WHO-Logo auf der Eingangstür des Hauptquartiers der Weltgesundheitsorganisation in Genf
Reuters/Denis Balibouse
Coronavirus

WHO sieht bisher keine Pandemie

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) gibt sich trotz zahlreicher Neuinfektionen mit dem Coronavirus verhältnismäßig optimistisch. Bisher handle es sich nicht um eine Pandemie, wie am Montag in Genf bekanntgegeben wurde. Es sei sehr ermutigend, dass die Fallzahlen in China zurückgingen, sagte WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus.

Die Ausbreitung des Virus könne noch gestoppt werden. Die Zahlen aus Italien, dem Iran und Südkorea seien gleichwohl sehr beunruhigend, sagte er. Es gebe aber keine Pandemie, sondern Epidemien in einzelnen Ländern. Mit Pandemie bezeichnet man die Verbreitung eines neuen Virus auf der ganzen Welt. Es gebe keine unkontrollierte globale Ausweitung des Virus, sagte Tedros. Von einer Pandemie zu sprechen würde Angst schüren, und es sei im Prinzip unerheblich, sagte Tedros. „Es würde kein Menschenleben retten.“

Die WHO habe bereits mit der Ausrufung einer gesundheitlichen Notlage von internationaler Tragweite ihre höchste Alarmstufe verhängt. Jetzt sei es an der Zeit, sich auf alle Eventualitäten vorzubereiten. „Allein verliert jeder, zusammen können wir gewinnen“, sagte Tedros.

Schnelligkeit für Experten entscheidend

Der WHO-Experte Bruce Aylward, der eine gemeinsame Expertenmission der WHO und Chinas zur Coronavirus-Epidemie leitet, lobte unterdessen in Peking die „kühne“ Reaktion Chinas auf die von dem Coronavirus verursache Lungenkrankheit Covid-19. Mit seinen drastischen Maßnahmen habe China „das Steuer herumgerissen“ und „möglicherweise Hunderttausende Fälle von Covid-19 hier in China verhindert“, sagte Aylward.

In China habe sich gezeigt, dass im Kampf gegen das Coronavirus Schnelligkeit am wichtigsten sei, fügte der WHO-Experte hinzu. Sorgen mache ihm daher vor allem, „ob der Rest der Welt die Lektion von der Schnelligkeit gelernt hat“, sagte Aylward. Die DNA des Virus habe sich nicht erheblich verändert, so die WHO. Die Mortalität außerhalb von Wuhan liege bei 0,7 Prozent. Menschen mit milden Symptomen erholten sich in zwei Wochen, solche mit schweren Symptomen brauchten drei bis sieben Wochen. Ausführlicher will die WHO am Dienstag über die Ergebnisse berichten.

Der Leiter WHO-Expertenmission für  Bruce Aylward mit Mundschutz und Diagramm
Reuters/Thomas Peter
Der Leiter der Expertenkommission, Bruce Aylward, lobte in Peking die Reaktion Chinas

Die Zahl der Viruserkrankungen in Festland-China stieg nach Angaben der Behörden am Montag um 508. Am Vortag hatte das Land 409 neue Fälle gemeldet. Damit liegt die Zahl der Erkrankten nun bei insgesamt 77.658. Die Zahl der Toten stieg um 71 nach 150 am Tag zuvor. Allein in der Provinz Hubei wurden 68 der 71 Toten gemeldet und 499 der insgesamt 508 Neuerkrankungen. Insgesamt starben damit bis jetzt 2.663 Menschen in China an den Virusfolgen.

Zahl der Toten in Italien gestiegen

Auch in Europa stieg die Zahl der Toten. In Norditalien wurden insgesamt bereits sieben Todesopfer gemeldet, die Zahl der Infektionsfälle stieg auf über 220, wie der italienische Zivilschutz Montagabend bekanntgab. Am Abend starb ein 62-Jähriger aus der Ortschaft Castiglione d’Adda. Nur wenige Stunden zuvor war der Todesfall eines 80-Jährigen bestätigt worden, der ebenfalls aus der lombardischen Gemeinde Castiglione d’Adda kam.

Der Ort zählt zu den zehn Gemeinden der lombardischen Provinz Lodi, in denen das Coronavirus am Freitag ausgebrochen war. Untertags wurde auch über den Tod einer weiteren Patientin in der Lombardei berichtet – die Gesundheitsbehörden gaben aber später bekannt, dass die Frau nicht an den Folgen des Coronavirus verstorben sei.

Krisenstab in Udine

In Udine tagte ein Krisenstab mit Gemeindevertretern und Zivilschutz. ORF-Korrespondent Christof Glantschnig berichtet über die Ergebnisse.

Zivilschutzchef Angelo Borrelli versicherte, dass Italien trotz der Infektionsfälle ein sicheres Land sei. „Man kann unbesorgt nach Italien reisen“, meinte der Zivilschutzchef. Die meisten Infizierten kamen aus der Lombardei, wo zehn Gemeinden in der Provinz Lodi zu Sperrzonen erklärt wurden. Sie liegen in der Nähe von Mailand, der zweitgrößten Stadt Italiens und dem Finanzzentrum des Landes. Borrelli sagte später, dass unterdessen eine Person mittlerweile genesen sei.

Offenbar erster Fall in Südtirol

In Südtirol wurde unterdessen offenbar ein erster Coronavirus-Fall gemeldet. Ein junger Mann, der beim ersten Versuch negativ getestet worden war, wies bei einem zweiten Test ein positives Ergebnis auf, berichtete das Südtiroler Nachrichtenportal Stol.it. Auch das Land Südtirol bestätigte auf Twitter, dass ein Test positiv ausgefallen sei – es gebe aber noch keine endgültige Bestätigung von der zuständigen Behörde. Beim Mann dürfte es sich um die neunte in Südtirol kontrollierte Person handeln, bei der sich wie bei den anderen der Verdacht zuerst nicht bestätigt hatte. Der infizierte Mann soll keine Krankheitssymptome aufweisen.

Karneval und Sportveranstaltungen abgesagt

Das öffentliche Leben in Italien wird dennoch beeinträchtigt. So wurde etwa der Karneval in Venedig, der noch bis Dienstag gehen sollte, vorzeitig abgebrochen. Die italienische Fußballliga will Fußballspiele vor leeren Rängen stattfinden lassen. Der Präsident der Serie A, Paolo Dal Pino, bat in einem Brief an die Regierung, die Ligapartien in den vom Coronavirus betroffenen Gebieten nicht auszusetzen, wie die Nachrichtenagentur ANSA am Montag berichtete.

Krisentreffen von Gesundheitsministern

Wegen der Ausbreitung des Coronavirus findet am Dienstag nun ein Krisentreffen in Rom statt. Die italienische Regierung lud dazu unter anderem die Gesundheitsminister der Nachbarländer ein. Auch der österreichische Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) wird an der Sitzung in der italienischen Hauptstadt teilnehmen. Bei dem Treffen soll nach Angaben des italienischen Zivilschutzes über mögliche gemeinsame Maßnahmen beraten werden.

Virologin zum Coronavirus

Die Virologin Elisabeth Puchhammer-Stöckl sprach in der ZIB2 über das Coronavirus – unter anderem über die Ansteckungsgefahr und über mögliche Auswirkungen auf die kommende Reisezeit.

Mehr Tote im Iran

Die Zahl der gemeldeten Covid-19-Opfer im Iran ist unterdessen auf zwölf gestiegen. Das bestätigte Gesundheitsminister Saeid Namaki am Montag. Laut Ministeriumssprecher Kianusch Dschahanpur sind bislang insgesamt 61 Menschen aus sechs verschiedenen Teilen des Landes positiv auf das Virus getestet worden. Im Nachbarland Afghanistan wurde am Montag der erste Fall einer Erkrankung bestätigt. Er sei in der Provinz Herat im Westen des Landes aufgetreten – Afghanistan hat nun vorübergehend seine Grenze zum Iran geschlossen. Auch auf der Arabischen Halbinsel bestätigten mehrere Staaten erste Fälle des Coronavirus.

Vierter Passagier der „Diamond Princess“ tot

Aus Südkorea wurden 60 neue Infektionen gemeldet, vor allem bei Mitgliedern einer christlichen Sekte. Damit stieg die Zahl der infizierten Menschen im Land nach Angaben der Gesundheitsbehörden auf 893. Die US-Zentren für Seuchenkontrolle und Prävention raten Amerikanern bereits, alle unnötigen Reisen nach Südkorea zu vermeiden.

In Japan starb unterdessen ein vierter Passagier des Kreuzfahrtschiffes „Diamond Princess“. Der Mann sei über 80 Jahre alt gewesen, meldete der Sender NHK. Auch in Japan stieg die Zahl der Patienten. Es wird erwartet, dass die Regierung im Laufe des Dienstags eine Reihe von Maßnahmen zur Bekämpfung des Problems vorstellt.

EU-Agentur sieht „moderate“ Ansteckungsgefahr

Die Gefahr einer Ansteckung mit dem Coronavirus ist für Europäerinnen und Europäer nach EU-Einschätzung derzeit „niedrig bis moderat“. Alle bisher berichteten Fälle in der Europäischen Union hätten klare epidemiologische Verbindungen, erklärte das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) am Montag.

Man habe Maßnahmen ergriffen, um die weitere Ausbreitung zu begrenzen. Die Wahrscheinlichkeit einer weiteren Übertragung innerhalb der EU werde als gering angesehen, teilte die EU-Agentur weiter mit. Weitere Übertragungen könnten aber wegen einer Reihe von Unsicherheiten und unvorhersehbarer Faktoren auch nicht ausgeschlossen werden. Als „moderat bis hoch“ schätzt das Zentrum das Risiko ein, dass sich Fälle wie derzeit in Italien häufen. Eine solche Ausbreitung könne von Fällen mit leichten Symptomen ausgehen, wegen denen die Erkrankten keinen Arzt aufsuchen.