Brasilianischer Schriftsteller Olavo de Carvalho
Reuters/Joshua Roberts
Brasilien

Bolsonaros befremdlicher Einflüsterer

Den Kampf gegen das, was er für Brasiliens Hauptproblem hält, die „linke Dominanz“ der Medien und Universitäten des Landes, führt Olavo de Carvalho schon lange. Mittlerweile haben die verschwörungsideologischen Positionen des 72-Jährigen Einzug in die Politik gehalten – sie spiegeln sich in dem Gebaren des seit einem Jahr im Amt befindlichen Staatspräsidenten Jair Bolsonaro wider.

Bolsonaro traf Carvalho erst nach seinem Wahlsieg im Oktober 2018 persönlich, tatsächlich nahm die Beziehung aber vor fast einem Jahrzehnt ihren Lauf, berichtete unlängst die US-Zeitschrift „The Atlantic“. Der Auftritt des Hardliners in den Sozialen Netzwerken hatte die Aufmerksamkeit von Bolsonaros Söhnen – selbst Politiker – geweckt.

2012 reiste der älteste Nachkomme des Staatschefs, Flavio, der damals im Landesparlament von Rio de Janeiro saß, zu Carvalhos Haus in Virginia, USA, um ihm die Tiradentes-Medaille, die höchste Auszeichnung des Abgeordnetenhauses von Rio, zu überreichen. Fünf Jahre später stellte ein anderer Sohn, Eduardo, der Abgeordneter und enger Berater seines Vaters ist, ein serviles Interview mit Carvalho ins Netz – dabei trug er ein T-Shirt mit der Aufschrift „Olavo tem razao“ („Olavo hat Recht“).

Angewidert von „politischer Korrektheit“

Inzwischen ist Olavo, wie er in Brasilien schlicht genannt wird, zur führenden Stimme gegen die Linke in dem Land geworden – zu einer aggressiven und oft vulgären: „Die politische Korrektheit gehört zu den Dingen, die ihm zutiefst zuwider sind“, schrieb die „Frankfurter Allgemeine“.

Davon kann die Autorin des „Atlantic“-Artikels zeugen: Empfangen wurde sie in Carvalhos Haus mit den Worten: „Sie sind bösartig, gemein, eine Lügnerin, eine Schlampe.“ Entfacht hatte sich Carvalhos Wut an einem früheren, kritischen Artikel der Journalistin. Der Abschied nach dem Interview fiel ähnlich freundlich aus: „Sie haben meine ganze Familie angewidert.“

Brasilianischer Staatspräsident Jair Bolsonaro und Schriftsteller Olavo de Carvalho
APA/AFP/Alan Santos
Brüder im Geiste: Carvalho (2. von rechts), Bolsonaro (ganz rechts)

Einfluss durch Onlinephilosophiekurs

Carvalho schloss die Schule nicht ab, begann schon in jungem Alter als Journalist zu arbeiten. Während der brasilianischen Militärdiktatur trat er einer der kommunistischen Parteien bei, die Mitgliedschaft währte allerdings nicht lange. Im Selbststudium näherte er sich dann der Religionswissenschaft, Philosophie und Astrologie an, fortan fühlte er sich als Gelehrter.

Bolsonaro und Mitglieder seines Kabinetts sind begeisterte Anhänger von Carvalho, erst im August 2019 wurde er mit der höchsten diplomatischen Auszeichnung Brasiliens für „Dienst und Verdienste“ ausgezeichnet. Dank seiner Onlinepräsenz gewinnt Carvalho zusätzlich an Einfluss: Aufsehen erregte seine Radiosendung im Internet („True Outspeak“), vor allem aber leitet er seit rund zehn Jahren eine Art von Onlinephilosophiekurs. Carvalho selbst schätzt, dass derzeit etwa 5.000 Schülerinnen und Schüler in seinem Programm eingeschrieben sind und 20.000 Menschen seinen Unterricht verfolgt haben – darunter auch Mitglieder von Bolsonaros Kabinett.

Bannon lässt grüßen

Ein Vergleich mit Steve Bannon, dem ehemaligen Chefstrategen des Weißen Hauses, gleichfalls ideologisch weit rechts angesiedelt, liegt auf der Hand. Zwar wehrte sich Carvalho anfangs gegen diese Gegenüberstellung, doch kurz nach Bolsonaros Amtseinführung kreuzten und fanden sich ihre Wege. „Olavo ist einer der großen konservativen Intellektuellen der Welt“, sagte Bannon bei einer Veranstaltung im Trump-Hotel in Washington.

Kurz darauf – Bolsonaros erste Amtsreise führte ihn nach Washington –, lud der Staatschef zu einem offiziellen Abendessen in die Residenz des brasilianischen Botschafters. Carvalho, hieß es in „Atlantic“, sei rechts von Bolsonaro gesessen, Bannon links von ihm. Bolsonaro sagte in einer Rede, er habe lange davon geträumt, „Brasilien von der ruchlosen linken Ideologie zu befreien“. Dann schaute er Olavo an und sagte: „Die Revolution, die wir leben, verdanken wir zu einem großen Teil ihm.“

Die Bedeutung Carvalhos für Bolsonaro zeigte sich auch in dessen ersten Rede an die Nation nach seiner Wahl: Der ehemalige Armeechef legte dabei vier Bücher auf seinen Schreibtisch – die Bibel, die Verfassung Brasiliens, Winston Churchills Memoiren des Zweiten Weltkriegs und ein Buch mit Textsammlungen von Carvalho, namens „Das Minimum, was jemand wissen sollte, um kein Idiot zu sein“.

Brasilianischer Staatspräsident Jair Bolsonaro
AP/Eraldo Peres
Bolsonaro ist in der Gunst der Bevölkerung tief gesunken

Waffen als Allheilmittel

Carvalhos erklärter Hass auf den Kommunismus stößt bei Bolsonaro auf fruchtbaren Boden – er bildet die Grundlage für seine „Politik von Recht und Ordnung“. Als erste Amtshandlung liberalisierte der Präsident das Waffenrecht: „Gute Bürger“ müssten sich vor Kriminellen schützen, sagte er. Immer wieder, berichtete das Magazin „welt-sichten“ im Dezember, ermuntert Bolsonaro Polizei und Militär zum Gebrauch ihrer Waffen – Ermittlungen müssen die Sicherheitsleute nicht befürchten, selbst wenn Unschuldige sterben. Entsprechend ist die – ohnehin schon hohe – Zahl der Toten durch Polizeigewalt in Brasilien weiter gestiegen.

Brasiliens Militärdiktatur in den 1960er Jahren wird von Carvalho als „Revolution" gepriesen, die das Land vor dem Kommunismus bewahrt hat. Bolsonaro geht konform: Wiederholt sprach er sich für die Diktatur aus – ihr größter Fehler sei gewesen, dass Dissidenten zumeist nur gefoltert, nicht aber getötet worden seien.

„Man muss direkt sein, ohne Respekt“

In seinem „Unterricht“ im Internet verbreitet Carvalho zudem, dass die Nazis linksgerichtet waren und lehrt seine Schüler, dass die Missachtung des Feindes unabdingbar sei, um die Linke zu besiegen. Seine Anhänger sollten „alle bösen Wörter der portugiesischen Sprache“ gegen die Kritiker verwenden. „Es geht nicht darum, Ideen zu zerstören“, zitierte „Atlantic“ den selbst ernannten Philosophen, „sondern darum, die Karriere und die Macht der Menschen zu zerstören. Man muss direkt sein, und ohne Respekt, das ist sehr wichtig.“

Die Zustimmung zu Bolsonaro ist in seinem ersten Amtsjahr stark gesunken – aktuellen Umfragen zufolge liegt sie bei nur mehr 30 Prozent. Mag sein, dass die verheerenden Waldbrände im Amazonas-Gebiet im Herbst einen Teil dazu beigetragen haben: Erst sah der Präsident tatenlos zu, dann beschwerte er sich über die globale Besorgnis darüber, zum Schluss hielt er gar Umweltaktivisten wie dem Hollywood-Star Leonardo DiCaprio vor, die Feuer gelegt zu haben.

Enttäuschte Hoffnungen

Wahrscheinlicher ist aber, dass der von Bolsonaro versprochene wirtschaftliche Aufschwung nach mehr als vier Jahren Krise ausgeblieben, die Armutsrate auf knapp 25 Prozent angestiegen ist. „6,5 Prozent der Bevölkerung und damit mehr als 13 Millionen Menschen gelten als extrem arm, müssen also mit weniger als 1,90 Dollar pro Tag auskommen“, berichtete „welt-sichten“.

Carvalho dürfte das egal sein: „Mein Einfluss auf Brasiliens Kultur ist unendlich größer als alles, was die Regierung tut“, sagte er gegenüber „Atlantic“. „Ich verändere die Kulturgeschichte Brasiliens. Regierungen verschwinden, die Kultur bleibt.“