Warteschlange im Straßenverkauf während des Lockdowns in Indien
Reuters/Francis Mascarenhas
Armut, Enge, Ungleichheit

Indien droht schwere CoV-Krise

Während der Kampf gegen das Coronavirus Europa bis aufs Äußerste fordert, meldet Indien aktuell noch verhältnismäßig wenige Fälle. De facto drohen dem zweitbevölkerungsreichsten Land der Welt katastrophale Infektionsraten. Das öffentliche Leben in Indien wurde mittlerweile stillgelegt – 1,3 Milliarden Menschen sind vom größten „Lock-down“ der Welt betroffen. Doch ob das reicht, um eine Katastrophe zu vermeiden, ist offen. Alte soziale Probleme drohen das Land in der Krise einzuholen.

Laut den Zahlen der Johns-Hopkins-Universität verzeichnete Indien bis Samstagabend 933 bestätigte Fälle und 20 Todesopfer. Das sind weniger Infektionen, als Island gemeldet hat – allerdings hat der nordische Inselstaat 360.000 Einwohner, Indien hingegen fast 1,4 Milliarden. Von einer extrem hohen Dunkelziffer in dem zweitbevölkerungsreichsten Land der Erde wird jedoch ausgegangen. Es wird nur wenig getestet – bis Freitag gab es laut der zuständigen Behörde 27.688 Tests.

Verschärft wird die Situation durch die Armut und die Lebensbedingungen – die Bilder der extrem überfüllten Städte sind bekannt. Angesichts dessen hatten Fachleute ausufernd hohe Infektionszahlen kalkuliert. Der Virologe Ramanan Laxminaraya sprach gegenüber der BBC von einem „Tsunami“ an Coronavirus-Fällen, das Land könne nur zusehen, wie dieser sich annähert.

40.000 nach religiösem Fest in Quarantäne

Aktuelle Entwicklungen schürten die Angst. Am Freitag wurden laut einem Bericht der BBC 40.000 Menschen aus 20 Dörfern in Quarantäne geschickt, nachdem sie mit einem „Superspreader“ („Superverbreiter“) Kontakt hatten. Es soll sich dabei um einen 70-jährigen Mann handeln, der kürzlich an Covid-19-Erkrankung gestorben war – er hatte sich in Italien infiziert. Kurz vor seinem Tod hatte er das mehrtägige Sikh-Fest Hola Mohalla in Anandpur Sahib besucht, zu dem Tausende Menschen zusammenkommen.

Polizisten in Schutzkleidung kontrollieren Quarantäne
Reuters/Amit Dave
Einsatzkräfte in Ahmedabad

Eine Woche nach seinem Tod hatte der Mann bereits 19 Verwandte angesteckt, mit mindestens 550 weiteren Menschen soll er in Kontakt gewesen sein. Die Zahl dürfte noch steigen. Der Fall erinnert an jenen in Südkorea, wo es Tausende Ansteckungen bei Zusammenkünften der durch die christlichen Sekte Shincheonji Church of Jesus gegeben hatte. In Indien gibt es zudem den Verdacht, dass eine mit dem Virus infizierte Gruppe von Ärzten in der Stadt Bhilwara Hunderte Menschen angesteckt haben könnte.

Die größte Ausgangssperre der Welt

Angesichts dieser Entwicklungen wurde vor vier Tagen in Indien eine strenge, 21-tägige Ausgangssperre verhängt. Mit Dienstagmitternacht wurde das Land „vollständig abgeriegelt“, so Premierminister Narendra Modi. Sollte diese Sperre nicht eingehalten werden, werde die Entwicklung des Landes um 21 Jahre zurückgeworfen, warnte Modi in einer Fernsehansprache.

Der indische Premierminister Narendra Modi
APA/AFP/
Modi steht – wie viele Regierungschefs – wohl vor der größten Probe seiner Amtszeit

Seither sind 1,3 Milliarden Menschen dazu aufgefordert, das Haus nur für notwendige Einkäufe zu verlassen. Allerdings gehören Obdachlosigkeit und schlechte Wohnverhältnisse zu den zentralen sozialen Problemen Indiens. Schätzungen zufolge haben 1,8 Millionen Menschen gar kein Zuhause, 73 Millionen leben in eng besiedelten Slums oder in sonstigen unzureichenden Verhältnissen.

Distanz ist ein Privileg, für das viele schlicht und ergreifend zu arm sind. Gleich am ersten Tag der Ausgangssperre kursierten Bilder von Menschenmassen, die sich dicht gedrängt bei Essensausgaben anstellen. Gleichzeitig gab es Berichte über Polizeigewalt bei der Durchsetzung der Ausgangssperre. Ein online verbreitetes Video zeigte etwa, wie ein mit Schlagstock bewaffneter Polizist Jugendliche dazu zwang, sich mit Froschsprüngen zu entfernen.

Tausende Wanderarbeiter gestrandet

Für die indische Wirtschaft, angetrieben von der konsumfreudigen Mittelklasse, dürfte die Ausgangssperre zur ökonomischen Katastrophe werden, sie ist aber quasi alternativlos. Die Verkündung selbst traf viele Inder und Inderinnen laut Medienberichten vollkommen unvorbereitet. Auf der einen Seite kam es zu Hamsterkäufen, auf der anderen Seite verloren viele auf einen Schlag ihre Arbeit.

Weil zudem öffentliche Verkehrsmittel inklusive Zügen und Flugzeugen den Betrieb minimierten, waren zahlreiche Wanderarbeiter und -arbeiterinnen gestrandet. Sie geraten nun in existenzielle Nöte – informelle Beschäftigung und Schattenwirtschaft stehen in dem Land an der Tagesordnung. Zum Schutz der Existenz der Ärmsten schnürte die Regierung am Donnerstag ein Rettungspaket im Wert von umgerechnet etwa 21 Milliarden Euro.

Menschen halten Abstand in Warteschlange bei einem improvisierten Markt
Reuters/Idrees Mohammed
Ein Gemüsemarkt, bei dem ebenfalls Abstand gehalten werden muss

Wie die „Times of India“ berichtete, wurden in der Hauptstadt Delhi zudem 325 Schulen in Obdachlosenunterkünfte umgewandelt. Ab Samstag wollte die Regierung laut dem Bericht dort 400.000 Menschen verpflegen. Das Hilfspaket erntete aber auch heftige Kritik. Es sei gemessen am BIP viel kleiner als jene anderer Länder und sehe keine Unterstützung für jene zahlreichen Menschen vor, die im informellen Sektor oder als Wanderarbeiter tätig sind, kritisierte etwa der „Atlantic“.

Eine große Kluft gibt es auch bei der medizinischen Betreuung – allerdings ist die Kapazität hier angesichts der drohenden Gefahren per se schon zu gering. Laut einer Studie der Denkfabrik Brookings kommen in Indien auf 1.000 Menschen 0,55 Spitalsbetten, in Österreich sind es 7,2. Die Zahl für Indien sei „katastrophal tief“, so die Forscher. Auch der Bedarf an Beatmungsgeräten könnte zu einem großen Problem werden – die Studie geht von maximal 17.850 bis 25.500 Beatmungsgeräten aus. Sie fordert deswegen einen raschen Ausbau der medizinischen Kapazitäten.