Polizist sichert ein gesperrtes Gebiet in Italien
AP/Antonio Calanni
Italien riegelt Norden ab

16 Mio. Menschen unter Quarantäne

Im Kampf gegen die Ausbreitung des Coronavirus schränkt die italienische Regierung die Bewegungsfreiheit von rund 16 Millionen Bürgern in Norditalien drastisch ein. Ministerpräsident Giuseppe Conte verkündete Sonntagfrüh via Twitter, dass die wirtschaftsstarke Lombardei und 14 andere Gebiete weitgehend abgeriegelt würden. Er habe das entsprechende Dekret unterschrieben.

Davon betroffen sind die Millionenstadt Mailand und die Touristenhochburg Venedig ebenso etwa wie Parma in der Region Emilia-Romagna. Außerdem bestätigte beziehungsweise verhängte die Regierung den Angaben nach Einschränkungen für ganz Italien wie den Stopp für Kinos, Theater, Museen, Demonstrationen und viele andere Veranstaltungen. Die neuen Sperrgebiete sollten von sofort bis zunächst zum 3. April gelten.

Italien ist das Land in Europa mit den meisten bestätigten SARS-CoV-2-Infektionen. Die Zahl der Infizierten und Toten steigt trotz umfangreicher Gegenmaßnahmen stetig an. Bis Samstag zählten die Behörden mehr als 5.800 Menschen mit einer Infektion. Mehr als 230 Menschen davon sind gestorben.

„Wir werden es zusammen schaffen“

„Wir werden es zusammen schaffen“, sagte der Premier. Die Bevölkerung müsse jedoch aktiv zur Eindämmung des Virus kooperieren. Conte sagte, er übernehme die „politische Verantwortung“ für den in Europa beispiellosen Beschluss, die Lombardei und 14 Provinzen unter anderem in der Emilia-Romagna und Venetien im Norden unter Quarantäne zu stellen. Die Maßnahme gilt bis zum 3. April. Conte, der seine Maßnahmen als „mutig“ bezeichnete, dementierte, dass die Regierung ganz Norditalien zum Erliegen bringen wird.

Aus beruflichen oder gesundheitlichen Gründen werde man weiterhin reisen können. Die Polizei werde Personen jedoch aufhalten und sie nach dem Grund ihrer Reise fragen können. Die Jugendlichen rief Conte auf, zu Hause zu bleiben und damit die Gesundheit ihrer älteren Angehörigen zu schützen.

Besondere Regeln für Bars und Restaurants

Bars und Restaurants dürfen in den Quarantänegebieten nur ihren Betrieb fortsetzen, wenn ein Mindestabstand zwischen den einzelnen Gästen und Mitarbeitern von einem Meter eingehalten wird. Diese Regelung betrifft auch religiöse Orte wie Kirchen, Zeremonien wie Taufen und Hochzeiten müssen verschoben werden.

Die neuen Ankündigungen der Regierung dürften den Alltag der insgesamt rund 60 Millionen Bürger weiter verändern, nachdem die bisher schon getroffenen Maßnahmen wie landesweite Schulschließungen bereits viele tagtäglich treffen. Allein in der Lombardei leben zehn Millionen Menschen, davon knapp 1,4 Millionen in Mailand. Die Region ist das wirtschaftliche und industrielle Herz Italiens. Überdies wurden Rufe nach einer Absage der Fußballmeisterschaft immer lauter. Sportminister Vincenzo Spadafora setzte sich für eine sofortige Aussetzung der Serie-A-Spiele ein.

Polizei bereitet sich auf Abriegelung eines Bahnhofs in Mailand vor
Reuters/Alex Fraser
In Mailand bereiteten sich Militär sowie Polizei darauf vor, die Stadt abzuriegeln

Einige tausend Österreicher in Norditalien

Einige tausend Österreicher halten sich derzeit in den unter Quarantäne gestellten roten Zonen Norditaliens auf. „Wir schätzen, dass in der Nacht bereits zahlreiche Personen aus den sogenannten roten Zonen zurückgekehrt sind“, sagte Peter Guschelbauer, Sprecher des Außenministeriums, am Sonntag der APA.

Trotz der Reisebeschränkungen glaube man, dass Menschen, die in den unter Quarantäne gestellten Regionen ihren Wohnsitz haben, zurückkehren können, wenn sie außerhalb weilen. „Wir haben unsere Reiseinformationen aktualisiert und alle Auslandsösterreicher bzw. bei uns registrierten Reisenden via SMS und Mail informiert“, sagte Guschelbauer. Man müsse bei Reisen in den fraglichen Regionen mit Behinderungen im Verkehr rechnen.

Venetien protestiert

Die Region Venetien und einige Bürgermeister der betroffenen Städte halten das beschlossene Ein- und Ausreiseverbot als zu strenge Maßnahme. Die Gefahr sei, dass die norditalienische Wirtschaft ganz zum Erliegen komme. Den Regierungsbeschluss, die venezianischen Provinzen Padua, Treviso und Venedig unter Quarantäne zu stellen, bezeichnete die Region Venetien aufgrund der epidemiologischen Zahlen als „übertrieben“.

Auch der Bürgermeister der piemontesischen Stadt Asti, Maurizio Rasero, sagte, die sanitäre Lage sei in seiner Provinz unter Kontrolle. Der Regierungsbeschluss, die rote Zone auf seine Provinz auszudehnen, sei ungerechtfertigt. Er sei von Hunderten Anrufen besorgter Bürger überflutet, die befürchten, nicht mehr die Region verlassen zu können. Auf den Facebook-Seiten der von der Maßnahme betroffenen Gemeinden hagelt es Kritik von Bürgern, die Einschränkungen im Alltag befürchten. So bangen viele um ihren Job, vor allem im Tourismus, im Kulturbereich und in der Industrie. Auch die Logistik- und Transportbranche befürchtet Einschränkungen.

Regionen im Süden verschärfen Vorsichtsmaßnahmen

Inzwischen wurden am Sonntag Busstationen in der Lombardei von Menschen bestürmt, die in Richtung Mittel- und Süditalien reisen wollten. Sie befürchten, bald die Lombardei nicht mehr verlassen zu können. Auf dem Mailänder Flughafen Linate berichtete das Personal, dass viele Passagiere ihre für nächste Woche geplanten Geschäftsreisen vorverlegt haben. Der Airport Linate dient vor allem Binnenflügen.

Die süditalienischen Regionen ergreifen indes Vorsichtsmaßnahmen, um eine Ausbreitung des Coronavirus zu verhindern. Personen, die die Sperrzone in Norditalien verlassen haben und nach Kampanien, Sizilien und Basilikata reisen, müssen sich einer zweiwöchigen Heimquarantäne unterziehen, beschlossen die Präsidenten der drei süditalienischen Regionen.

Personalknappheit in Spitälern

Angesichts der zunehmenden Schwierigkeiten des lombardischen Gesundheitssystems könnten Patienten auch auf Krankenhäuser anderer Regionen verteilt werden. Die Regierung bemühe sich um neue medizinische Einrichtungen, hieß es seitens der Regierung zudem. Damit soll die Zahl der Plätze auf den Intensivstationen erhöht werden. Die Produktion von Atemschutzmasken in Italien wird aufgestockt.

Denn das Personal in den lombardischen Spitälern wird immer knapper: Viele von ihnen hätten sich infiziert oder seien unter Quarantäne, hieß es. Davor hatten die auf den Intensivstationen eingesetzten Krankenpfleger gewarnt, dass sich trotz des großen Engagements des sanitären Personals die Epidemie weiterhin ausbreite.

ORF-Korrespondentin Katharina Wagner berichtet aus Rom

ORF-Korrespondentin Katharina Wagner berichtet über die aktuelle Lage in Italien.

Zur Stärkung des Gesundheitswesens sagte das Kabinett zuvor die Einstellung von Personal für 20.000 Stellen zu, darunter Fachärzte und Krankenschwestern. Auch soll medizinisches Personal im Ruhestand wieder aktiviert werden, wie es hieß. Außerdem sollen Behörden bis zum Ende des Coronavirus-Notfalls sowohl medizinische Güter als auch Möbel etwa für Menschen in Quarantäne einziehen dürfen. Dafür soll an Eigentümer ein vor der Krise marktüblicher Preis gezahlt werden, hieß es.

Einschränkungen im Justizsystem

Schon am Samstagvormittag gab die Regierung in Rom bekannt, dass für rund zweieinhalb Monate bis Ende Mai Einschränkungen im Justizsystem möglich werden, etwa bei Prozessen und anderen öffentlichen Terminen, wie die Regierung am frühen Samstagmorgen in Rom mitteilte.

Prozesse zu nicht schweren Taten dürfen damit verschoben werden, wie Medien schrieben. Die Details sollten jeweils lokal bestimmt werden. Ausgenommen sind den Berichten nach zum Beispiel eilige Angelegenheiten, etwa in Bezug auf Festnahmen. Auch sollten mehr Anhörungen in Form von Videokonferenzen stattfinden, erläuterte Justizminister Alfonso Bonafede vor der Presse.

Das Dekret „wird die Verschiebung nicht dringender Anhörungen ermöglichen“, zitierte die Zeitung „La Repubblica“ den Minister. Ab sofort werde die Arbeit der Justizämter für zwei Wochen – wie in der Sommerpause – ausgesetzt. Ab dem 23. März gelten dann die neuen Möglichkeiten der Verschiebung.

Bank will 100 Mio. Euro spenden

Die italienische Großbank Intesa Sanpaolo will bis zu 100 Millionen Euro zur Bekämpfung der Virusepidemie spenden. Zudem werde Intesa Sanpaolo Unternehmen fünf Milliarden Euro an Krediten zur Verfügung stellen, davon rund eine Milliarde für den Tourismussektor. Dieser Betrag könne verdoppelt werden, wenn Rom staatlich abgesicherte Garantien für die neuen Kreditlinien anbiete.

Mehrere Minister der italienischen Regierung ließen sich unterdessen laut Medienangaben auf das Coronavirus testen – unter anderem Wirtschaftsminister Roberto Gualtieri und Kulturminister Dario Franceschini. Dieser Schritt wurde als Vorsichtsmaßnahme ergriffen, nachdem der Chef der Sozialdemokraten, Nicola Zingaretti, am Samstag verkündet hatte, positiv auf das Covid-19 getestet worden zu sein. Mehrere Minister aus den Reihen der Sozialdemokraten hatten in den vergangenen Tagen Kontakt zu Zingaretti. Der Bürgermeister von Florenz und PD-Mitglied, Dario Nardella, begab sich freiwillig in Quarantäne.

ÖBB stellen Nachtzugsverbindungen nach Oberitalien ein

Aufgrund der aktuellen Entwicklungen in Italien im Zusammenhang mit dem Coronavirus stellen die ÖBB ihre Nachtzugsverbindungen nach Oberitalien ein. Betroffen davon sind der ÖBB Nightjet nach Mailand und jener nach Venedig.

Aufgrund der verschärften Reisewarnungen für die Regionen Lombardei und Venetien werden darüber hinaus fortan keine ÖBB-Zugsbegleiter sowie im Auftrag der ÖBB tätiges Catering-Personal mehr in diese italienischen Regionen fahren, so ÖBB-Kommunikationschef Sven Pusswald in einer Aussendung. Ebenso eingestellt werde die InterCity-Busverbindung von Klagenfurt/Villach nach Venedig.

Fieberchecks ab Montag an Grenze

Die Tageszugsverbindungen nach Bologna, Udine, Triest, Verona und Venedig bleiben laut ÖBB bis auf Weiteres aufrecht, da diese Züge auf italienischer Seite von italienischen Partnerbahnen geführt werden. Die ÖBB betonten in der Aussendung, dass Züge von und nach Italien einer zusätzlichen Reinigung und Desinfektion unterzogen werden.

Zugsverbindungen nach Bozen in Südtirol würden von den ÖBB ebenso weitergeführt wie bis auf Weiteres der ÖBB Nightjet nach Rom. Die Auswirkungen auf Fahrgäste schätzen die ÖBB derzeit gering ein, da die Buchungslage für Züge nach Italien in den letzten Wochen deutlich gesunken sei. Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) kündigte am Freitag an, dass ab Montag bei Einreisenden nach Österreich an der Grenze zu Italien Fieberchecks durchgeführt werden sollen – mehr dazu in kaernten.ORF.at.