viel Mauerschau betrieben wird, aber szenisch wenig passiert. Bei ihm ist Hermann (von den Römern Armin(ius) genannt) auch kein Freiheitskämpfer, als den ihn Voss damals anlegte – er soll vielmehr Tyrann und Verführer sein. Zuletzt unter Barbara Frey zehn Jahre am Schauspielhaus in Zürich, mäandert Burgensemble-Neuzugang Markus Scheumann souverän in dieser ungewöhnlich schweren Rolle zwischen dem eiskalten Populisten und einem Weichei, das sich angesichts einer Leiche übergeben muss.

Mit erwähnten „Fake News“ in Form von durch das Land verschickten Leichenteilen eines geschändeten Mädchens hetzt Hermann also die Fürsten der Nachbarländer auf und holt sich so die Unterstützung, die er für sein trügerisches Manöver gegen die Römer braucht.

Bibiana Beglau (Thusnelda) und Markus Scheumann (Hermann) während einer Probe des Stückes „Die Hermannsschlacht“
APA/Burgtheater/Matthias Horn
Thusnelda (Bibiana Beglau) wird von ihrem Gatten Hermann (Markus Scheumann) instrumentalisiert

Als kongenialer langjähriger Bühnenbildpartner Kusejs illustrierte Martin Zehetgruber das riskante Spiel mit eindrucksvollen Räumen. Eine große Barrikade aus Betonwellenbrechern über die ganze Bühne wird zum Wald, in dem hinter jedem Betonpfosten der Feind lauern könnte. Mit wenigen Veränderungen entstehen immer neue Bilder – ein Ringelspiel, eine Gitterwand – viel braucht es nicht, viel macht es her. Bert Wredes Musik tut das Übrige, um vor allem zwischen den Szenen Dramatik aufzubauen und Spannung zu halten.

Barfuß im Wald

In zeitgenössischen, schwarz-grau-blauen Kostümen von Alan Hranitelj stehen einander dann der titelgebende Cheruskerfürst und seine römischen Gegner auf den Betonpflöcken gegenüber – barfüßig die Germanen, mit schicken Schuhen die Römer. Schon aufgrund der recht beeindruckenden Menge an Schauspielern und Statisten, die großteils in mehreren Rollen auf den verschiedenen Seiten zu sehen sind, trägt die Kennzeichnung doch deutlich zum Verständnis bei.

Auch Kusejs Ansage, die Mehrsprachigkeit am Burgtheater wieder einzuführen, wird zur Unterscheidungshilfe eingesetzt: Die Römer unter den Schauspielern durften sich ins Lateinische übersetzte Kleist-Texte antrainieren und so parlieren – fürs Publikum auch per Übertitel verständlich gemacht.

Burgtheater-Direktor und Regisseur Martin Kusej
APA/Herbert Neubauer

Mehr ein Männerthema

Die Frauenrollen in der „Hermannsschlacht“ sind sehr überschaubar (mit Text: zwei, zerstückelt: eine). Zentral ist eigentlich nur der Part von Hermanns Frau Thusnelda, gespielt mit archaischer Kraft und körperlichem Höchsteinsatz von Bibiana Beglau, die sich hier von einer nahezu grotesken Überzogenheit am Anfang bis zum Rande des Wahnsinns (und darüber hinaus) entwickelt. Dennoch bleibt die Motivation und Position der manipulierten Figur im Dunkeln.

Hinweis

„Die Hermannsschlacht“ ist am 30. November sowie am 1., 7. und 25. Dezember jeweils um 19.00 Uhr am Wiener Burgtheater zu sehen. ORF III überträgt die Vorstellung am 1. Dezember live-zeitversetzt um 20.15 Uhr – mehr dazu in tv.ORF.at. ORF2 begrüßt am 2. Dezember um 22.30 Uhr in „kulturMontag“ Markus Scheumann und Bibiana Beglau im Studio – mehr dazu in tv.ORF.at.

Generell lässt die Inszenierung deutlich mehr Raum für Assoziationen und Spekulationen, als es Kusejs „Fake News“-Ansage vermuten ließ: Gut 20 nackte Statisten auf einem alten Ringelspiel, per Drehbühne einmal durchs Bild gefahren, sind zum Beispiel nicht ganz selbsterklärend. Für die, die sich aber auch mit der weniger subtilen Grundbotschaft des Burgtheater-Direktors schwertun sollten, streicht er die Aktualität des Stoffes am Ende noch einmal deutlich hervor: Zur Siegesfeier versammeln sich die germanischen Fürsten in Burschenschafteruniformen – „Heil Hermann!“

Nur selten bieten selten gespielte Werke ein erfreuliches Aha-Erlebnis. Dass es auch diesmal offenbar nur bedingt dazu reichte, zeigten die Publikumsreaktionen: Nach über drei Stunden fiel der Premierenapplaus am Donnerstag kurz aus – und neben freundlichem Jubel für das große Ensemble musste Kusej neben Bravo- auch so einige Buhrufe hinnehmen.