Frau mit Kind in der Küche
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Kinder, Küche, Kabinett

Halbe-halbe bei Sorgearbeit gefordert

Aufräumen, putzen, einkaufen, kochen, Wäsche waschen, Kinder erziehen, Angehörige pflegen – all das sind Tätigkeiten, die nach wie vor hauptsächlich von Frauen erledigt werden. Und das unbezahlt. Expertinnen fordern eine gerechtere Aufteilung zwischen Männern und Frauen hin zu Halbe-halbe und sehen dabei die Politik in der Pflicht.

Am 29. Februar findet der „Equal Care Day“ statt. Das Datum gibt einen ersten Hinweis darauf, was es mit dem Aktionstag auf sich hat: Die Tatsache, dass er in drei von vier Jahren einfach übergangen werde, soll aufzeigen, dass Care-Arbeit als weitgehend unsichtbare Arbeit gelte, so die Initiatoren und Initiatorinnen auf ihrer Website.

Neben der mangelnden Wertschätzung wollen sie vor allem auf die unfaire Verteilung von Fürsorgearbeit aufmerksam machen. Weltweit leisten den Großteil unbezahlter Haus-, Pflege- und Sorgearbeit Frauen und Mädchen. Insgesamt handle es sich laut einer Studie der NGO Oxfam dabei pro Tag um mehr als zwölf Milliarden Stunden. Das entspreche einem Gegenwert von mehr als elf Billionen US-Dollar pro Jahr, wenn diese mit dem Mindestlohn bezahlt würden.

Frau mit Kleinkind in Küche
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Frauen haben oft alle Hände voll zu tun – sie sind nach wie vor die Hauptverantwortlichen, wenn es um Haushalt und Kinder geht

Veraltete Daten in Österreich

Wie es um die Verteilung bezahlter und unbezahlter Arbeit in Österreich bestellt ist, lässt sich aufgrund fehlender Daten nur schwer sagen. Die letzte Studie zu diesem Thema ist bereits mehr als ein Jahrzehnt alt. Zwar findet sich im Regierungsprogramm die Erklärung, an der Eurostat-Zeitverwendungserhebung teilnehmen zu wollen, eine Bestätigung aus dem Frauenministerium ist allerdings noch ausständig.

Care-Arbeit

Der Begriff der Care-Arbeit, zu Deutsch Fürsorgearbeit, umfasst reproduktive Tätigkeiten wie die Erziehung der Kinder, Pflege der Angehörigen und Haushalt.

Das Ministerium für Familie und Arbeit teilte ORF.at am Freitag mit, dass es sich nicht dafür zuständig fühlte – präzisierte am Samstag aber seine Angaben. Es gebe zwar bereits Gespräche zwischen den Ministerien (Familie und Arbeit sowie Frauen), allerdings noch keinen genauen Zeitplan. Die Zeitverwendungsstudie erhebt europaweit Daten über die Aufteilung der Arbeit zwischen Frauen und Männern.

Die letzten verfügbaren Daten zeigen jedoch, dass der Anteil unbezahlter Arbeit auch hierzulande beträchtlich ist. Nimmt man ehrenamtliche Tätigkeiten hinzu, so übersteigt er sogar jenen Anteil der Erwerbsarbeit. Auch hierzulande werden zwei Drittel der Haus- und Sorgearbeit von Frauen geleistet. „Rechnet man das um, kommt man auf eine Summe von 100 bis 105 Milliarden Euro im Jahr, also etwa auf 30 Prozent des Bruttoinlandsprodukts“, so die Ökonomin Katharina Mader gegenüber ORF.at.

Mann räumt Kinderzimmer auf
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In skandinavischen Ländern ist ein Teil der Karenz fix für die Väter reserviert – für Mader ein Vorzeigebeispiel für Österreich

Keine „substanziellen“ Rollenveränderungen

Laut Mader dürfte sich bei der Umverteilung in den vergangenen zehn Jahren zwar durchaus etwas getan haben, substanzielle Rollenveränderungen stellt sie jedoch nicht fest. Denn egal ob Papamonat, Pensionssplitting oder Väterkarenz – bei all dem handle es sich lediglich um „kleinteilige Maßnahmen“.

Als Positivbeispiel nennt Mader hingegen nordische Länder, wo etwa ein Teil der Karenz automatisch für Väter reserviert sei. Das könne sie sich auch für Österreich vorstellen: „Wir reden in Österreich immer vom Zwölf-plus-zwei-Modell. Wenn wir jedoch vom Sieben-plus-sieben-Modell reden würden, wäre das gleich einmal etwas ganz anderes.“

Auswirkungen auf Erwerbsarbeit

Die Anlehnung des „Equal Care Day“ an den „Equal Pay Day“ zeigt auch auf, wie unbezahlte und bezahlte Arbeit voneinander abhängen. So spiegelt sich etwa die ungleiche Verteilung von Erwerbsarbeit und unbezahlter Arbeit zwischen Frauen und Männern auch darin wieder, dass Frauen öfter in Teilzeit arbeiten als Männer.

„Equal Pay Day“

Im Gegensatz zum „Equal Care Day“, der auf die unbezahlte Sorgearbeit aufmerksam machen möchte, weist der „Equal Pay Day“ auf die geschlechtsspezifischen Einkommensunterschiede bei Erwerbsarbeit hin.

In Österreich geben Frauen Studien zufolge als häufigsten Grund für Teilzeitarbeit die „Betreuung pflegebedürftiger Kinder und Erwachsener an“, bei Männern ist dieser Grund hingegen der unbedeutendste. Teilzeitarbeit wiederum führt dazu, dass Frauen nicht nur weniger verdienen und schlechtere Aufstiegschancen haben, sondern auch später in der Pension oft mit Altersarmut zu kämpfen haben.

Haushaltshilfen als „moderne Mägde“

Wer es sich leisten kann, gibt Sorgearbeit heutzutage also an Haushaltshilfen ab, an ärmere Frauen aus Osteuropa etwa. Die „Zeit“ spricht von diesen als „modernen Mägden“, die in Privathaushalten die Pflege von Angehörigen oft zu Dumpingpreisen übernehmen. Und auch in der „Süddeutschen Zeitung“ („SZ“) ist zu lesen: „Während Männerkarrieren zunächst von Ehefrauen ermöglicht wurden, die ihnen den Rücken freihalten, sind dies für Frauen heute Haushaltshilfen und Babysitterinnen.“ Doch egal ob unbezahlt oder schlecht bezahlt – in beiden Bereichen arbeiten hauptsächlich Frauen.

Frau hilf ältern Frau im Rollstuhl
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Auch wenn in der Familie ein Mitglied pflegebedürftig wird, liegt es meist an Frauen, sich um die Person zu kümmern

Kritik an Forderung der Arbeitszeitverkürzung

Die Forderungen nach gerechter Verteilung unbezahlter Arbeit sind alles andere als neu. In den 70ern verlangte etwa die Feministin und Philosophin Silvia Federici „Löhne für Hausarbeit“, in den 90ern wurde mit der Kampagne „Halbe-halbe für ganze Männer“ geworben, und zuletzt bemühte sich das Frauenvolksbegehren um die Einführung einer 30-Stunden-Woche. Einer Forderung, der sich auch Mader anschließt. Derzeit übernehme die Frau die unbezahlte Arbeit und arbeite Teilzeit, der Mann ist der Hauptverdiener und arbeitet Vollzeit oder mehr. „Wenn beide ihre Arbeitszeiten verkürzen, haben sie Zeit, unbezahlte Arbeit anders aufzuteilen“, so die Ökonomin.

Während die einen davon überzeugt sind, dass Sorgearbeit das Fundament der Gesellschaft und des Wirtschaftssystems darstellt, argumentieren Kritiker und Kritikerinnen, dass nicht jedes Detail des privaten Lebens ökonomisiert werden könne. Und: Eine 30-Stunden-Woche sei ohnehin utopisch und wirtschaftlich nicht haltbar. Auch Wirtschaftskammer-Präsident Harald Mahrer (ÖVP) sprach sich erst kürzlich dezidiert gegen die von der Sozialwirtschaft geforderte 35-Stunden-Woche aus. Das sei ein „Ansatz einer Inselansicht aus den 70er Jahren, wo man glaubt, es gibt rund um uns keine Welt“, so Mahrer.

Mahrer gegen 35-Stunden-Woche

Harald Mahrer, Präsident der Wirtschaftskammer Österreich, sprach sich in der ORF-„Pressestunde“ strikt gegen eine 35-Stunden-Woche aus.

„Das Private ist politisch“

Von einem Hausfrauengehalt, einer „Herdprämie“, wie sie in einigen österreichischen Gemeinden eingeführt wurde, hält die Ökonomin Mader hingegen nichts. Das würde Geschlechterrollen lediglich verfestigen und die Debatte ins Private verschieben: „Dadurch wird jeder politische Spielraum herausgenommen.“ Ähnlich sieht das auch Bettina Zehetner vom Institut für frauenspezifische Psychotherapie und Sozialforschung. Das Private sei „eindeutig“ politisch. Das zeige sich auch bei ihren Klientinnen: „Die Probleme, mit denen Frauen zu uns in die Beratung kommen, sind nie nur individuelle Probleme, sie haben immer auch einen gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Hintergrund“, so die Philosophin.

Frau mit Kind im Supermarkt
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Mangelnde Unterstützung der Partner bei der Hausarbeit, Kindererziehung und Pflegearbeit bringt Frauen oft zur Psychotherapie

Halbe-halbe „von Anfang an“

Mangelnde Unterstützung der Partner bei der Hausarbeit, Kindererziehung und Pflegearbeit sei einer der häufigsten Anlässe, warum Frauen die Beratungsstelle aufsuchen. Egal ob berufstätig oder nicht, viele Frauen würden ihre Leistung zudem selbst als „nie genug“ empfinden. Das könne nicht zuletzt auch krank machen und sich in Erschöpfung oder sogar Depressionen äußern.

Es sei wichtig, dass Frauen verstehen, dass sie nicht selbst daran schuld seien, Familie und Beruf nicht gut miteinander vereinen zu können. Individuelles Aushandeln innerhalb der Beziehung, konsequentes Einfordern gerechter Arbeitsaufteilung sei zwar wichtig, aber es brauche gesellschaftliches Bewusstsein und politische Lösungen, so Zehetner. Ihr Tipp: „Halbe-halbe von Anfang an ist das wirkungsvollste Prinzip und schafft langfristig mehr Handlungsfreiheit – für alle Geschlechter.“