Oscar-Statue
AP/Chris Pizzello
Oscar-Neuaufstellung

Der frische Wind weht nur schwach

Weltweit fiebern Filmfans der Oscar-Verleihung entgegen, die am Sonntag (Ortszeit) in Los Angeles über die Bühne geht. Ein großes Thema dabei ist – wieder einmal – die mangelnde Repräsentation von Frauen und Minderheiten in der Filmwelt. Nach scharfer Kritik hatte die Oscar-Academy vor einigen Jahren „historische“ Maßnahmen für mehr Diversität angekündigt – doch der frische Wind weht nur schwach.

2016 brach eine Welle der Kritik über die Academy of Motion Picture Arts and Sciences herein. Der Anlass: Zum zweiten Jahr in Folge waren keine schwarzen Darstellerinnen und Darsteller für die Schauspiel-Oscars nominiert. Unter dem Hashtag „#OscarsSoWhite“ machten Kritikerinnen und Kritiker ihrem Unmut Luft, Stars wie die Schauspielerin Jada Pinkett Smith und Regisseur Spike Lee blieben der Oscar-Verleihung in Los Angeles aus Protest fern. Beklagt wurde die jahrelange, systematische Benachteiligung von Minderheiten, aber auch von Frauen.

So waren seit 1929, als die Oscars erstmals vergeben wurden, nur fünf Frauen für die Regie-Oscars nominiert. Die bisher einzige Preisträgerin in dieser Kategorie ist Kathryn Bigelow, die 2010 für den Kriegsfilm „Tödliches Kommando – The Hurt Locker“ ausgezeichnet wurde. Auch in diesem Jahr, bei den 92. Oscars, gehen in der Regie-Kategorie ausschließlich Männer ins Rennen. Und während der südkoreanische Regisseur Bong Joon Ho für seine Sozialsatire „Parasite“ in diesem Bereich nominiert ist, wurde das von der Kritik hochgelobte Ensemble in den Schauspielkategorien übergangen.

Die Favoriten bei den Oscars

In der Nacht auf Montag werden in Los Angeles die Oscars verliehen. In diesem Jahr gibt es vier Filme, die als Favoriten gelten. Jeder davon ist zehn- bis elfmal nominiert.

Mehr Mitglieder, mehr Diversität

Als Reaktion auf die Kritik, wohl aber auch, um andere Zielgruppen anzusprechen, startete die Academy vor vier Jahren die Initiative „A2020“. Das bisherige lebenslange Stimmrecht wurde (mit Ausnahmen) auf zehn Jahre beschränkt, der Vorstand wurde erweitert. Zudem verpflichtete man sich zu mehr Vielfalt: Bis heuer sollte die Zahl der nichtweißen sowie der weiblichen Mitglieder Academy so um jeweils die Hälfte gesteigert werden.

Einem Bericht des „Hollywood Reporter“ zufolge hat die Academy ihre selbstgesteckten Ziele zumindest teilweise erreicht; allerdings von einem niedrigen Ausgangsniveau aus: Der Anteil der nichtweißen Academy-Mitglieder lag 2015 bei gerade einmal acht Prozent, nunmehr liegt er bei 16 Prozent. Der Frauenanteil konnte im selben Zeitraum von 25 auf 32 Prozent erhöht werden. Gesunken ist das Durchschnittsalter der Oscar-Entscheiderinnen und -Entscheider – von 62 Jahren (2012) auf 50.

Die Oscar-Nacht im ORF

Die Oscar-Nacht im ORF startet in der Nacht von Sonntag auf Montag um 0.50 Uhr in ORF1. Ab 2.00 Uhr wird die Zeremonie live übertragen. ORF.at begleitet die Gala mit einem Liveticker. Montagabend bringt der „kulturMontag“ einen Nachbericht zur Preisverleihung – alle Infos zur Oscar-Berichterstattung des ORF in tv.ORF.at.

Erreicht hat die Academy ihre Ziele aber weniger durch einen radikalen Umbau als durch eine exzessive Einladungspolitik. Laut „Hollywood Reporter“ zählt die Academy mittlerweile 8.469 Mitglieder, vor fünf Jahren seien es noch 6.261 gewesen. Die genaue Mitgliederliste ist geheim. Um ihre Erfolge in Sachen Diversität zu unterstreichen, macht die Oscar-Academy aber immer wieder die Namen neuer Mitglieder publik. 2018 etwa wurden die österreichische Regisseurin Jessica Hausner („Little Joe“) und die Schnittmeisterin Monika Willi („Happy End“) aufgenommen.

„Fantastic Four“ führen Favoritenfeld an

Vier Filme – von Medien als „Fantastic Four“ bezeichnet – gelten bei den 92. Oscars als große Favoriten. An der Spitze des Feldes steht Todd Phillips’ „Joker“ mit 11 Nennungen – Martin Scorseses „The Irishman“, Sam Mendes’ „1917“ und Quentin Tarantinos „Once Upon A Time… In Hollywood“ mit je zehn Siegeschancen dicht auf den Fersen. Das Quartett ist nicht nur jeweils in der Sparte „Bester Film“ vertreten, sondern auch bei der Kategorie „Beste Regie“.

Cynthia Erivo
APA/AFP/Getty Images/Kevin Winter
Cynthia Erivo könnte den Oscar als beste Hauptdarstellerin erhalten

Der durch die Neuaufstellung der Academy erhoffte frische Wind ist allerdings eher ein laues Lüftchen. Als einzige dunkelhäutige Darstellerin ist heuer die Britin Cynthia Erivo („Harriet“) in der Kategorie „Beste Hauptdarstellerin“ nominiert. Greta Gerwigs Literaturverfilmung „Little Women“ geht in der Kategorie „Bester Film“ ins Rennen.

Johansson gleich doppelt im Rennen

Dafür gleich doppelt im Rennen um einen der begehrten Goldbuben ist dagegen Scarlett Johansson, die einerseits für ihre Rolle einer Scheidungsmutter in Noah Baumbachs „Marriage Story“ bei den besten Hauptdarstellerinnen hoffen darf und andererseits bei den Nebendarstellerinnen für ihre Leistung als Mutter eines Hitlerjungen in der Satire „Jojo Rabbit“. Als Favoritin bei den Hauptdarstellerinnen gilt Kollegin Renee Zellweger für ihre Verkörperung von Hollywood-Legende Judy Garland im Biopic „Judy“.

Scarlett Johansson und Roman Griffin Davis im Film „Jojo Rabbit“.
AP/Fox Searchlight Pictures/Larry Horricks
Johansson in „Jojo Rabbit“: Die US-Schauspielerin könnte am Sonntag gleich doppelt abräumen

Das Quintett der Filmköniginnen komplettieren neben Erivo Saoirse Ronan („Little Women“) und Charlize Theron („Bombshell“). Bei den Nebendarstellerinnen sieht sich Johansson altgedienten Hollywood-Darstellerinnen wie Kathy Bates („Richard Jewell“) und Laura Dern („Marriage Story“) sowie den Nachwuchskräften Florence Pugh („Little Women“) und Margot Robbie („Bombshell“) gegenüber.

Phoenix großer Favorit bei Hauptdarstellern

Als Topfavorit bei den Nebendarstellern geht Brad Pitt ins Rennen. Der 56-jährige Hollywood-Star – bis dato noch Oscar-los – kann für seine Interpretation eines Stuntman in Tarantinos „Once Upon A Time… In Hollywood“ auf einen Goldbuben hoffen – den ihm vier Altstars streitig machen wollen. Schließlich steht Pitt in Konkurrenz zu Tom Hanks („A Beautiful Day in the Neighborhood“), Anthony Hopkins („The Two Popes“), Al Pacino („The Irishman“) und Joe Pesci („The Irishman“).

Regisseur Sam Mendes gibt am Set von „1917“ anweisungen
2019 Universal Pictures and Storyteller Distribution Co., LLC.
Regisseur Mendes bei den Dreharbeiten zu „1917“: Das britische Kriegsdrama ist zehnfach oscarnominiert

Bei den Hauptdarstellern gilt Joaquin Phoenix für seinen „Joker“ als gesetzt. Er muss sich dabei gegen Antonio Banderas für seine Almodovar-Verkörperung in „Leid und Herrlichkeit“, Leonardo DiCaprio für seine Leistung in „Once Upon A Time… In Hollywood“, Adam Driver als Johansson-Gegenspieler in „Marriage Story“ und Jonathan Pryce für seine Papstdarstellung in „The Two Popes“ durchsetzen.

Wer sich in jedem Falle jetzt schon als Gewinner fühlen darf, ist der Streaming-Gigant Netflix. Mit insgesamt 24 Nominierungen ließ das Unternehmen jedes der klassischen Hollywood-Studios hinter sich. So sind „The Irishman“ und „Marriage Story“ unter anderem in der Topkategorie des „Besten Films“ mit dabei, wenn auch nicht als Favoriten.

Veganes für die Stars

Wie schon im Vorjahr werden die Oscars auch heuer ohne fixe Moderation auskommen. Die Preise werden von Prominenten wie Jane Fonda, Natalie Portman und Tom Hanks vergeben. Gespannt gewartet wird auf eine musikalische Performance, jener von Billie Eilish, die zuletzt bei den Grammys alle Hauptkategorien für sich entschied.

US-Schauspieler Joaquin Phoenix in seiner Rolle als als „Joker“ im gleichnamigen Film
AP/Warner Bros. Pictures/Niko Tavernise
Phoenix gilt als großer Favorit unter den Hauptdarstellern – und ist laut Starkoch Wolfgang Puck Veganer

Das Menü, das den 1.500 Gästen kredenzt wird, ist in diesem Jahr zum Großteil vegan. Aufgetischt wird es zum 26. Mal vom Starkoch Wolfgang Puck. Bis Sonntag geht es in der provisorischen Küche gleich neben dem Dolby-Ballsaal rund. Nach der Oscar-Gala richtet der Promikoch beim Governors Ball sein traditionelles Gourmetgelage aus, diesmal zu 70 Prozent vegan, so die Vorgabe der Filmakademie. Die Golden Globes machten im Jänner den Anfang – da war das Menü für die Stars gänzlich ohne Tierprodukte.

Der gebürtige Kärntner scheint auch mit seinen rein pflanzlichen Menüs den Geschmacksnerv in Hollywood genau zu treffen: „Der Joaquin isst nur vegan, und dem Leonardo habe ich neulich eine Pizza nur mit Gemüse gemacht, der war völlig begeistert“, plauderte Puck gegenüber der dpa über die beiden Oscar-Anwärter Phoenix und die DiCaprio aus.