Amazon-Angestellte am Fließband
Reuters/Philippe Wojazer
Coronavirus

Aufruhr gegen Amazon

Der US-Onlinehändler Amazon kommt aus den Negativschlagzeilen im Umgang mit seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern nicht heraus. Der laut Medien „große Krisengewinner“ der Pandemie steht wegen des Virus in den USA unter verstärkter Prüfung. In Frankreich gab es gar bereits ein Urteil wegen des mangelnde Coronavirus-Schutzes für die Belegschaft.

Nach dem Urteil legt Amazon seine Logistikzentren in Frankreich still und ließ offen, wann sie wieder öffnen werden. Er könne dafür aktuell keinen Termin nennen, sagte Amazon-Frankreich-Chef Frederic Duval am Donnerstag. Ein Gericht hatte Anfang der Woche entschieden, dass die Mitarbeiter der Logistikzentren nicht ausreichend gegen Coronavirus-Gefahren geschützt seien.

Amazon müsse sich auf Bestellungen von Nahrungsmitteln sowie Hygiene- und Medizinartikeln beschränken, bis die Schutzmaßnahmen verbessert sind, so ein Gericht in Nanterre bei Paris. Angesichts der drohenden Strafe von einer Million Euro pro Verstoß sei das Risiko einer solchen Lösung jedoch zu hoch, sagte Duval dem Radiosender RTL. „Ich kann nicht genau definieren, was ein Hygieneartikel ist – gehört ein Nagelknipser dazu? Und sind Präservative ein medizinisches Produkt? Ich weiß es nicht.“

Amazon-Mitarbeiterin in Saran
Reuters/Philippe Wojazer
Die Lager von Amazon sind riesig

Andere Länder sollen einspringen

Ein am Mittwoch zusammengetretener Sozial- und Wirtschaftsausschuss des Unternehmens habe mit 14 von 18 Stimmen für die Schließung gestimmt, um die französischen Logistikzentren zu reinigen und die Risiken neu zu bewerten, sagte ein Sprecher der Gewerkschaft CGT. Am Mittwochabend hatte Amazon zunächst mitgeteilt, die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sollten diese Woche zu Hause bleiben, die Lager blieben fünf Tage geschlossen.

Kunden und Kundinnen in Frankreich können weiterhin bei Händlern bestellen, die ihre Waren über die Amazon-Plattform verkaufen, aber sich selbst um den Versand kümmern. Zudem sollen sie über Amazons Logistiknetz in anderen Ländern weiter versorgt werden, sagte ein Sprecher. Um den Andrang in Frankreich zu bewältigen, hatte Amazon bereits vor drei Wochen entschieden, in dem Land keine Bestellungen von Artikeln mehr anzunehmen, die nicht für das tägliche Leben wichtig sind.

Protest französischer Amazon-Mitarbeiter
Reuters
Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vor einem französischen Amazon-Lager

Fast 10.000 Beschäftigte

Amazon hatte am Mittwoch als erste Reaktion gesagt, die Entscheidung der Justiz mache den Konzern „ratlos“. Die Beschäftigten hätten Masken erhalten, zudem werde ihr Fieber kontrolliert. „Wir interpretieren die Gerichtsentscheidung so, dass wir gezwungen sein könnten, die Tätigkeit in unseren Logistikzentren in Frankreich zu stoppen“, hatte der Onlinehändler am Mittwoch weiter mitgeteilt. Amazon beschäftigt gegenwärtig fast 10.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in seinen französischen Lagerhäusern, von denen 6.500 unbefristet angestellt sind.

USA: Entlassene Mitarbeiter kritisierten CoV-Schutz

Amazon sieht sich auch in den USA einer verstärkten Prüfung durch Gesetzgeber und Gewerkschaften ausgesetzt, ob es genug tut, um die Mitarbeiter vor dem neuartigen Coronavirus zu schützen. Amazon entließ laut eigenen Angaben wegen wiederholter Verstöße gegen interne Richtlinien drei Mitarbeiter in den USA.

Demo vor Amazongebäude in New York City
Reuters/Jeenah Moon
Auch in den USA herrscht Kritik an den Coronavirus-Sicherheitsmaßnahmen des Konzerns

Die Mitarbeiter hatten zuvor mangelnde Coronavirus-Schutzmaßnahmen kritisiert. „Kein Unternehmen sollte seine Mitarbeiter dafür bestrafen, dass sie sich umeinander kümmern, vor allem während einer Pandemie“, so einer der beiden entlassenen User-Experience-Designer.

Amazon: Kein Freifahrtschein

Amazon sagte, dass zudem ein Lagerarbeiter in Minnesota „wegen unangemessener Sprache, Verhaltens und Verletzung von Richtlinien zur sozialen Distanzierung“ entlassen worden sei. „Wir respektieren das Recht der Mitarbeiter zu protestieren“, so Amazon. Das sei jedoch kein Freifahrtschein für Handlungen, die die Gesundheit, das Wohlbefinden oder die Sicherheit der Kollegen gefährden. Das Unternehmen ging nicht näher auf die Details der Kündigungen ein.

Jeff Bezos
APA/AFP/Mandel Ngan
Das Vermögen von Amazon-Chef Jeff Bezos ist seit Jahresbeginn um rund 24 Mrd. Dollar gewachsen

Bezos nun noch reicher

Die Pandemie legt global die Wirtschaft lahm, doch der reichste Mensch der Welt wurde noch reicher: Das Vermögen von Amazon-Chef Jeff Bezos stieg dem „Bloomberg Billionaires Index“ zufolge seit Jahresbeginn um 24 Milliarden auf 138,5 Milliarden Dollar (126,1 Mrd. Euro). Grund ist der anhaltende Höhenflug der Amazon-Aktie, von dem der Konzerngründer als Großaktionär profitiert. Die Zahl der Bestellungen nahm in der Krise deutlich zu. Der weltgrößte Onlinehändler tut sich aber mit dem Ansturm schwer: Viele Kunden müssen derzeit lange warten oder können in einigen Gebieten keine Bestellungen aufgeben.