Screenshot zeigt Shirin David auf youtube.com
Screenshot/youtube.com
„90-60-111“

Shirin Davids Twerking-„Feminismus“

„Mein Ego wiegt eine Tonne“, singt Influencerin und Deutsch-Rap-Star Shirin David in ihrem jüngsten Video; ein Ego, das sie selbstbewusst verteidigt gegen Kritiker, die in Twerken und Latex-Catsuits kein feministisches Statement sehen wollen. Feminismus und Popkultur – eine schwierige Geschichte.

„90-60-90“ war gestern. Die Zeiten einer Welt aus Gigolos, an deren Seite sich „Playboy“-Centerfolds am Pool mit Cocktail räkeln, sind vorbei. In ihrem gleichnamigen neuen Song feiert Shirin David den „90-60-111“-Trend. Das geht einen Schritt weiter in Richtung eines Körperbildes, das von Jennifer Lopez geprägt wurde. Der „111er-Po“ wird dann fest geschüttelt und gerüttelt. Shirin David hockt auf einem Schrottplatz, hinter ihr wird ein SUV gecrasht.

Mittelfinger, aufgespritztes Duckface und Klunker: „Die Ghetto-Queen hat es geschafft und zeigt euch, wo’s langgeht“, lautet die unmissverständliche Botschaft (auch wenn sie kein Ghetto-Kind ist). Der Sound, mehr Trap als Cloudrap, kommt so tonnenschwer daher wie Shirin Davids Ego. Das funktioniert und bringt am ersten Tag 1,55 Millionen Klicks – ein Rekord. Auf YouTube lautete ein Kommentar: „Ich seh schon die ganzen 13-Jährigen die sich mit dem Lied krass fühlen aber sich bei MacDonalds nicht trauen nach Ketchup zu fragen.“ Immerhin. Man fühlt sich cool und stark für den Moment.

Von Bessie Smith bis Lady Gaga

Das Prinzip ist nicht neu, kommt aber jedes Mal gänzlich anders daher. Madonna gibt in Latex den sexy Machtmenschen, der die Peitsche fest in der Hand hält. Lana Del Rey zeigt, dass die Mädchen auf den Rücksitzen der Cabrios, die in Videos von US-Balladensängern seit den 50er Jahren im Hintergrund zu sehen sind, selbst denken und smarte Musik machen können. Lady Gaga löst Geschlechterrollen auf und feiert den Gendermix als intellektuell-sozial-hormonellen Normalzustand der Postmoderne. Peaches reitet mit Vokuhila auf einem Riesenpenis und brüllt dazu mit Iggy Pop im Chor „Rock ’n’ Roll“.

Die Dialektik des Pop heißt Patriarchat vs. weibliche Selbstermächtigung in einer Endlosschleife aus Aktion und Reaktion, und das nicht erst seit gestern – schon vor hundert Jahren sang Bessie Smith keine Schmachtfetzen über Traummänner, sondern schickte sie zur Hölle und forderte stattdessen „a reefa and a gang of gin“.

Es gab immer auch die anderen, denen Anpassung vorgeworfen wurde, diverse „Spice Girls“ der letzten hundert Jahre, die sich auch schon mit weiblicher Selbstermächtigung rechtfertigten – so wie heute Shirin David, die den twerkenden – also artistisch mit dem Gesäß auf und ab wippenden – Backgroundtänzerinnen in Videos männlicher Hip-Hop-Stars eine Stimme gibt. Aber hat das was mit Feminismus zu tun, wie sie selbst behauptet? Darf man sie in einem Atemzug mit Madonna nennen?

Teenie-Aggressionen und „Pussy-Power“

Deutsch-Rap hat im deutschen Sprachraum – naturgemäß – eine Sonderstellung. Verkürzt gesagt: Englisch versteht eh keiner so richtig, da sind die Texte egal, aber bei deutschen Lyrics können und wollen alle mitreden. Shirin David spielt in einer Liga mit Raf Camorra, Capital Bra und den selbst ernannten Gangstern der Straßenbande 187 (mit Bonez MC, Gzuz und Konsorten). Aber Deutsch-Rap ist nicht gleich Deutsch-Rap, alles hat seine Zeit und seine Zielgruppe.

Die bekifften Ratgeberweisheiten der Fantastischen Vier können nicht verglichen werden mit verschwitzten Teenie-Aggressionen von Bushido und Konsorten – und die wiederum nicht mit Lady Bitch Ray, einer Rapperin, die Sprachwissenschaften studiert und schon zwei Bücher über Feminismus verfasst hat, die „Bitch“ zum Machtwort umfunktioniert, die sich nicht von einer männerorientierten Produktionsmaschinerie verwursten lässt und sich selbst „eine geile Schlampe mit Pussy-Power“ nennt.

Lady Bitch Ray ist kratzbürstig, sie zeigt einer Musikindustrie den Mittelfinger, die Frauen jahrzehntelang nur als hübsches Beiwerk missbraucht hat. Sie tritt als Sexbombe auf, aber nicht als zurechtgeschnitzte Männerfantasie. Ist das ein Vorwurf, den man Shirin David machen muss? Eine zurechtgeschnitzte Männerfantasie zu sein?

Die Zielgruppe weiblicher Teenager

Manchmal könnte einen das Gefühl beschleichen, dass Feuilletonistinnen und Feuilletonisten, wenn sie über Popphänomene schreiben, keine Ahnung von der jeweiligen Zielgruppe haben und alle ihre Kritiken leicht despektierlich aus einer entweder wohlwollend-augenzwinkernden oder aus einer empörten Perspektive schreiben. Shirin David jedoch rappt nicht für den Wiener Yppenplatz und auch nicht für Berliner Szeneviertel.

Ihre Fans sind hauptsächlich 13- bis 19-jährige Mädchen und Frauen, die – davon ist auszugehen – zu einem nicht vernachlässigbaren Anteil aus konservativ-religiösen Familien stammen. Viele junge Frauen müssen ihre Liebhaber vor den Eltern und Brüdern verstecken, wenn sie nicht verstoßen werden wollen, weil sie nicht keusch auf eine „erwünschte“ Hochzeit warten – das sind keine Klischees, wie man weiß, wenn man seine Blase ab und zu verlässt.

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It’s Aries Season Putas 🦋

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„Friseusen mit tätowierten Augenbrauen“

Und da sind Mädchen dabei, die in schlecht bezahlten „Frauenberufen“ als Dienstleisterinnen immer lieb und freundlich sein müssen zu manchmal ganz schön unhöflichen Frauen – und Männern, die mit abschätzigem Blick auf die „Friseusen mit den tätowierten Augenbrauen“ herunterschauen. Gerne wird von „bildungsfernen Schichten“ gesprochen, und die angeblich besorgten Kritiker verziehen dabei über die „Prolos“ (früher war „Proletarier“ ein stolzer Begriff) – wenn keiner hinschaut – das Gesicht, als würden sie in eine Zitrone beißen.

Mit Konsumklunker zum Heldenstatus

Wer gehört werden will, muss anschlussfähig sein für seine Zielgruppe. Teenager, die auf Influencerinnen stehen, die Schminktipps geben und Luxusmarken promoten, können in der Regel mit Peaches nicht viel anfangen. Da kommt Shirin David gerade recht: Sie war schon vor ihrem ersten Album erfolgreiche Influencerin – und hat Migrationshintergrund (ihre Familie stammt aus Litauen, ist aber nicht sozial benachteiligt). Bereits als 18-Jährige hatte sie in diversen Sozialen Netzwerken Hunderttausende Followerinnen. Sie gab lebensnahe, sympathische Tipps für alle Lebenslagen, bewarb Konsumklunker und wurde so zur Heldin für viele Mädchen.

Und, wie sie in einem mittlerweile gelöschten Video ausgeführt hatte, steckte sie gut 75.000 Euro in Schönheits-OPs: Lippen aufgespritzt, Brust vergrößert, Nase verkleinert – das Einsermenü der modernen Body-Modification von Buenos Aires bis Nowosibirsk. Letztes Jahr dann das erste Album als Rapperin. Schon auf dem Cover sieht man sie nackt – und in den Texten wird wortreich das Selbstbild einer „Luxusbitch“ beschworen („Gib’ ihm“, „Brillis“).

Eine „Feminismusdebatte“

In den Videos tritt sie auf, als hätte man die männlichen Rapper rausgelöscht und würde nur noch die twerkenden, in Latex gezwängten Backgroundsängerinnen sehen. Da sie in den Charts wie eine Rakete hochschoss und so die für „Prolokultur“ extrem hohe Wahrnehmungsschwelle der überregionalen deutschen und österreichischen Qualitätsmedien durchschlug, entstand folgerichtig eine „Feminismusdebatte“.

Der Vorwurf, im Kern: Wer proaktiv Männerfantasien bedient, ist nicht eigenständig, sondern verkauft sich sogar noch freiwillig als Objekt. Das sei Selbstaufgabe, nicht Selbstermächtigung. Shirin David schien getroffen und antwortete vergangenes Jahr, nachdem ihre erste Platte erschienen war, mit einem Instagram-Posting.

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Der Respekt vor Frauen und ihren Entscheidungen ist so tief in mir verwurzelt, dass er für mich eine Selbstverständlichkeit ist und nicht etwas, das wie eine Werbung mit dem Hashtag #Frauenpower gekennzeichnet werden muss. Es trifft mich immer wieder unerwartet, wenn ich einen reißerischen Artikel über meinen angeblichen Anti-Feminismus lesen muss. Wir sind zwar im Jahre 2019, aber es scheint, dass viele Menschen immer noch davon schockiert sind, dass eine Frau unter ihren Kleidern nackt ist. Ich werde verurteilt, weil ich meinen Körper gerne und stolz präsentiere. Ich möchte mich hier direkt an die Verurteilenden wenden und fragen: Ist das Recht den eigenen Körper so präsentieren zu dürfen wie man es möchte nicht einer der Aspekte, für den zahllose Generationen von Frauen gekämpft haben? Würdet ihr mich immer noch als Sexistin beschimpfen, wenn ich mir mit Edding „Fuck the government“ auf meine nackten Brüste schreiben würde? Wahrscheinlich nicht, denn dann wäre die Message offensichtlich: Ich möchte, dass meine Nacktheit genauso gesellschaftlich akzeptiert wird wie die der Männer. Ich habe nie und werde nie andere Frauen dafür kritisieren wie sie sich kleiden. Vor allem nicht um Aufmerksamkeit zu bekommen und erst recht nicht für Promo-Zwecke. Ich respektiere, wenn Frauen sich, weil sie stolz auf ihre Körper sind, bedeckt kleiden. Ich respektiere, wenn Frauen sich aus völlig anderen Gründen bedeckt kleiden. Aber ebenso respektiere ich, wenn Frauen sich nur im Tanga zeigen, wenn es das ist womit sie sich wohlfühlen. Ich bringe jedem Journalisten, der objektiv einen kritischen Artikel über mich schreibt Respekt entgegen. Aber wenn ich einen Artikel lese, in dem Zitate entkontextualisiert, Frauen gegeneinander aufgehetzt und ich als Anti-Emanze dargestellt werde, dann kann ich nur noch sagen, dass euch nicht nur eure Kugelschreiber, sondern auch das Recht jegliche Schreibprogramme verwenden zu dürfen entzogen werden sollte. Nutzt eure Stimmen für relevante Themen. Kriege. Armut. Naturkatastrophen. Aber ich kann es schon verstehen. Die Stichworte „Shirin David nackt“ werden halt besser als „Der Amazonas brennt- wir werden alle sterben“ geklickt. #SUPERSIZE

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In dem Posting heißt es unter anderem: „Es trifft mich immer wieder unerwartet, wenn ich einen reißerischen Artikel über meinen angeblichen Anti-Feminismus lesen muss. Wir sind zwar im Jahre 2019, aber es scheint, dass viele Menschen immer noch davon schockiert sind, dass eine Frau unter ihren Kleidern nackt ist. Ich werde verurteilt, weil ich meinen Körper gerne und stolz präsentiere. Ich möchte mich hier direkt an die Verurteilenden wenden und fragen: Ist das Recht den eigenen Körper so präsentieren zu dürfen wie man es möchte nicht einer der Aspekte, für den zahllose Generationen von Frauen gekämpft haben?“

Mitnichten eine Aufklärerin

Ob das Feminismus ist, darüber lässt sich trefflich streiten, wenn man diese Frage überhaupt für relevant hält. Zumindest müsste man sich auf einen gemeinsamen Feminismus-Begriff einigen – schwierig genug; weibliche Selbstermächtigung ist es allemal. Die Zielgruppe, auf die heruntergeblickt wird, weil sie entweder nicht keusch genug oder nicht intellektuell-alternativ genug ist, kann Davids „Leckt mich, ich bin gerne so“-Attitüde selbstbewusst vor sich hertragen.

Das emanzipatorische Potenzial entfaltet sich so zumindest auf halber Strecke. Ähnlich, wie das im Hip-Hop mit dem umcodierten Begriff „Nigger“ passiert ist, kapern Frauen im Hip-Hop den Begriff „Bitch“. Als „Bitches“ wurden sie angesprochen, als „Bitches“ antworten sie – aber nicht so, wie sich das die Männer erwartet haben. Und so positionieren sie sich auf dem Musikmarkt. Das kann auch David für sich in Anspruch nehmen – noch dazu, weil sie kein „Produkt“ ist, sondern sich und ihre Kunstfigur selbst erfunden, gemeinsam mit dem Netzwerk TubeOne Networks aufgebaut und später selbst vermarktet hat.

Das ist nicht nichts – funktioniert aber paradoxerweise nur, weil David so manchen Kritiker hilflos zurücklässt. Man kann sie aus aufklärerischer Sicht nur schwer eindimensional abfeiern. David tritt zum Beispiel gemeinsam mit Deutschlands notorischem Verschwörungstheoretiker-Rap-Wirrkopf Nummer eins auf. Sie arbeitete mit den wegen Homophobie in der Kritik stehenden Rappern Mert und Fler zusammen. Und die Klimabewegung scheint ihr auch kein allzu großes Anliegen zu sein, gemessen an ihrer Konsumaffinität und der SUV-Dichte in ihren Videos.

„Bitch Hunt“ als „Witch Hunt“

Das muss wohl alles so sein, will sie mit ihren männlichen Rap-Kollegen auf Augenhöhe batteln. Da ist es letztlich egal, ob ihre operierten Brüste eine Auflehnung oder eine Anpassung ans Patriarchat sind – das verdoppelt im besten Fall noch die Zielgruppe. Um den Preis, dass die inquisitorische Feuilletonisten-„Witch Hunt“ zur „Bitch Hunt“ wird.

Aber selbst das nützt ihr ja wieder, Aufmerksamkeit lässt sich, wenn man eine gewiefte Geschäftsfrau wie Shirin David ist (sie vertreibt auch Parfum und Accessoires mit einem Umsatz von bereits mehr als zehn Millionen Euro), in bare Münze umwandeln. Ein weiterer Grund, den Mittelfinger in die Kamera zu recken. Das ewige Spiel von Aneignung und Umdeutung geht weiter, die nächste Runde ist eingeläutet.