Schriftsteller Josef Haslinger
APA/Herbert Neubauer
Josef Haslinger

Bericht eines Missbrauchs

Schriftsteller Josef Haslinger („Opernball“) ist als Kind Sängerknabe im Stift Zwettl gewesen. Während seiner Zeit im Konvikt wurde er regelmäßig sexuell missbraucht, von unterschiedlichen Aufsichts- und „Respektspersonen“. Nun berichtet er im Buch „Mein Fall“ darüber, wie es zu den Übergriffen kam – und erklärt, warum er mit konkreten Beschuldigungen den Tod der Täter abwartete.

Haslinger ist dafür bekannt, dass seine Worte in ihrer Klarheit schwammige Befindlichkeitsmasse wie ein Messer durchschneiden, und dass er sich Themen widmet, von denen andere lieber ihre Finger lassen. Sensibilität und Gnadenlosigkeit gehen hier Hand in Hand – gerade auch im Umgang mit der eigenen Person. Was ihm während der 60er Jahre in Zwettl widerfahren ist, hat Haslinger im Lauf der Jahrzehnte immer wieder thematisiert, in Prosa, Artikeln, in öffentlichen Gesprächen, in Interviews.

Die Beschreibung der Missbrauchshandlungen in der Kurzgeschichte „Die plötzlichen Geschenke des Himmels“ aus dem Jahr 1983 war schonungslos, in seinem neuen Buch zitiert Haslinger sich selbst: „Er legte mir sein wulstiges Fleischstück wie eine geweihte Hostie auf die Zunge, lächelte mich an dabei, sagte, na, mach schon, trau dich nur. Ein schaler, nichtssagender Geschmack, ein wenig Ekel. Da stieß es mit einem Mal in meinen Mund hinein, zuckte hin und her, ich konnte ihm nicht mehr entkommen. Mein Kopf wurde von hinten gegen das Haarbüschel gepresst, es reckte mich, wenn der Religionslehrer auf meinen Gaumen stieß, die Speiseröhre hinabschlüpfen wollte …“

Cover des Buchs „Mein Fall“ von Josef Haslinger
S. Fischer Verlag

Josef Haslinger: Mein Fall. Fischer, 144 Seiten, 20,60 Euro.

Zynismus als Schutzwall

Eine Salzburger Literaturzeitschrift weigerte sich Anfang der 80er Jahre, den Text zu veröffentlichen – unverblümt gab man zu, dass man um Subventionen fürchtete. Etwas später erschien die Geschichte in einem Sammelband mit Erzählungen und dann schließlich 1995 – die Missbrauchsaffäre rund um Bischof Hans Hermann Groer hatte ihren Höhepunkt erreicht – veröffentlichte auch das „profil“ die Story, die autobiografisch ist, aber genügend fiktionalisiert, dass man als Außenstehender nicht auf die Identität der handelnden Personen schließen muss.

Die Klasnic-Kommission der ehemaligen steirischen Landeshauptfrau Waltraut Klasnic, installiert von der katholischen Kirche, gab es seit 2010, aber Haslinger hatte zunächst nicht vor, zu kooperieren. Was sollte das bringen? In seinem Buch beschreibt er den eigenen Zynismus. Freunden gegenüber habe er Sachen gesagt wie: „Irgendwer muss einen ja in die Sexualität einführen – bei mir waren es halt Zisterziensermönche.“ Doch gutmeinende Bekannte, Expertenreaktionen auf seine öffentlichen Wortmeldungen und vor allem sein Bruder führten Haslinger vor Augen, dass der Zynismus nicht zuletzt exkulpierendes Verhalten war – oder dieses zumindest begleitete.

Das Kind im Mann und seine Freunde

Sprüche wie der über die Einführung in die Sexualität wirken abgeklärt und lassen den Eindruck entstehen, dass man „cool“ mit der eigenen Vergangenheit umgeht. Das Gegenteil war der Fall, Haslinger war alles andere als cool. Er fühlte sich den Männern, die ihn missbraucht hatten, weiterhin verbunden. Rational war ihm klar, dass sie ihm großes Unrecht angetan hatten. Aber emotional kämpfte das Kind in ihm weiter für die vermeintlichen Freunde.

Die Leidensgeschichte des Sängerknaben

„Mein Fall“ hat schon vor seinem Erscheinen für große Aufmerksamkeit gesorgt. Josef Haslinger legt Zeugnis ab vom Missbrauch, der an ihm begangen wurde.

Und auf eine perverse Art waren die Männer, besonders Pater Gabriel, tatsächlich so etwas wie Freunde. Von älteren Mitschülern und von vielen der Mönche wurden die jungen Burschen im Konvikt regelmäßig schwer misshandelt, ganz offiziell, als Teil des Erziehungssystems. Da platzte ein Trommelfell wegen Ohrfeigen, da wurde beim strafbedingten Liegestützmachen ein spitzer Zirkel unter dem Bauch aufgestellt – eine wahre Tortur.

„Oase der Zärtlichkeit“

Diskriminierung, Lieblosigkeit, schwere körperliche und psychische Gewalt auf täglicher Basis ohne Möglichkeit, je zu entkommen, Einsamkeit und Heimweh führten dazu, dass die „Streicheleinheiten“ und die damit einhergehenden Gespräche, in denen echtes Interesse am jungen Josef und seinen Problemen gezeigt – oder geheuchelt – wurde, warme Gefühle für die Täter entstehen ließen. Haslinger schreibt: „Die Pädophilen waren in dieser Atmosphäre von klösterlicher Gewalt eine Oase der Zärtlichkeit.“

Warme Gefühle, die nicht so einfach wegzuwischen waren, auch nicht durch ein Leben als allseits anerkannter Schriftsteller. Der Entschluss, sich zu offenbaren, oder besser, die Namen der Täter preiszugeben, entstand deshalb erst ganz allmählich und spät. Haslinger ist heute 64 und weiß, dass sein Verständnis für die Täter Teil der Konsequenz aus ihren Taten ist. Die Namen nicht eher genannt zu haben, sei aber richtig gewesen – weil man im Fall juristisch verjährter Straftatbestände die Täter nicht öffentlich an den Pranger stellen dürfe, schlicht aus einem humanistischen Gedanken heraus.

„Was für ein Saubatl“

Ein paar Monate vor seiner Aussage bei der Klasnic-Kommission sagte Haslinger im Rahmen einer Lesung im Waldviertel, also nicht weit von dort, wo damals alles passierte, laut Meinbezirk.at: „Würde heute ein Priester mir beim Hosentürl hineinfahren, würde ich ihn bei seinem Ding schnappen, ihn zum Abt schleppen und dem sagen, schauen Sie, was für ein Saubatl Sie in Ihrem Konvent haben! Aber als Kind von zwölf Jahren macht man das nicht! Heute stellt sich das für mich natürlich anders dar. Ich war ein ziemlich verstörtes, kleines Kind, das es im Internatsleben nicht ganz leicht hatte.“

Luftansicht von Stift Zwettl
Getty Images/iStockphoto/mrpluck
Das Stift Zwettl: Früher ein Ort der Qualen für Kinder

Die Lektüre von „Mein Fall“ ist hart, aber, wenn man das bei einem derart belasteten Thema sagen darf, höchst spannend. Denn Haslinger beschreibt nicht nur seine eigene Entwicklung im Lichte der Ereignisse von damals, sondern entwickelt seine Gedanken im Schreiben weiter. Als Leser begibt man sich mit ihm gemeinsam auf die Reise vom Missbrauch zur Emanzipation und vor allem in Seitengassen – sowohl der Psyche als auch der autoritär-katholischen Verfasstheit der Gesellschaft vor der Befreiung der späten 60er und der 70er Jahre.

Missbrauch als „Normalzustand“

Haslinger arbeitet dabei nicht nur seine Vergangenheit auf, sondern auch die Art der Aufarbeitung durch die Institutionen. Der Klasnic-Kommission stellt er ähnliche Einrichtungen in anderen Ländern gegenüber, die nicht von kirchlichen Einrichtungen getragen werden (Klasnic wurde zur Opferbeauftragten der katholischen Kirche ernannt). Was die Opfer berichten, werde in Bezug auf die Opfer aufgearbeitet. Die Täter würden jedoch im Dunkeln bleiben.

Das große Verdienst Haslingers liegt nun darin, die Täter ein Stück weit aus dem Dunkeln zu holen, indem er das System Zwettl, das wohl jenem in vielen anderen ähnlichen Institutionen gleicht, weit über die Taten einzelner hinaus beschreibt. Er beschreibt die Grundstimmung, mit der er von zu Hause nach Zwettl geschickt wurde, er beschreibt die systematische Verführung der Jungen durch Mönche, Lehrer und ältere Schüler und er beschreibt die relative Normalität, die der Missbrauch irgendwann für alle hatte. Das ist mindestens so beklemmend wie die Taten selbst.