Menschen mit Schutzmaske in der salzburger Getreidegasse
APA/Barbara Gindl
Schrittweise Lockerung

Warnen vor der „zweiten Welle“

Am Montag hat die Regierung ihre Pläne zu schrittweisen Lockerung der Coronavirus-Maßnahmen vorgestellt. Als eines der ersten Länder Europas wird Österreich sich von den ganz strengen Maßnahmen Stück für Stück verabschieden. Doch nicht nur die Regierung selbst machte bereits deutlich: Die Aufgabe könnte herausfordernder werden als in den vergangenen Wochen. Die Gefahr einer „zweiten Welle“ ist noch nicht gebannt.

„Sehr schwierig“ und ein „großes Unterfangen“ war die Abflachung der Kurve laut Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne). „Die kontrollierte Öffnung wird aber aus meiner Sicht noch deutlich schwieriger werden. Da steht ganz viel auf dem Spiel“, sagte der Minister am Montag hinter eine Scheibe aus Plexiglas.

Dass die transparente Schutzwand bisweilen an eine Windschutzscheibe gemahnte, mag dabei gar keine so unpassende Assoziation gewesen sein. Wie bereits in den vergangenen Wochen fährt die Regierung auch in der Zeit nach Ostern auf Sicht – und die reicht nicht besonders weit. „Es gibt wenige internationale Referenzbeispiele, und es ist für uns alle nicht im Detail vorhersehbar, wie sich die Ausbreitung der Krankheit entwickeln wird“, sagte Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP).

Gefahr der reinen Verschiebung

In einem Punkt sind sich die Modelle allerdings weitgehend einig: Sollten die strengen Maßnahmen von einem auf den anderen Tag einfach aufgehoben werden, stünde die Gesellschaft im Grunde wieder am Ausgangspunkt. Die Zahl der Infizierten würde erneut exponentiell steigen. Schnell käme die zuletzt auch mehrmals vom Kanzler zitierte „zweite Welle“ angerollt – und die würde sich im Grunde nicht von der ersten unterscheiden.

Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) und Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüpne)
APA/Helmut Fohringer
Auch die Regierung trug am Montag Mund-Nasen-Schutz

Auf natürlichem Weg verlangsamt sich die Ausbreitung erst dann, wenn zunehmend mehr Menschen eine Infektion überstehen und immun werden. Damit die Ausbreitungskurve nicht mehr weiter ansteigt, müssten sich nach gängiger Meinung rund zwei Drittel der Bevölkerung infiziert haben – die vielzitierte Herdenimmunität.

Allerdings – und auch das bezweifelt zurzeit kaum jemand: Geht das zu schnell, bringt es selbst ein gut ausgebautes Gesundheitssystem an seine Grenzen oder darüber hinaus. Entsprechende Einschränkungen, wie sie gerade weltweit Regierungen verordnet haben und verordnen, sollen die Ausbreitung deshalb auf künstlichem Weg verlangsamen. Fallen sie weg, ist der bremsende Effekt allerdings wieder vorbei. Der Wellenberg wäre dann nur nach hinten verschoben.

Fragen zur Dunkelziffer

Dass strenges „Social Distancing“ aber – zumindest auf Zeit – Erfolg hat, zeigte sich in den vergangenen Wochen auch hierzulande: Laut Gesundheitsminister Anschober verdoppelt sich die Zahl der Infektionen zurzeit nur noch alle 16,5 Tage. Mitte März habe es dafür nur 3,6 Tage gebraucht. Der Gesundheitsminister bezog sich dabei freilich nur auf die bestätigten Fälle. Was sich abseits der Testungen an Infektionen ereignet, entzieht sich den Statistiken weitgehend.

Etwas Licht ins Dunkel soll eine Stichprobenuntersuchung von SORA bringen. Rund 2.200 Menschen hat das Sozialforschungsinstitut dafür in den vergangenen Tagen im Auftrag des Wissenschaftsministeriums getestet. Ein Ergebnis wird für die kommenden Tage erwartet. Kurz sprach bereits am Montag, mit Berufung auf „erste Zwischenergebnisse“, von einer Dunkelziffer im „Promillebereich“. Insgesamt dürfe die „Durchseuchung“ bei etwa einem Prozent liegen, so der Kanzler. Stimmen diese Zahlen, würde das eine Zahl von maximal 88.000 Fällen bedeuten. Das wären zwar rund siebenmal so viele wie bestätigte Fälle – aber deutlich weniger als bisweilen vermutet. Von einer Herdenimmunität wäre Österreich jedenfalls noch mehrere Millionen Infizierte entfernt.

Neue Maßnahmen als Ersatz

Geht es nach den Plänen der Bundesregierung, soll das auch noch auf längere Sicht so bleiben. Begleitend zu der schrittweisen Lockerung der Ausgangsbeschränkungen kommt auf die Menschen in Österreich eine ganze Reihe neuer Maßnahmen zu. Dazu gehört zum Beispiel, dass ein Nase-Mund-Schutz künftig nicht nur im Supermarkt, sondern auch in allen anderen – wieder geöffneten – Geschäften zu tragen ist. Das Gleiche gilt beim Benutzen von öffentlichen Verkehrsmitteln. Man werde „überall dort, wo es Öffnungen gibt, ebenfalls diesen Mundschutz realisieren“, sagte dazu Anschober.

Dazu sollen laut dem Gesundheitsminister ein „umfassendes Controlling“ sowie weitere Stichprobentests „von Zeit zu Zeit“ kommen. Auch Antikörpertests will das Gesundheitsministerium in Zukunft verstärkt einsetzen, „vor allem dort, wo es um Hotspots geht“, so der Ressortchef. Zusätzlich will die Regierung in ihrer „Containment-Strategie“ auch auf „digitale Applikationen“ setzen. Wenngleich inzwischen feststehen dürfte, dass die vom Roten Kreuz entwickelte „Stopp Corona“-App nur auf freiwilliger Basis erfolgen soll.

„Jederzeit Notbremse ziehen“

Die Stoßrichtung hinter den neuen Maßnahmen ist klar: Die Neuinfektionen sollen trotz gelockerter Beschränkungen nicht wieder stark steigen. Und sollten sie es doch tun, will die Regierung auf jeden Fall verhindern, dass das unbemerkt geschieht – und möglichst schnell gegensteuern. „Wir werden durch diese Maßnahmen in der Lage sein, dass wir jederzeit, wenn etwas schiefgehen würde, auch die Notbremse ziehen könnten“, formulierte es Anschober.

Menschen mit Schutzmasken in einem Supermarkt
APA/Roland Schlager
Stoff vor Mund und Nase soll mithelfen, die „zweite Welle“ zu verhindern

Die Ausführungen der Regierung ließen am Montag an einen Text denken, der in den vergangenen Tagen millionenfach in den Sozialen Netzwerken geteilt wurde: Der US-Autor Tomas Pueyo umriss darin Mitte März, wie Regierungen die Epidemie unter Kontrolle bringen und halten könnten. „Hammer und Tanz“ lautet der Titel des Aufsatzes. Laut Pueyo muss einer kurzen Zeit der ganz harten Einschnitte – von ihm als „Hammer“ bezeichnet – eine längere Periode des „Tanzes“ folgen. In dieser zweiten Phase müssten die Behörden ganz genau beobachten, wie sich die Infektionskurven entwickelten – und entsprechend reagieren.

Für den Tech-Entrepreneur heißt das freilich auch – falls notwendig –, wieder härtere Einschnitte zu setzen. In den Worten von Anschober ließe sich das wohl mit „die Notbremse ziehen“ übersetzen. Nur: Zu welchem Zeitpunkt, wie fest und wie lange diese gezogen werden muss, sind große Unbekannte.

Große Unsicherheiten

„Wir werden da herumlavieren müssen“, umschrieb es am Wochenende auch Niki Popper von der TU Wien. Der Mathematiker und sein Team haben mit ihren Prognosemodellen den Diskurs rund um die Epidemie maßgeblich mitgeprägt. Und Popper sitzt auch in jenem Expertengremium, das die Regierung in der Coronavirus-Krise berät. Auch am Montag warnte er erneut davor, sich noch nicht auf einem „sicheren Weg“ zu wähnen. Trotz der bisherigen Erfolge „könnten wir wieder an den Startpunkt kommen“. Und weiter als wenige Tage ließe sich mit den Prognosen nicht nach vorne blicken, so Popper.

Unsicherheiten in der Prognose bedeuten in dem Fall aber große Unsicherheit für die Gesellschaft. Was heißt das, würden plötzlich Geschäfte erneut geschlossen werden? Welche Auswirkungen hätte es, müssten die Schulen wieder zusperren? Lassen sich große Industriebetriebe so einfach hoch und dann – im Bedarfsfall – wieder runterfahren? Und wie lange muss dieser Zustand, diese laut Kurz „neue Normalität“ aufrechterhalten werden?

Viele kleine Wellen

Bis eine Impfung auf dem Markt ist, können noch Monate, wenn nicht gar Jahre vergehen. Schneller verfügbar sind womöglich Medikamente, mit denen sich die schweren Covid-19-Fälle gut behandeln lassen. Aber auch da ist der große Durchbruch noch nicht in Sicht. Der deutsche Epidemiologe Martin Eichner brachte vor wenigen Tagen gegenüber der ARD-„Tagesschau“ deshalb eine Art verschärfte Version von Pueyos Tanz ins Spiel.

„Um schneller eine hohe Immunisierung der Gesellschaft zu erreichen, müsste man die Kontakte wieder zulassen, und zwar so lange, bis die Infektionszahlen wieder so stark steigen, dass es gesellschaftlich und für das Gesundheitssystem fast untragbar wird.“ Sei die Infektionswelle dann in vollem Gang, „müsste man noch einmal intervenieren und die Kontakte unterbrechen, vielleicht sogar noch stärker als jetzt“, sagte Eichner. Das müsse so oft passieren, bis eine Grundimmunisierung der Gesellschaft erreicht sei. Dass die Bevölkerung ein solches Vorgehen tatsächlich mittragen würde beziehungsweise könnte, hielt der Epidemiologe an der Uni Tübingen allerdings selbst für fraglich.

Musterschülern droht Lock-down

Sicher scheint im Moment allerdings, dass eine zweite oder auch dritte Welle wohl jedem Land droht, das mit dem Coronavirus kämpft. Wie schwierig sich die Eindämmung der Epidemie bewerkstelligen lässt, machten zuletzt Singapur und Hongkong deutlich. Lange galten die beiden Stadtstaaten als Musterbeispiele dafür, wie sich die Ausbreitung des Virus begrenzen lässt – durch konsequente Tests, Tracking und zielgenaue Isolationen: alles Maßnahmen, die nun auch in Österreich das schrittweise Hochfahren des öffentlichen Lebens begleiten sollen.

Menschen mit Schutzmasken in Singapur
APA/AFP/Roslan Rahman
Singapur hatte in den vergangenen Wochen mit steigenden Infektionszahlen zu kämpfen

Doch im Laufe der vergangenen Wochen hatten beide Länder mit schnell steigenden Fallzahlen zu kämpfen. Als Ursache dafür gelten vor allem Menschen, die aus dem Ausland zurückkamen und das Virus mitbrachten – und das engmaschige Überwachungsnetz überforderten. Inzwischen droht beiden Städten der Lock-down.

Aber auch ein anderer Vorzugsschüler bekam zuletzt Probleme: Japans Weg, vor allem Ansteckungsfälle konsequent nachzuverfolgen und Cluster auszumachen, schien sich als erfolgreich zu erweisen. Doch nun sieht sich auch der Inselstaat mit schnell ansteigenden Infektionszahlen konfrontiert. Der Tanz mit dem Coronavirus dürfte auch hier noch viele Pirouetten drehen.