Sikor Natuan hält ein Portrait des britischen Prinzen Philip
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Kurioser Inselkult

Wie Prinz Philip zur Gottheit wurde

Der verstorbene britische Prinzgemahl Prinz Philip wird seit den 1950er Jahren von Bewohnern der zum südpazifischen Inselstaat Vanuatu gehörenden Insel Tanna als Gottheit verehrt. Entstanden war der Kult der Prinz-Philip-Bewegung durch die Verknüpfung alter lokaler Legenden mit neu erlangtem Wissen über die westliche Welt. Prinz Philip hat die Anhänger zeit seines Lebens in dem Glauben gelassen.

An Kuriositäten ohnehin nicht arm, stellt die Prinz-Philip-Bewegung unbestritten den skurrilsten Aspekt in Philips Leben dar. Die Entstehung des Kultes hat ihren Ursprung in einer alten Sage der Einwohner der Insel Tanna. In der Legende wird erzählt, dass einer der Söhne des lokalen Berggeists Karapanemum einst über das Meer in weite Ferne gezogen war, um eine sehr mächtige Frau zu heiraten. Eines Tages würde er wiederkehren.

Als ab Mitte des 20. Jahrhunderts immer mehr Informationen über Großbritannien, unter dessen Kolonialherrschaft Tanna nach dem Zweiten Weltkrieg stand, durchgedrungen waren, identifizierten Mitglieder des Stammes der Yaohnanen die 1953 gekrönte Queen Elisabeth II. als jene mächtige Frau aus der Legende. Folglich musste es sich bei deren Mann Prinz Philip um jenen Sohn Karapanemums handeln, der einst ausgezogen war. Eine waschechte Gottheit – zumal aus den alten Überlieferungen hervorgeht, dass es sich bei den Göttern um sehr hellhäutige Wesen handelt.

Beflügelt durch Staatsbesuch

Verstärkt wurde der Glaube durch einen offiziellen Staatsbesuch der Queen und Prinz Philip im Jahr 1974. Britischen Zeitungsberichten zufolge soll insbesondere der Anblick des in weißer Uniform auf der Jacht der Queen stehenden Philip einen besonders göttlichen Eindruck hinterlassen haben. Über Jahrzehnte wusste die Öffentlichkeit vom skurrilen Kult um Prinz Philip nichts. Britische Medien haben erst ab dem Jahr 2007 davon erfahren und begonnen, darüber zu berichten. Der Prinzgemahl selbst hat seit dem Jahr 1978 über die Verehrung seiner Person als Gottheit Bescheid gewusst.

Salutschüsse für Prinz Philip

In London ist der verstorbene Prinz Philip vor Kurzem mit Salutschüssen geehrt worden.

Fotografischer Austausch

Aus Respekt vor dem Glauben der Ureinwohner spielte Prinz Philip bereitwillig mit. So wurde in den frühen 1980er Jahren eine Anfrage hinsichtlich eines Fotos des Prinzen vom Königshaus bereitwillig erfüllt. Die Yaohnanen haben sich für das Entgegenkommen wiederum mit der Übermittlung einer traditionellen Waffe bedankt, woraufhin sich Philip mit dem Geschenk hat fotografieren lassen, um erneut ein Foto zu senden. Im Lauf der Jahrzehnte wurden vom Königshaus etliche exklusive Fotos an die Yaohnanen übermittelt.

Ein Bewohner des Dorfes Yaohnanen mit Bildern von Prinz Philip
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Ende der 2000er Jahre war ein Dokumentarfilm über einen Besuch der Yaohnanen in Großbritannien entstanden. Sie wurden damals auch von Prinz Philip empfangen. Auf das Filmen der direkten Begegnung war jedoch verzichtet worden.

Nach wie vor zählt die Prinz-Philip-Bewegung zahlreiche Anhänger. Offen bleibt, in welcher Form sich der Tod des Prinzgemahls auf den Kult auswirken wird. Doch so kurios die Geschichte klingen mag: Die Prinz-Philip-Bewegung stellt keineswegs ein Einzelphänomen dar.

Einstufung als Cargo-Kult

Der Kult um Prinz Philip wird zu den Cargo-Kulten gezählt. Inhaltliche Gemeinsamkeit dieser auf den Inseln Melanesiens entstandenen Kulte ist die Anrufung höherer Wesen infolge des Aufeinandertreffens der lokalen Kultur mit der hochtechnisierten westlichen Welt.

Die Entstehung des bekanntesten Cargo-Kultes, der für das Phänomen namensgebend war, beruht auf der strategischen Besetzung der Inseln Melanesiens durch die USA, aufgrund des sich im Pazifikraum ausbreitenden Zweiten Weltkrieges. Massive Truppenbewegungen hatten in den 1940er Jahren dafür gesorgt, dass die US-Streitkräfte Inseln in Beschlag genommen haben, an die bis dahin kaum Angehörige der westlichen Zivilisation gelangt waren.

Alles Gute kommt von oben

Um die Moral der US-Soldaten zu stärken, wurden die Inseln in jeglicher Hinsicht überversorgt. Lebensmittel, Kleidung und Ausrüstung sind Dank der US-Transportflugzeuge vom Himmel gefallen. Für die Bewohner, die zuvor noch nie Kontakt zur Außenwelt hatten, geschweige denn Flugzeuge kannten, haben die Versorgungsflüge ein bizarres übernatürliches Schauspiel bedeutet, von dem sie selbst stark profitiert haben – die US-Streitkräfte hatten dermaßen viel Fracht abgeworfen, dass sich die Soldaten gar nicht erst die Mühe gemacht haben, alles einzusammeln.

Angesichts der surreal anmutenden Geschehnisse war für die Bevölkerung jene Zeitenwende eingetreten, von der in vielen alten Geschichten die Rede war: Nach dem Untergang der Welt werden die Ahnen zurückkehren und mitbringen, was für ein glückliches Leben nötig ist. Doch auf die Götter in Uniform war nicht lange Verlass.

Trauer um Prinz Philip

Prinz Philip, der Ehemann der britischen Königin Elizabeth II., ist im Alter von 99 Jahren gestorben.

Not macht erfinderisch

Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs und dem Abzug der Truppen ist der materielle Segen vom Himmel genauso schnell verschwunden, wie er gekommen war. Damit wollte sich die lokale Bevölkerung nicht abfinden. Sie entwickelten symbolische Rituale, um die Götter hinsichtlich des Abwerfens weiterer Frachtgüter anzurufen – die Inselbewohner hatten jene Abläufe der US-Soldaten, die das Erscheinen der Frachtflugzeuge am Himmel eingeleitet haben, genau beobachtet.

Flugzeuge aus Holz

Sie schnitzten Kopfhörer und Funkgeräte aus Holz und simulierten jene Handlungen, die sie beim Bodenpersonal der US-Luftwaffe gesehen hatten, um so neue Fracht heraufzubeschwören. Genauso wurden Flugzeugmodelle aus Holz gebaut und die Umrisse von Frachtmaschinen am Boden dargestellt. Zu den Ritualen gehörte aber auch das Entzünden von Feuer entlang der aufgelassenen Landebahnen und die notdürftige Errichtung neuer Landepisten.